Friedrichshafen Was ZF-Mitarbeiter zur Krise sagen

Die Wahl von Franz-Josef Paefgen zum neuen Chef des Aufsichtsrats des Friedrichshafener Automobilzulieferers wird von der Belegschaft positiv aufgenommen. Oberbürgermeister Andreas Brand überzeugt offensichtlich die rund 5000 ZFler, die zur Betriebsversammlung am Dienstagmorgen in die Messe gekommen sind.

Wenn ein Betriebsrat eines Unternehmens zu einer Betriebsversammlung ruft, stehen interne, aktuelle Entwicklungen im Mittelpunkt. An denen mangelt es bei ZF Friedrichshafen derzeit nicht. So verwundert es auch nicht weiter, dass die Versammlung in der Messehalle am Dienstagmorgen mit rund 5000 Mitarbeitern so gut besucht war wie selten zuvor.

Erst am Montag wählte der ZF-Aufsichtsrat den früheren Automobilmanager Franz-Josef Paefgen zum neuen Vorsitzenden, nachdem sein Vorgänger Giorgio Behr überraschend zurücktrat. Paefgen betonte nach seiner Wahl, dass es wichtig sei, dass nun wieder Ruhe einkehre und das Unternehmen sich auf die Zukunft konzentrieren solle. In diese Richtung gingen Mitarbeitern zufolge auch die Appelle des Betriebsratsvorsitzenden Achim Dietrich, von Enzo Savarino (IG Metall) und Oberbürgermeister Andreas Brand, der die Position der Stadt und der Zeppelin-Stiftung erläuterte. Die Wahl von Paefgen wurde von der Belegschaft positiv aufgenommen: "Wenn unsere Interessen bei ihm gut aufgehoben sind, dann soll mir das recht sein. Unser Interesse ist, dass es der ZF auch in zehn Jahren noch gut geht“, sagte ein ZF-Ingenieur gegenüber dem SÜDKURIER.

Klar wird am Dienstagmorgen jedoch auch: Viele aus der Belegschaft stellen sich nach wie vor hinter ZF-Chef Stefan Sommer, dessen bisherige Bilanz sehr positiv gesehen wird. „Sommer hat bisher gute Arbeit geleistet. Unserem Unternehmen geht es doch blendend“, so ein Mitarbeiter beim Verlassen der Messehalle. Ganz anders war die Tonlage, als die Gespräche auf die Rolle von Brand umschwenkten. Noch am Vormittag gab es scharfe Kritik aus der Belegschaft an der Stadt Friedrichshafen, die die Expansionspolitik Sommers stark kritisierte und für eine höhere Dividende stimmte. Vielen geht der Einfluss von Andreas Brand zu weit. „Die Stadt ist vielleicht die Eigentümerin von ZF, aber wir sind nicht der Goldesel für Friedrichshafen“, so ein Ingenieur. "Welcher Machtkampf sich im Moment in Friedrichshafen abspielt, verstehen unsere Kollegen in Schweinfurt, Indien oder den USA überhaupt nicht", sagt ein anderer. ZF sei längst ein internationales Unternehmen und kein Häfler Betrieb mehr.

Die ausgestellten Autos mit ZF-Technik interessierten den Großteil der Mitarbeiter nur am Rande. Viel interessanter waren die Personalien an der Konzernspitze, über die angeregt diskutiert wurde. <em>Bild: Kevin Rodgers</em>
Die ausgestellten Autos mit ZF-Technik interessierten den Großteil der Mitarbeiter nur am Rande. Viel interessanter waren die Personalien an der Konzernspitze, über die angeregt diskutiert wurde. Bild: Kevin Rodgers | Bild: Kevin Rodgers

Brand betonte, dass er nur das Beste für ZF und deren Mitarbeiter wolle und erklärte die Dividenden-Politik so: "Das ist zutiefst schwäbisch und zutiefst kaufmännisch vorsichtig, in guten Zeiten Vorsorge zu treffen." Er versicherte den Mitarbeitern, dass die Stiftungsstruktur und damit die besondere ZF-Unternehmenskultur bestehen bleibe. Damit erntete er viel Beifall – vor allem aus Reihen der Arbeiter.

Vier-Gruppen-Modell wird verändert

Themen der ZF-Betriebsversammlung am Dienstag waren sowohl Veränderungen des Pilotprojekts für den Schichtbetrieb in der Fertigung wie auch im Bereich Forschung und Entwicklung. Daneben ging es auch um die Betriebsratswahl im kommenden Jahr:

  • Schicht-Modell: Ab Januar 2018 wird der Start für die Frühschicht beziehungsweise das Ende der Nachtschicht verändert. Die Nachtschicht endet dann um 5 Uhr, wie Betriebsratschef Achim Dietrich nach der Versammlung in einem Gespräch mit dem SÜDKURIER sagte. Viele Betroffene hätten sich gegen ein Ende der Nachtschicht um 6 Uhr ausgesprochen. Im Juni 2018 will der Betriebsrat mit einer erneuten Umfrage die Zufriedenheit in der Getriebeproduktion ermitteln. Ab Januar 2018 haben die Beschäftigten auch die Wahlfreiheit, ihren Ausgleich für die Schichtarbeit in Freizeit zu nehmen oder ihn sich auszahlen zu lassen. Zurzeit brummt es am ZF-Standort Friedrichshafen dank großer Auftragsvolumen an Lastwagengetrieben, die nach China geliefert werden. Im November wurden deswegen an den Bändern bis zu 50 Überstunden, jetzt im Dezember noch 40 Überstunden gearbeitet, wie Dietrich sagte. Der ZF-Stammsitz am Bodensee arbeite gewinnbringend.
  • Forschung und Entwicklung: Veränderungen soll es nach Angaben des Betriebsratschefs für bis zu 210 Stellen im Forschungs- und Entwicklungszentrum (FEZ) in Friedrichshafen geben. Teile der PKW-Entwicklung sollen offensichtlich in das ZF-eigene Technologiezentrum nach Indien vergeben werden. Dazu erklärt ein ZF-Sprecher auf Anfrage: "ZF stellt aktuell wie auch perspektivisch vermehrt Mitarbeiter im Entwicklungsbereich in Friedrichshafen ein. Die Einstellpolitik folgt dem Grundsatz, Entwicklungsleistungen möglichst nah am Kunden zu erbringen. So verschieben sich im weltweiten Entwicklungsnetzwerk von ZF einige Stellen an andere Entwicklungsstandorte, zum Beispiel nach Pilsen in Tschechien oder Hyderabad in Indien. Entwickler in Friedrichshafen bekommen zum Teil nun andere Tätigkeiten als bisher; sie werden vermehrt in Zukunftstechnologien wie der Elektromobilität oder dem autonomen Fahren eingesetzt. In Summe führen diese Transformation und die zusätzlichen Stellen sogar zu einem leichten Anstieg der Mitarbeiterzahlen am Standort Friedrichshafen".
  • Betriebsratswahlen: Ein Novum wird es für die im kommenden Jahr anstehenden Betriebsratswahlen geben. Nach den Angaben von Achim Dietrich dürfen die ZFler über die Zusammensetzung der Liste der Industriegewerkschaft Metall (IGM) abstimmen. Während der gestrigen Betriebsversammlung wurden die Kandidaten in kurzen Videoclips vorgestellt. Am 18., 19. und 22. Januar 2018 dürfen die ZFler ihre Kandidaten für die Betriebsratswahl im März 2018 wählen. Die Zahl der Stimmen entscheidet über den Listenplatz. Und mit dieser Liste wird die IG Metall in die Wahlen ziehen. Eine reine Persönlichkeitswahl wird es aller Wahrscheinlichkeit nach bei den Wahlen nicht geben, da die Christliche Gewerkschaft Metall (CGM) ebenfalls eine Liste aufstellen will.

von Manfred Dieterle-Jöchle

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ZF Friedrichshafen: ZF Friedrichshafen ist ein weltweit führendes Unternehmen auf dem Gebiet der Antriebs- und Fahrwerktechnik und zählt zu den drei größten Automobilzulieferern weltweit. Das Unternehmen gehört zu wichtigsten Arbeitgebern am Bodensee.

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