Friedrichshafen - ZF-Stipendiaten Payer Gabriel auf der Spur des Lebendigen

Am morgigen Donnerstag wird im Zeppelin Museum um 19 Uhr die Ausstellung "Die kosmische Zwangsläufigkeit des Lebens" eröffnet. Micha Payer und Martin Gabriel arbeiten in Zeichnungen und einer Skulptur an einer Analogie zur Komplexität des Daseins. Payer Gabriel sind die 36. Stipendiaten der ZF Kunststiftung.

Fragt man Martin Gabriel nach dem Zentrum seiner Kunst, sagt er: „Man kann das immer wieder anders erzählen.“ Das hat seinen Grund. Denn mit seiner Partnerin Micha Payer hat er sich nichts Geringeres vorgenommen, als die „Frage des Lebendigen“ optisch umzusetzen. Das Lebendige – das sind der Körper, der Geist, die Gesellschaft in allen ihren Ausprägungen. Um da nicht schon im Ansatz verschluckt zu werden, muss man sich als Künstler an den Rand zu stellen versuchen – so wie der „Idiot“ im philosophischen Sinn des Wortes. Der Idiot ist der Außenseiter, der am Treiben der Anderen keinen Anteil nimmt und so zu Einsichten über sie gelangt. „Monolithen und Idioten“ heißt in der Ausstellung denn auch die einzige Skulptur von Payer Gabriel; ansonsten arbeiten die beiden Wiener zeichnerisch. Es handelt sich um 28 Aluminiumabgüsse eines Stücks Treibholz – 28 Abgüsse, von denen keiner dem anderen wirklich aufs Haar genau gleicht. Damit ist man auch bei einem Grundprinzip des Lebendigen: Es vervielfältigt sich nur in Varianten. In der Wiederholung ist die Abweichung stets inbegriffen. Damit wiederum bewegt sich das Lebendige auf einem Grat zwischen Ordnung und Chaos: Wie viel Chaos „braucht“ das geordnete Biosystem des Lebens – und wie viel Chaos „vertragen“ andererseits seine Bausteine, damit sie sich noch verbinden?

"Die kosmische Zwangsläufigkeit des Lebens" – Ausstellung von Martin Gabriel und Micha Payer (Duo Payer Gabriel), Stipendiaten der ZF Kunststiftung, im Zepp Lab des Zeppelin Museums Friedrichshafen. Hier die Arbeit " Monolithen und Idioten".
"Die kosmische Zwangsläufigkeit des Lebens" – Ausstellung von Martin Gabriel und Micha Payer (Duo Payer Gabriel), Stipendiaten der ZF Kunststiftung, im Zepp Lab des Zeppelin Museums Friedrichshafen. Hier die Arbeit " Monolithen und Idioten". | Bild: Harald Ruppert

Zwischen Ordnung und Chaos spannt sich das „Lebendige“ auf. Und auch die gezeigte Kunst lebt aus den Gegensätzen. Mit Mehrdeutigkeit solle sie aufgeladen sein, sagt Micha Payer – und kommt zu den Aluminiumabgüssen von „Monolithen und Idioten“ zurück. Darin geht es nicht nur und die Frage der Reproduzierbarkeit, sondern auch um die Spannung zwischen Materialität und Körperlosigkeit. Auf ihren langen Stäben wirken die Monolithen, als würden sie wie Wolken schweben. Schon ist man gedanklich bei der Cloud als der „hochgeladenen“ realen Welt, die ortlos geworden ist. Was bedeutet eine Welt, die ihre Griffigkeit verliert, aber wiederum für den Idioten? Nichts anderes, als dass seine Definition auf den Kopf gestellt wird: Wo die Marktplätze der Zusammenkunft sich in den Chatroom verlagern, wird jeder zum Vereinzelten vor dem Display – zum Idiot im herkömmlichen Sinn. Ist in solchen Zeiten der neue Idiot derjenige, der das WLAN kappt und wieder mitten im analogen Gemeinwesen steht? Der Outsider von gestern wird zum Insider von morgen; und umgekehrt.

"Die kosmische Zwangsläufigkeit des Lebens" – Ausstellung von Martin Gabriel und Micha Payer (Duo Payer Gabriel), Stipendiaten der ZF Kunststiftung, im Zepp Lab des Zeppelin Museums Friedrichshafen.
"Die kosmische Zwangsläufigkeit des Lebens" – Ausstellung von Martin Gabriel und Micha Payer (Duo Payer Gabriel), Stipendiaten der ZF Kunststiftung, im Zepp Lab des Zeppelin Museums Friedrichshafen. | Bild: Harald Ruppert

Wer drinnen und wer draußen steht, ist eine Frage des Verhältnisses der einzelnen Teile zum Ganzen. Das berührt auch die große Zeichnung eines Meteoriten auf 100 Din A4-Blättern. (Fast) jedes der minutiösen Blätter ist an seinem Platz – durch die verschiedene Farbigkeit entsteht aber zugleich ein disparater Eindruck. Und betrachtet man aus der Nähe jedes Blatt für sich, lösen sie sich ins Amorphe auf.

Was ist das große Ganze? Nach welchen Regeln funktioniert es? Schwer zu sagen, wenn das große Ganze „das Lebendige“ heißt. Lebendig sind die Zelle, die Organismen von Flora und Fauna, der Geist, der Staat und so weiter. In der Systemtheorie heißt es: „Die Komplexität eines Systems steigt mit der Anzahl an Elementen, der Anzahl an Verknüpfungen zwischen diesen Elementen sowie der Funktionalität und Unüberschaubarkeit dieser Verknüpfungen.“ Wenn das Lebendige aus unübersehbaren Wechselwirkungen seiner Bestandteile besteht – wo ist dann der Masterplan? Was unterscheidet eine Ordnung, die man nicht mehr überblickt, vom Chaos? Mit dieser Frage spielen Payer und Gabriel: Ihre peniblen Zeichnungen von einem Waldstück, einem Wal oder Schwemmhölzern erinnern an Lexikon-Illustrationen aus Zeiten, in denen die Welt noch aus der Inventarisierung ihrer Einzelheiten erklärbar schien. Die Künstler lösen diese Annahme zugleich wieder auf – durch den Verlust der Einheit ihrer jeweils mehrteiligen Zeichnungen. Sie durchdringen einander: Ein Blatt des Meteoriten wandert zum Waldstück, ein Ausschnitt des Weltalls wird in den Meteoriten eingefügt; und so fort.

Stichwort „Weltall“ und „Lexikon“: Unlängst haben Payer Gabriel ein Künstlerbuch herausgebracht, das wie ein Lexikon aufgebaut ist. Darin wird unter dem Stichwort „Weltall“ Hannah Arendt zitiert. Der Fortschritt der Wissenschaft habe mit Kopernikus eingesetzt, schreibt sie sinngemäß. Mit dessen Entdeckungen habe der Mensch begonnen, seine Imaginationskraft aus dem „Gravitationsfeld der Erde“ herauszuheben und die Fähigkeit erlangt, „von einem gewissen Punkt im Universum“ auf sie herabzusehen. Nur sei der Mensch mit jedem weiteren Fortschritt der Wissenschaft auch immer kleiner geworden.

Hier wird dem Außenseiter eine neue Rolle zugewiesen: Er ist in einem ersten Schritt derjenige, der am Rand stehend über die Gegebenheiten im Inneren zu Einsichten gelangt. Sie tragen aber nur zu einer noch weiteren Verkomplizierung der Verhältnisse bei. Diese Pointe ist so bitter wie die Zeichnung des Weltalls von Payer Gabriel: Die Sterne darauf sind in Wahrheit gezeichnete Schmerztabletten. Lassen sich nur damit die Paradoxien noch ertragen?

Die Eröffnung ist am Donnerstag um 19 Uhr im Zeppelin Museum.

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