Friedrichshafen Von Herberge bis Bahnhofsmission: Spurensuche nach einem Wohnungslosen in Friedrichshafen

Werner H. ist weg. Seit zwei Wochen sitzt er nicht mehr an seinem Platz in der Unterführung zum Metz-Quartier. Die klirrende Kälte hat ihn aus seinem Zuhause verjagt. Eine Spurensuche nach einem Wohnungslosen.

Werner H. ist einer der vielen Wohnungslosen in Friedrichshafen, die meistens unsichtbar sind und erst auffallen, wenn sie nicht mehr da sind. Wie viele Frauen und Männer in der Zeppelinstadt "auf Platte machen", also auf der Straße leben, weiß niemand so genau. Sie kommen und sie gehen. Wenn es draußen eisig kalt wird, taugen die vielen Parkbänke, die Musikmuschel im Uferpark oder die Unterführungen nicht mehr als Übernachtungsplätze. Dort droht der Erfrierungstod. Das ist die Zeit, in der Menschen wie Werner H. verschwinden.

Zuflucht finden sie unter anderem im K7, der städtischen Unterkunft in der Keplerstraße 7, und in der Herberge im Industrieweg, die von der Sozialdiakonie betreut wird. "Wir sind voll belegt", sagt Sozialarbeiter Stefan Zorell, die gute Seele der Herberge. Wer ihn kennt, weiß, dass er trotzdem nie einen frierenden Menschen vor der Tür stehen lassen würde. In der Herberge gibt es auch eine Möglichkeit, sich tagsüber aufzuwärmen. In diesen Tagen ist die Wärmestube gut besucht.

Einer, der regelmäßig dort ist, ist Armin K. (Name von der Redaktion geändert). K. sieht nicht aus, wie man sich einen Obdachlosen vorstellt. Kurze Haare, saubere Jeans, Turnschuhe. Seit acht Jahren lebt er auf der Straße, übernachtet ab und an bei Freunden, dann wieder wochenlang im Freien. Zu viel Alkohol, Scheidung, Jobverlust, Straße. Er lebe freiwillig so, sagt er. "Ich kann mir gar nicht vorstellen, wieder in einer Wohnung zu ziehen", erklärt er ernst, "ist doch alles scheiße." Im Winter hat er seine Plätze. Vorräume von Banken, Parkhäuser, Hauseingänge. "Nur nicht zu viel trinken darf ich", sagt er.

Mit Alkohol spürt man die Kälte nicht mehr. Man stört, wird leicht angreifbar. "Wenn ich besoffen vor einem Geldautomat liege, muss ich mit Tritten rechnen", weiß K. Er wolle ja auch niemanden provozieren. Nun will er los. Wohin, sagt er nicht. Gute Schlafplätze verrät man lieber nicht in der Zeitung.

Unter Wohnungslosen gilt die 2015 neu erbaute Herberge als "Luxushotel" im Gegensatz zum K7. Dort leben bis zu 50 Männer, teilweise bereits seit zwei Jahrzehnten. "Es gibt viele Probleme wegen Alkohol", berichtet ein junger Mann gegenüber dem SÜDKURIER, der längere Zeit selbst obdachlos war. Schlägereien und Diebstähle seien zu seiner Zeit dort häufig vorgekommen. Ein Ort, den viele in der Szene während der Sommermonate lieber meiden.

Im Winter kann das K7 lebensrettend sein. Hier befindet sich eines der beiden Notzimmer, die die Stadt für dringende Fälle als Erfrierungsschutz eingerichtet hat. Die Schlüssel für den Raum hat die Polizei. Frauen werden im Frauenhaus untergebracht. Dort gibt es ein weiteres Notzimmer. Das Gesetz schreibt Kommunen vor, Obdachlosen eine Notunterkunft anbieten zu können. In Friedrichshafen funktioniert das offenbar gut. "Hier ist noch nie ein Obdachloser erfroren", sagt Polizeisprecher Fritz Bezikofer. Was allerdings leider manchmal vorkomme, ist, dass einer in den See fällt. Das Wasser ist der große Feind der Wohnungslosen, nicht die Kälte.

Besuch bei der Bahnhofsmission. Es ist warm, riecht nach Kaffee, Gebackenem. Am Tisch sitzen einige Männer, lesen Zeitung, trinken Tee, unterhalten sich. Werner H. ist nicht unter ihnen. In der Küche steht Christa Dreer und sortiert gespendete Kekse, Schokolade. Einige der Packungen sind abgelaufen. "Die Sternensinger haben sie uns mitgebracht", sagt sie, "aber einige der Spender haben wohl nicht auf das Ablaufdatum geschaut." Das dürften sie nicht ausgeben, auch hier nicht. Seit sieben Jahren hilft Dreer bei der Bahnhofsmission, erst ehrenamtlich, dann hauptamtlich, nun wieder ehrenamtlich. Sie kennt ihre Gäste gut. Hört zu. Ermahnt, wenn einer zu viel Quatsch redet. Lacht. Für Dreer gibt es keine unsichtbaren Menschen.

Werner H. ist bisher nicht aufgetaucht. Der Frühling wird ihn hoffentlich wieder aus dieser Parallelwelt, zu der nur wenige Häfler Zugang haben, ausspucken. Es gilt, hinzuschauen.
 

Hier gibt es Hilfe

  • Bahnhofsmission: Das kleine Häuschen nahe des Stadtbahnhofs Gleis 1 öffnet werktags von 9 bis 18 Uhr und samstags von 9 bis 12 Uhr. An Sonn- und Feiertagen ist geschlossen.
  • Herberge: Im Industrieweg befindet sich die Obdachlosenunterkunft der Sozialdiakonie. Hier Tagesstätte, Kurzzeitübernachtungen, ein Aufnahmehaus und Betreutes Wohnen. Auch wohnungslose Frauen sind hier untergebracht.
  • K 7: In dem städtischen Obdachlosenheim in der Keplerstraße 7 sind bis zu 50 alleinstehende Männer untergebracht. Seit Sommer 2016 wird das K7 von zwei freien Trägern, dem Dornahof Altshausen und der Arkade Ravensburg, betreut. Dort befindet sich ein Erfrierungsschutzraum und eine Kleiderkammer.
  • Offener Mittagstisch: Der Mittagstisch findet jeweils mittwochs von 12 bis 13 Uhr im Gemeindezentrum St. Nikolaus, Karlstraße 171, statt.
  • Tafel: Jeder mit geringem Einkommen oder kleiner Rente kann in der Hofener Straße 47 einkaufen. Der Tafelladen hat Montag bis Freitag von 10 bis 12.30 Uhr und samstags von 10 bis 12 Uhr geöffnet.
  • Teestube: Die Teestube an der Ecke Keplerstraße/Allmandstraße ist eine ökumenische Einrichtung für hilfsbedürftige Menschen, die einen warmen Platz suchen. Geöffnet ist täglich von Montag bis Samstag von 9.30 bis 12 Uhr, an Sonn- und Feiertagen nur nachmittags von 14.30 bis 17 Uhr.
  • Notfälle: Wenn Sie einen Menschen sehen, der akut gefährdet ist, zu erfrieren, rufen Sie unbedingt die Polizei (110). 

 

Ihre Meinung ist uns wichtig
Herbstliche Weine vom Bodensee
Neu aus diesem Ressort
Friedrichshafen
Friedrichshafen
Friedrichshafen
Friedrichshafen -
Friedrichshafen
Friedrichshafen
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren