Friedrichshafen Zeppelin Museum zeigt Werk von Max Ackermann

Die neue Ausstellung im Zeppelin Museum Friedrichshafen zeigt die große Vielfalt der Stilrichtungen und die Entwicklung des Künstlers Max Ackermann. 130 Werke, bis auf drei alle aus dem Fundus des Museums, sind von 8. Dezember 2017 bis 8. April 2018 zu sehen.

Eine alte Frau, gebückt, mit hohlen Wangen und Sorgen im Blick, schleicht an einem Plakat vorbei, auf dem „Aufwertung von Sparguthaben“ steht. Eine Prostituierte hockt auf der Sofalehne, während sich ihr Freier mit hängendem Kopf in den Schritt fasst. Ein hagerer Künstler bietet einem feisten Kerl mit Schnurrbart und 10-Mark-Schein seine Zeichnungen an. In den 20er Jahren zeichnete Max Ackermann alles, was ihm in Großstädten vor die Augen kam: Kaffeehaus- und Bordellszenen, Situationen im Park oder auf der Straße. In Zeichnungen und Radierungen setzt er sich kritisch mit sozialen Themen auseinander, mit der Weltwirtschaftskrise, der ungleichen Verteilung von Gütern und auch mit aktuellen Fragen wie dem Volksentscheid zur Enteignung der Fürstenhäuser.

„Er entdeckte die wilden 20er für sich und entwickelte damals schon einen eigenen Zeichenstil“, sagt Claudia Emmert, Direktorin des Zeppelin Museums. „Wir können in dieser Ausstellung zeigen, wie sich Ackermann zu dem abstrakten Künstler entwickelte, als der er später bekannt wurde.“ Zum 130. Geburtstag von Max Ackermann zeigt das Museum eine Retrospektive mit 130 Werken des Künstlers. Bis auf drei entstammen sie dem eigenen Fundus. „Wir setzen damit die Reihe über Pioniere der modernen Kunst fort“, sagt Emmert. Angefangen hatte diese 2015 mit der Ausstellung über Andreas Feininger, im vergangenen Jahr war Otto Dix an der Reihe und 2018 soll es eine Werkschau von Willi Baumeister geben.

„Max Ackermann – der Motivsucher“ ist das Motto der Ausstellung. „Ackermann war zeit seines Lebens auf der Suche, nach Motiven oder Stilen. Er hat immer wieder Neues ausprobiert“, sagt Ina Neddermeyer, Kuratorin der Ausstellung und Abteilungsleiterin Kunst im Zeppelin Museum. Schon seine Ausbildung wird zur Odyssee: Mit 17 beginnt er eine Lehre als Porzellanmodelleur, drei Jahre später studiert er in Weimar bei Henry van de Velde, wechselt an die Kunstakademie Dresden, dann nach München und später nach Stuttgart. Großen Einfluss auf ihn hatte der Maler Adolf Hölzel, der früh auf Abstraktion und Moderne setzte.

Blick auf das Werk nach dem Zweiten Weltkrieg. Hinsichtlich der Farbgebung wäre das Ausstellungsdesign eine eigene Ausstellung wert.
Blick auf das Werk nach dem Zweiten Weltkrieg. Hinsichtlich der Farbgebung wäre das Ausstellungsdesign eine eigene Ausstellung wert. | Bild: Corinna Raupach

Die ersten Bilder der Ausstellung sind noch vom Jugendstil beeinflusst: Als junger Mann fertigte Ackermann naturalistische Zeichnungen unbeschwerter junger Menschen. 1915 wurde er zum Kriegsdienst eingezogen und 1917 nach einem Lazarettaufenthalt entlassen. „Danach habe er nicht mehr so malen können wir vorher, hat er später gesagt“, sagt Neddermeyer. Er stand kommunistischen und anarchistischen Vereinigungen nahe, nahm im Stil der Neuen Sachlichkeit seine Umgebung in den Blick. Dabei besticht er als genauer Beobachter, zeichnet Porträts von großer Eindringlichkeit und vielschichtige Milieustudien. Ölbilder malt er selten, aus einem einfachen Grund: „Er hatte einfach kein Geld. Aus seinen Tagebüchern wissen wir, dass er auch bei der Ernährung versucht hat, mit möglichst wenig auszukommen“, sagt Emmert. Es lag ihm aber auch an seiner Unabhängigkeit.

Im Nationalsozialismus wurde Ackermanns Kunst als entartet diffamiert. Er durfte nicht mehr ausstellen, sein Seminar für „Absolute Malerei“ in Stuttgart wurde verboten. Er wechselt an den Bodensee, nach Hornstaad auf der Höri. Auf den Landstrich hatten sich schon andere Künstler wie Helmuth Macke und Otto Dix vor den Nazis zurückgezogen. Ackermanns Frau, die Geigerin und Gymnastiklehrerin Gertrud Ostermayer, unterhielt dort ein Ferienheim, an dem Ackermann Kunstkurse gab. Er ging in die innere Emigration. „Man kann auch von einem fröhlichen Widerstand sprechen, er war in diesen Jahren sehr produktiv“, sagt Neddermeyer. Er malte Naturlandschaften, widmete sich den Themen Musik und Tanz und probierte sich an abstrakter Malerei aus. Er malte à la Schlemmer, Braque oder Matisse, andere Bilder sehen aus wie von Kandinsky oder Miró. Wann er seine ersten ungegenständlichen Bilder malte, ist unklar. Eine abstrakte Zeichnung ist auf das Jahr 1919 datiert. „Sie ist aber eine Vorstudie für ein Gemälde von 1951, es liegt also nahe, dass Ackermann sie zurückdatiert hat“, vermutet Emmert. Da der Künstler auch Tagebucheintragungen nachträglich redigierte, ist das nicht auszuschließen. Viele frühe Werke sind verbrannt, als 1943 ein Bombenangriff sein Stuttgarter Atelier verwüstete.

Am Bodensee jedenfalls arbeitete er sowohl figürlich als auch abstrakt und tastete sich langsam an seinen Spätstil heran, der ihn nach dem Krieg bekannt machte. Der wirkt, als nutze er jetzt alle Farben, die er sich früher nicht leisten konnte. Leuchtende „Hymnen“ preisen den „Altar der Athene“, das „Gold der Äpfel“ oder den Garten Eden. In seinen „überbrückten Kontinente“ verbinden funkelnde Miniaturen große Farbflächen, auf intensivem Rot strebt sein „Farbturm“ nach oben.

Ackermann und die Neue Sachlichkeit: Ausschnitt aus dem Blatt „Grammphon“ (1930).
Ackermann und die Neue Sachlichkeit: Ausschnitt aus dem Blatt „Grammphon“ (1930). | Bild: Corinna Raupach

Obwohl sich sein Schaffen in den verschiedenen Epochen ganz unterschiedlich darstellt, gibt es doch auch Gemeinsamkeiten. Vor allem fällt eine Orientierung am Senkrechten auf. Seine Figuren sind lang und schmal, viele Linien zeigen nach oben, in der Ausstellung gibt es kaum ein Bild im Querformat – Sinnbild auch für seine lebenslange Suche nach etwas Höherem. „Die Abstraktion war für ihn auch die Suche nach einem überzeitlichen Prinzip“, sagt Emmert. Heute gilt Ackermann als einer der bedeutenden Wegbereiter der abstrakten Kunst in Süddeutschland.

Die Ausstellung ist von 8. Dezember bis 8. April im Zeppelin Museum zu sehen. Das Museum ist dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Informationen im Internet: www.zeppelin-museum.de

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