Markdorf Esref Su: "Man sollte Gehörlose nicht unterschätzen"

Auf einen Kaffee mit... Esref Su, der nicht nur reihenweise Tore für den SC Markdorf schießt, sondern auch erfolgreich für die Gehörlosen-Nationalmannschaft der Türkei spielt.

Sie stürmen seit anderthalb Jahren für den SC Markdorf. Vor einiger Zeit haben Sie das 1000. Landesliga-Tor des Vereins geschossen. Wie hat sich das angefühlt?

Wir wussten vor dem Spiel, dass das nächste Tor das Tausendste sein wird. Natürlich bin ich stolz, dass ich das Tor dann letztendlich geschossen habe. Aber viel wichtiger ist es, mit der Mannschaft zu gewinnen.

Wurde Ihnen das fußballerische Talent in die Wiege gelegt oder wann begann Ihre Kicker-Karriere?

Ich verdanke meinem Vater, dass ich Fußballer wurde. Drei Jahre war ich alt, als er, der selber Stürmer war, mir die ersten Schuhe geschenkt hat. Von da an habe ich jeden Tag gespielt. Und egal wohin es ging, immer musste ein Ball dabei sein, gegen den ich treten konnte.

Sie sind von Geburt an gehörlos. Wann stellte man das fest?

Diagnostiziert wurde das, als ich etwa zwei Jahre alt war. Meine Eltern haben gemerkt, dass etwas nicht passt und dann einen Arzt zurate gezogen. Im Alter von vier Jahren bekam ich dann Cochlea-Implantate, nachdem einfache Hörgeräte nichts halfen.

Bedeutet das, dass sie ohne diese Implantate taub sind?

Bis 110 Dezibel bekomm' ich nichts mit. Immerhin die Lautstärke von Kreissägen und Presslufthämmer. Im Alltag trage ich die Implantate, beim Sport aber nicht mehr.

Wie funktioniert dann die Kommunikation beim Fußball?

Kommunikation ist in dieser Sportart natürlich sehr wichtig. Als ich klein war – acht Jahre etwa -, trug ich bei den Spielen noch Implantate, merke aber schnell, dass das nicht funktioniert. Mittlerweile findet die verbale Kommunikation vor dem Spiel und natürlich in der Halbzeit statt.

Und währenddessen?

Währenddessen höre ich dann nichts, also funktioniert alles über Handzeichen und vor allem Intuition. Dadurch, dass ich akustisch nichts wahrnehme, ist mein Sehsinn stärker ausgeprägt als bei anderen Spielern. Ich nehme optisch sehr viel war, hab' ein großes und gutes Empfinden für den Raum und für das, was um mich herum passiert. So sehe und erahne ich, was meine Mitspieler von mir wollen.

Sie laufen seit 2013 regelmäßig für die türkische Gehörlosen-Nationalmannschaft auf. Wie kam es dazu?

Es gab auch die Option für mich, für die deutsche Nationalmannschaft für Gehörlose zu spielen. Der Trainer wollte mich damals unbedingt haben. Aber aufgrund der Herkunft meiner Familie habe ich mich für das türkische Team entschieden – für mich die beste Mannschaft, in der ich bisher spielen durfte.

Wie unterscheiden sich die türkische Nationalmannschaft und der SC Markdorf?

In der Nationalmannschaft läuft es schon professioneller ab, das Training, die Vorbereitung. Vom Niveau her ist es dort vergleichbar mit der deutschen Regionalliga. Außerdem gibt es viele komplette und bereits fertige Spieler. In Markdorf haben wir einen noch jungen Kader, der gerade zu einer Gemeinschaft zusammenwächst. Wir haben auf jeden Fall gute Chancen, die Landesliga zu halten, uns weiterzuentwickeln und für die Zukunft etwas Großes aufzubauen.

Erfolgreicher waren Sie bisher auf jeden Fall mit dem türkischen Team. 2017 haben Sie gemeinsam mit der Nationalmannschaft den Titel bei den Deaflympics, der Gehörlosen-Olympiade, geholt, im Jahr zuvor die Weltmeisterschaft. Über welchen dieser Titel haben Sie sich mehr gefreut?

Tatsächlich über den Sieg bei den Deaflympics. Und das aus mehreren Gründen: 2013, bei der vergangenen Gehörlosen-Olympiade, sind wir im Viertelfinale knapp am Titelfavorit Ukraine gescheitert. Uns dafür zu revanchieren war schon mal toll. Außerdem, das ist ein weiterer Grund, wurde ich bei diesem Turnier mit sechs Toren Torschützenkönig. Und zuletzt fand dieses Turnier in meiner Heimat in der Türkei statt.

Wie geht man mit so vielen Erfolgen um?

Man muss natürlich die Bodenhaftung behalten. Das bedeutet aber nicht, dass man nicht stolz sein darf auf das, was man erreicht und geleistet hat. Aber wenn ich mich heute auf den Rasen stelle, beginne ich jedes Spiel immer bei Null, muss mich also immer wieder beweisen. Egal, für welche Mannschaft ich auflaufe.

Sie sind 23 Jahre jung, haben eigentlich das beste Fußballeralter noch vor sich und dennoch schon so viel erreicht. Welche Ziele haben Sie noch vor Augen?

Mein großes Ziel ist es, irgendwann in einer deutschen Profiliga zu spielen. Ich möchte beweisen und zeigen, dass auch gehörlose Menschen das schaffen können und dass man uns nicht unterschätzten sollte.

FRAGEN: LUKAS REINHARDTAlle Kaffegespräche im Internet:www.suedkurier.de/kaffee

Zur Person

Esref Metin Su, 1994 in Friedrichshafen als Sohn türkischstämmiger Gastarbeiter geboren, wuchs in Uhldingen auf und besuchte, nachdem man im Alter von zwei Jahren seine Gehörlosigkeit feststellte, das Hör-Sprachzentrum Wilhelmsdorf. Nach erfolgreichem qualifizierenden Hauptschulabschluss im Jahr 2011 begann er im rund 150 Kilometer nördlich liegenden Winnenden eine Ausbildung zum Feinwerkmechaniker, die er nach dreieinhalb Jahren abschloss. Seit 2013 stürmt das begabte Fußballertalent für die türkische Gehörlosen-Nationalmannschaft und schoss das Team mit seinen Toren 2015 zum Europa- und im Jahr darauf zum Weltmeistertitel. 2017 folgte der bisherige Höhepunkt seiner Kicker-Karriere, als er mit der Türkei im Finale der Deaflympics, der Gehörlosen-Olympiade, die Ukraine im Elfmeterschießen besiegte. Seit der Saison 2016/2017 schießt der Offensiv-Allrounder seine Tore für den SC Markdorf, in dieser Spielzeit bisher acht in zwölf Partien. (lre)

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