Friedrichshafen Von Tod und Auferstehung, Leid und Trost

Der Camerata Serena gelingt im GZH eine sehr reife Aufführung des „Deutschen Requiems“ von Brahms

Explosionsartig beginnt die „Tragische Ouvertüre“ mit zwei isolierten Akkorden, als wäre ihr bereits etwas Wichtiges vorausgegangen. Schwungvoll entwickelt Nikolaus Henseler das Thema, die Oboe ruft in den Klangteppich der Streicher, Hornsignale blasen zum Angriff. Meist leise und verhalten arbeitet sich der Dirigent durch das Werk, ziseliert einzelne Szenen, lässt immer Luft nach oben für expressive Crescendi. Erst spät lässt er die Zügel schießen und das Orchester La Banda, ohne Vibrato in den Streichern und eigenem, klarem Klang, kann voll zur Geltung kommen.

Die Ouvertüre, 1880 von Johannes Brahms komponiert und wie ein Teil einer Sinfonie in Sonatenhauptsatzform geschrieben, nimmt voller innerer Spannung inhaltlich sein Deutsches Requiem vorweg. Komponiert in düsterem d-Moll, der Paralleltonart des ersten Satzes, macht sie Henseler in seinem Konzert zum Auftakt eines der größten Werke der Musikgeschichte.

„Geheimnisse der Geisterwelt“

„Wenn er seinen Zauberstab dahin senken wird, wo ihm die Mächte der Massen, im Chor und Orchester, ihre Kräfte leihen, so stehen uns noch wunderbare Blicke in die Geheimnisse der Geisterwelt bevor.“ 15 Jahre später, mit der Aufführung seines ersten großen Werkes am Karfreitag des Jahres 1868, sollte sich diese Prophezeiung seines Freundes Robert Schumann erfüllen. Das Deutsche Requiem, Brahms' erstes Werk mit großer Besetzung, wurde für den Fünfunddreißigjährigen ein gefeierter Erfolg und der Beginn einer großen Karriere. Dabei lassen tiefe Empfindsamkeit sowie die geistige Freiheit bei der Textauswahl und die kluge Struktur des Requiems in keiner Weise auf ein Jugendwerk schließen.

Der Ernst, mit dem der zehn Jahre jüngere Dirigent Nikolaus Henseler dem Werk begegnet, reflektiert die Reife des Meisters. Er erfasst es in seiner Komplexität und erweckt die Dualität von Tod und Auferstehung, Klage und Trost zum Leben.„Selig sind die da Leid tragen“, ganz zart, in lieblichem F-Dur entwickelt sich der Trost aus dem Orchestermotiv, das ohne Violinen und Trompeten einen ganz warmen Klang entfaltet und steuert mit expressiven Crescendi auf den Mittelteil zu. „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten“. In heller Klangfarbe, untermalt von perlenden Harfentönen macht die Camerata Serena die Freude spürbar, um in der Wiederholung des ersten Teils, wieder in F-Dur, wie als Echo zu verhallen. Bereits im ersten Satz wird der symmetrische Aufbau des gesamten Requiems, das mit dem Requiem katholischer Liturgie nur die Anzahl von sieben Sätzen gemeinsam hat, erkennbar. Die Sätze II und III widmen sich jetzt dem Tod und der Klage. Sehr leise, sehr verhalten beginnt das Vorspiel im Fagott und in den Bässen, um dem Chor, der sich mit vergleichbarer Zurückhaltung einbringt, den Boden zu bereiten. „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“ singt der Chor, dem Henseler nur für kurze Momente die Zügel frei gibt, um in finsterem b-moll Angst und Schrecken zu verbreiten. Gut gelingt der Kontrast, wenn der Chor dazwischen von der Geduld vor der Ernte singt, in lichtem Ges-Dur und im gleichen Rhythmus, aber jetzt fast tänzerisch. Ausdrucksstark aber ohne Pathos wenn er von Schmerzen und Seufzen singt. Wirkungsvoll setzt Brahms die Charakteristik der verschiedenen Tonarten zur Unterstützung des Textes ein und lässt den Satz in hoffnungsvollem B-Dur leise ausklingen.

Klage über Endlichkeit des Lebens

Mit warmem Timbre und etwas gedämpft klagt Bariton Thomas Gropper, Leiter der Birnauer Kantorei, über die Endlichkeit des Lebens. Die Klangfarbe aufgreifend wiederholt der Chor in homophoner Klarheit die Klage des Solisten und verstärkt nach und nach den Schmerz, um in einer dynamischen, kraftvoll gestalteten Fuge ein Glaubensbekenntnis mit triumphierenden Hörnern abzulegen.Mit dem vierten Satz ist jetzt die Symmetrieachse des Requiems erreicht. Dicht und auf den nächsten Ton zusingend, gestaltet der Chor das berührend liedhafte Thema „wie lieblich sind deine Wohnungen“. „Mein Leib und Seele freuen sich“ wird von leichten, federnden Achteln in den Streichern untermalt. Hier ist der Wendepunkt erreicht und die Sätze V und VI künden jetzt von Trost und Auferstehung.Wie eine Stimme aus dem Jenseits tröstet die Sopranistin Mechthild Bach die Leidtragenden. „Ich will euch trösten“, antwortet der Chor, „trösten, trösten...“, diminuendo, immer leiser werdend, bis sich die volle warme Stimme der Solistin „ihr habt nun Traurigkeit“ erhebt, und die beiden Texte mit einander verwebt, bis die Musik leise im Jenseits verhallt.Nahtlos wechseln sich im sechsten Satz Chor und Baritonsolo ab. Künden, ohne Christus zu nennen, von der Auferstehung: „Wir werden nicht alle entschlafen, aber alle verwandelt werden.“ Der Höhepunkt des Werkes ist gleichzeitig auch der herausforderndste für den Chor, der sich seiner Aufgabe jederzeit gewachsen zeigt. Sehr akzentuiert im Orchester und mit vollem Einsatz lässt Henseler die „Posaunen“ erschallen, heroisch und trotzig gestaltet er den Sieg über den Tod.

Der Sopran verfügt auch jetzt noch über die Kraft, die Siegestöne über zwei Takte zu halten, überstrahlt jedoch in der anschließenden gewaltigen C-Dur-Fuge oft die Männerstimmen. Massiv und sehr dicht endet der Satz.Der siebte Satz schließt den Kreis. Wie zu Beginn steht das Wort, „selig“ und die Tonart F-Dur im Mittelpunkt. Von allen irdischen Übeln erlöst ruhen die Toten jetzt von ihrer Arbeit. Das große Orchester überdeckt hier leider die ausdrucksstarke Stimme des Soprans. Ähnlich ergeht es auch den schönen Stimmen im Tenor, wenn sie das Thema wiederholen. Doch dann herrscht wieder ausgewogener Klang im Tutti und das „selig“ strahlt Zuversicht und Hoffnung aus, während ein perlender Harfenlauf direkt in den Himmel zu führen scheint. Eine lange Pause lässt das hervorragend musizierte Werk einwirken, bevor sich die Spannung im Publikum in anhaltendem Applaus entlädt.

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