Kressbronn Lände zeigt gesägte Scherenschnitte

Der "Paper Cut" ist eine Sache von gestern? Von wegen! In der Lände in Kressbronn loten Gabriele Basch, Marc Dittrich, Julia Sossinka und Bruno Sutter neue Möglichkeiten aus. Das Ergebnis der von Gudrun Teumer-Schwaderer kuratierten Ausstelung ist Kunst, die durch so manchen logischen Bruch verblüfft.

Scherenschnitt, das klingt nach einem Seitenzweig der Kunst, der mit Lotte Reinigers Märchenszenen an sein Ende gelangte. In der Lände Kressbronn zeigt die Ausstellung „Paper Cuts“ nun, dass der Scherenschnitt es in die Kunst der Gegenwart geschafft hat – mit Arbeiten von Gabriele Basch, Marc Dittrich, Julia Sossinka und Bruno Sutter.

Unbeschwert vom Image und den Beschränkungen, die dem Scherenschnitt angelastet werden, gehen die teils erst in den 70er und 80er-Jahren geborenen Künstler neue Wege. Julia Sossinka etwa schneidet das Papier nicht, sondern reißt es – und gestaltet damit auch keine „Flachware“, sondern dreidimensionale Bilder aus farbigen Schlingen und Schlaufen. Dabei hält sie sich aber nicht immer an eckige Bildformate, sondern baut amorphe Gebilde, die ins Objekthafte gehen und deren Formen an fremdartige Organismen erinnern. Sossinka kommt von der Malerei, hat bei Lüpertz studiert – und da sie ihre Papiere selbst bemalt, ehe sie gerissen werden, handelt es sich letztlich um „anfassbare“ Pinselspuren, die neu arrangiert werden; eine Art analoge „Malerei 2.0“. Sossinka bringt zu Ausstellungen keine fertigen Arbeiten mit, sondern stellt sie erst vor Ort her. Auf eine ihrer raumgreifenden Installationen, die sich vom Boden bis zur Decke spannten und den Paper Cut zu höhlenartigen Gebilden erweitern, muss man in Kressbronn verzichten – die Künstlerin stapfte ein fast fertige Arbeit wieder ein.

Auch der Schweizer Bildhauer Bruno Sutter schneidet das Papier nicht – er rückt ihm mit der Kreissäge zu Leibe. Der Begriff „Leib“ trifft es, denn er presst und verschraubt bedrucktes Papier zu festen Blöcken, die er dann in Stücke sägt und zur Installation gruppiert. Faserig sind diese Papierklötze, die ihre Schnittkanten herzeigen, den Blick auf die einzelne Seite aber verwehren und damit die Logik des Paper Cuts auf den Kopf stellen. Bruno Sutter kombiniert seine Papierklötze, zu regelrechten Türmen angewachsen, auch mit Beton zur Wandskulptur – eine größere Distanz zum traditionellen zarten Scherenschnitt ist kaum denkbar.

Gabriele Basch ist die prominenteste Vertreterin des Paper Cuts in dieser Ausstellung – und dennoch zugleich diejenige, die sich am wenigsten von der althergebrachten Arbeitsweise abhebt. Sie schneidet Formen ins Papier – aber wo der pittoreske Charakter von Scherenschnitten, wie man sie kennt, auch im kleinformatigen Papier begründet ist, arbeitet Basch auf riesigen Bögen. In schier unübersehbarer Vielzahl schneidet sie Formen, bei denen man nie sicher ist, ob nun die Negativform oder der stehengelassene Papierrahmen als Gestalt gelesen werden soll – das macht ihre Arbeiten zu Umspringfiguren für den Betrachter. Zusätzlich verwirrt wird er durch aufgesprühte Farben: sie umrahmen einzelne Schnittkanten und fokussieren so die Aufmerksamkeit – breitflächig auf ganze Blattpartien gelegt, scheinen sie eine Sinneinheit der Formen zu markieren, die aber nicht aufzufinden ist. Auch rückseitig trägt Gabriele Basch Farbe auf ihre an der Wand befestigten Schnitte auf.

Von der Wand reflektiert, ergibt sie eine Aura, von der die Schnittkonturen auf der Vorderseite verunklart werden. Ohne die althergebrachte Arbeitsweise mit der Klinge zu verlassen, wird also die leichte Überschau- und Erkennbarkeit des traditionellen Scherenschnitts vielfach kurzgeschlossen.

Der schlichteste Scherenschnitt ist der Schattenriss, der sich auf die Kontur eines Gegenstands beschränkt. Wie soll man sich dagegen einen Scherenschnitt vorstellen, der aus der Fotografie des Gegenstands selbst gefertigt ist? Das klingt nach einem logischen Widerspruch – und doch beruhen auf ihm die Paper Cuts von Marc Dittrich. Er schneidet Fotografien von streng strukturierten Hausfassaden in schmale Streifen und bildet aus ihnen ein Flechtmuster. Allein durch die Materialdicke des Fotopapiers kommt es dabei zu Verschiebungen in der Raster-Ordnung des Bildmotivs. „Mich interessiert, dass eine Betonplatte, die hundert Mal nach gleichem Muster verbaut wurde, plötzlich einen individuellen Charakter bekommt“, sagt Dittrich. Indem die beiden Bildraster – das der Fassade und das der Streifenbreite – einander durchdringen und stören, kann sich eine Art optisches Flimmern ergeben, das auch aus dem Spiel mit der virtuellen Dreidimensionalität und der realen Tiefe des gewebten Bildes resultiert – denn Dittrich stellt bis zu drei gewebte Bildebenen hintereinander. Im Fall des Sonnenblumenhauses in Rostock-Lichtenhagen etwa, das zum Symbol fremdenfeindlicher Ausschreitungen wurde: Dittrichs Paper Cut der Fassade wirkt ähnlich hochartifiziell wie eine am Bildschirm arrangierte Fotografie von Andreas Gursky.

„Ich begreife das Foto nicht als Abbild, sondern als Baumaterial“, sagt Dittrich – und baut auch Potemkinsche Städte, bei denen jeder Wolkenkratzer vier ganz reale gewebte Seiten besitzt. „Box-Häuser“ nennt er sie, weil die Sockel, auf die er sie stellt, zugleich ihre Transportkisten sind. Marc Dittrichs nächstes Ziel ist, begehbare Paper Cuts von Häusern zu machen – in großem Maßstab also auch ihr Inneres darzustellen. Das ist ähnlich verrückt wie 2005 eine Idee von Jan Brokof: Er hat im Kunstverein Friedrichshafen in Originalgröße sein Jugendzimmer aufgebaut – als Holzschnitt.

Bis 3. Dezember in der Lände, geöffnet Mittwoch bis Sonntag von 15 bis 17 Uhr.

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