Friedrichshafen/Immenstaad Warum der Rettungshubschrauber einer gekenterten Paddlerin nicht helfen konnte

Als eine Kajakfahrerin am Mittwoch kenterte und länger als eine halbe Stunde im Seewasser ausharrte, war auch ein Rettungshubschrauber im Einsatz. Doch direkt retten konnte er die stark unterkühlte Frau nicht. Denn über eine Seilwinde, mit der eine Wasserrettung möglich gewesen wäre, verfügt der DRF-Hubschrauber nicht. Der nächste Helikopter mit Seilwinde ist in St. Gallen stationiert.

Sieben Grad Wassertemperatur, wie sie derzeit der Bodensee hat, sind lebensgefährlich. Zumindest für einen Kajakfahrer, der kentert und länger als eine halbe Stunde im Seewasser ausharren muss, bis er gerettet wird. Genau dieses Szenario spielte sich am Mittwochnachmittag ab, als zwei Paddler den nahenden Sturm wohl unterschätzt und sich von Güttingen in der Schweiz nach Hagnau aufgemacht hatten. Durch starken Wellengang kenterte die 49-Jährige, konnte von ihrem Begleiter zwar herangezogen, aber nicht gerettet werden.

Der Notruf des 53-Jährigen alarmierte laut Polizeibericht nicht nur vier Stationen der Wasserschutzpolizei sowie die DLRG, sondern auch den in Friedrichshafen stationierten Rettungshubschrauber. "Christoph 45" war es dann auch, der die beiden Kanuten im Wasser suchte und bei Immenstaad auch fand, bestätigt Pressesprecherin Petra Hentschel von der DRF-Luftrettung.

Das Land hat die Leistung nicht bestellt

Doch direkt retten konnte er die stark unterkühlte Frau, die laut Polizeibericht zeitweise in Lebensgefahr schwebte, nicht. Sie musste warten, bis das Wapo-Boot da war, das die Paddlerin aus dem Wasser zog. Denn über eine Seilwinde, mit der eine Wasserrettung möglich gewesen wäre, verfügt der DRF-Hubschrauber nicht.

Dieses Spezialgerät, das vor allem in der Berg- und eben Wasserrettung wertvolle Dienste leistet, hat genau genommen kein im Notdienst fliegender Rettungshubschrauber an Bord, der in Baden-Württemberg stationiert ist. Und warum nicht, wenn man mit Winde Menschen möglicherweise viel schneller aus dem See retten könnte?

Diese Leistung, erklärt Petra Hentschel, hat das Land nicht bestellt, so die simple Erklärung. Beim Nachbarn Bayern sieht das anders aus. Hier wurde im Januar bereits der vierte Rettungshubschrauber mit Seilwinde in Straubing – vorerst im Testlauf – in Betrieb genommen. Und die DRF-Luftrettung betreibt schon seit Jahren mit "Christoph 27" einen Helikopter am Standort Nürnberg, mit dem die Windenrettung möglich und erprobt ist. Der kam in Baden-Württemberg hilfsweise auch schon zum Einsatz, nur eben nicht im regulären Hilfsdienst.

Den leistet in Sachen Windenrettung die Schweizer Rega, die auf Anforderung Helikopter von Basel oder St. Gallen nach Baden-Württemberg schickt. Die Rega ist per Staatsvertrag als gesetzlicher Leistungsträger in den hiesigen Rettungsdienst eingebunden, und zwar im 24-Stunden-Betrieb. Den bietet auch erst seit Oktober 2017 der in Villingen-Schwenningen stationierte DRF-Rettungshubschrauber – als einziger in Baden-Württemberg.

Je länger der Anflug, desto teurer der Einsatz

Ähnlich wie beim Tag- und Nachtdienst der fliegenden Retter scheint das Hauptproblem eine Kostenfrage zu sein. Luftrettungseinsätze werden nach Flugminuten-Preisen abgerechnet, die die Krankenkassen direkt mit den Flugrettern verhandeln, steht in der Antwort von Innenminister Thomas Strobl auf eine entsprechende Landtags-Anfrage der FDP 2016. Je länger der Anflug, desto teurer also der Einsatz. Die Anzahl der Rega-Einsätze mit Seilwinde waren in den vergangenen Jahren überschaubar.

Dokumentiert sind sieben bis elf Einsätze von 2012 bis 2014. Dem gegenüber stehen die Kosten, wenn man einen in Baden-Württemberg stationierten Hubschrauber – beispielsweise den in Friedrichshafen – mit einer Seilwinde ausrüsten würde. Mit Personal- und Betriebskosten käme man auf 450.000 Euro zusätzlich pro Jahr, wird in dem Ministerschreiben vorgerechnet. "In der Vergangenheit wurde daher stets davon abgesehen, eine baden-württembergische Lösung zu priorisieren", so Strobl.

Seit 2017 ist zumindest in Niederstetten (Main-Tauber-Kreis) ein Rettungshubschrauber der Bundeswehr stationiert, der mit einer Winde ausgerüstet ist. Der habe aber keinen Notarzt an Bord und sei auch nicht immer verfügbar, antwortete Ende Januar der damalige Innen-Staatssekretär Martin Jäger im Landtag auf eine Anfrage. Allerdings will die Landesregierung die Luftrettung landesweit verstärken und hat Mittel im Doppelhaushalt 2018/2019 eingesetzt, um ein Strukturgutachten zum Rettungsdienst zu finanzieren.

Polizei testet Winde

Die Polizeihubschrauberstaffel des Landes testet und trainiert derzeit den Einsatz der Seilwinde. Die Ausrüstung sei auf einem Helikopter in der Erprobungsphase, erklärt Robert Fleischer, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Einsatz, zu dem übrigens auch die Wasserschutzpolizei am Bodensee gehört. Die Seilwinde soll das hochmoderne Equipment an Bord der 2015 neu angeschafften Airbus-Hubschrauber vom Typ H 45 ergänzen. Zum Einsatz käme die Technik aber erst, wenn sie ausreichend erprobt sei. Ziel sei es, einen der sechs Polizeihubschrauber dauerhaft mit einer Winde auszustatten, so Fleischer. Dann sei auch eine Wasserrettung am Bodensee theoretisch möglich. "Von Stuttgart an den Bodensee ist es ein 25-Minuten-Flug". Die Spezialtruppe der Polizei kommt hauptsächlich bei der Suche nach Straftätern und Vermissten zum Einsatz.

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