Friedrichshafen Viel Kunst auf der grünen Wiese

Die Ausstellung „Grobe Technik im 21. Jahrhundert“ macht den Paulinengarten an der Häfler Promenade zum Skulpturenpark

Der Ort für diese Skulpturenausstellung ist ideal gewählt, denn obwohl sich der Paulinengarten mitten in den Grünanlagen an der Häfler Uferpromenade befindet, ist der Paulinengarten gleichermaßen ein weißer Fleck auf der Landkarte. Auf diesem ruhigen Stück Rasen rechts vom Württembergischen Jachtclub ist sonst nie was los. Bis 28. August ist das anders: Plastiken von einem Dutzend Künstlerinnen und Künstlern können im Rahmen der Ausstellung „Grobe Technik im 21. Jahrhundert“ von jedermann besichtigt werden.

Hinter diesem Skulpturenpark steckt Uwe Petrowitz, der in Friedrichshafen seit einiger Zeit die „Galerie am kleinen Berg“ betreibt. Im weiten Raum zwischen Zürich, Landsberg, Balingen und Freiburg hat er die teils tonnenschweren Arbeiten nach Friedrichshafen transportiert und sie im Paulinengarten zum weitläufigen Parcours zusammengestellt. Stefan Feucht, der Leiter des Kulturamts des Bodenseekreises, spricht bei der Vernissage am vergangenen Sonntag von einer „Pioniertat“ für Friedrichshafen. Die bei seinem Amt angesiedelte Kunst- und Kulturstiftung Bodenseekreis hat dieses Projekt gefördert, „das sich sehen lassen kann“, so Feucht. Nicht weniger finanziell und auch organisatorisch unterstützt wird das Vorhaben von der Koordinierungsstelle Kunst der Stadt Friedrichshafen, namentlich von Friederike Lutz.

Im Ganzen herrscht eine bunte Vielfalt, bei der auch die kunsthandwerkliche Verspieltheit nicht ausgespart wird. Eine hermetische Ausstellung ist dieser Skulpturenpark nicht. Einladend will er sein, damit am Ende der Laufzeit, am 28. August, der Publikumspreis an jenen Künstler vergeben werden kann, der die Besucher am stärksten beeindruckt hat.

Am augenfälligsten und weithin sichtbar ist die „Kapuzinerkresse“ des in Berlin lebenden Peter Lindenberg: Zu gigantischer Höhe aufgeschossen sind die Metallstängel mit den charakteristischen grünen Dächlein dieser Pflanze, die „in echt“ gerade mal 30 Zentimeter hoch wird. „Ich fühle mich wie ein Zwerg in Gullivers Reisen“, beschreibt denn auch die Lautadorin Marie-Theres Scheffczyk ihre Assoziationen.

Die ausladendste und gewichtigste Arbeit stammt von Cornelius Hackenbracht aus Wald-Ruhestetten bei Pfullendorf: „Quellfluss“ heißt sie, und sie besteht aus großen, zum Sitzen einladenden Quadern, die sich ausnehmen, als ob sie schon seit ewigen Zeiten auf dem Rasen des Paulinengartens lägen. Sie erinnern an Zeugnisse einer vergangenen Kultur, über deren Riten und Zeremonien man heute nur noch spekulieren kann. Strahlenförmig laufen die Steinquader auf einen Findling mit einer eingearbeiteten Kuhle zu – entspringt ihr jene womöglich spirituelle Quelle, von der im Werktitel die Rede ist?

Marc Moser zerteilt einen Metallwürfel, dessen beide Hälften wie die Bruchstücke eines Zuckerwürfels zusammenpassen – nur, dass die eine über der anderen fast schon schwebt, gehalten durch vier dünne Verstrebungen. Das Schwere wirkt leicht, zumal nur wenig die aufragende Statik der Skulptur vom Umkippen zu trennen scheint. Der Bildhauer schlägt der Masse, der Massivität und der Unbewegtheit, die man mit seinem Werkstoff verbindet, in dieser rundum überzeugenden Skulptur ein Schnippchen.

Mit der „Turm“-Skulptur von Gesine Smaglinski verbindet Marie-Theres Scheffczyk Erdverbundenheit, aber auch ein Offensein für Himmelwärtiges – wie im Yin und Yang-Symbol fänden Gegensätze zum Ausgleich in dieser mit der Kettensäge geschnittenen Arbeit.

Die Aufhebung der Gegensätze gelte auch für Coral Lamberts „Naturlochkarten“. Das ist eine gitterartige Raumarbeit, die aus dreieckigen Streben konstruiert ist, welche sich doch zu einer Rundung fügen. Diese Rundung hat eine bergende und beschützende Anmutung, und trotzdem bildet sie keine geschlossene Wandung.

Alexander Weinmann zeigt drei seiner charakteristischen „Wächter“-Figuren – in ein monumentales Schweigen gehüllte Figuren aus Holz, Eisen und anderen Metallen, die betont roh gearbeitet sind. Das gilt auch für Markus Meyers Skulptur „Katrimar“: ein „Steuerrad“, das an ein Kreuz aus mächtigen Stahlträgern geschweißt wurde. Dass Meyer den Querträger des Kreuzes mit leichtem Schwung in sich verdreht, hebt die spartanisch-martialische Wirkung der Skulptur auf.

Unauffällig am Rand steht eine von Reiner Anwanders Holzsäulen. Sie bringt ihre Geschichte mit, denn sie wurde aus einem alten Fachwerkbalken geschaffen. Wenn diese Säule in einer runden Scheibe gipfelt, wird man unsicher, ob Anwander hier nun eine stilisierte gegenständliche Figur gearbeitet hat, ob er symbolhaft vorgeht – die Scheibe etwa als symbolisierte Sonne – oder ob lediglich eine gestalterische Reaktion auf die Zapfungen und Bohrungen vorliegt, die der Balken aus seiner früheren Verwendung mitbrachte.

Latifa Sayadis Arbeit „Geknickt“ hat eine Geschmeidigkeit, der ihr Titel eher zuwiderläuft: Sie biegt ein starres Rundstahlrohr zu aufeinander liegenden Schlaufen. Zugleich wirken sie wie eine Feder, die ihre Spannung plötzlich entladen könnte.

Für angespannte Kunst, die ihren Betrachter wortwörtlich „anspringt“, sorgt Mirko Siakkou-Flodin. Er hat einen riesengroßen Tiger im Sprung geschaffen – wobei aufgeklebter Reifengummi die Streifen im Fell simuliert. Zum Anziehungspunkt insbesondere für Kinder werden wohl auch die „Pferdchen“ von Hans Aberham werden – filigran gearbeitete Körper aus Eisen, die an Karussellpferdchen erinnern und die auf das Auge leicht wie eine Zeichnung wirken.

Den Spieltrieb lässt auch Rene Geiers „Nasenkubus“ nicht unbefriedigt: Jedes Gesicht auf dem Kubus setzt sich, von der Stirn bis zum Kinn, aus fünf waagrechten Partien zusammen – wobei die Nasenpartie sich drehen lässt. „Passt“ dem Betrachter eine Nase nicht, genügt eine Vierteldrehung, und schon ist eine neue eingefügt, wodurch sich auch die drei übrigen Gesichter verändern. An Vielgesichtigkeit fehlt es im Paulinengarten also wirklich nicht.

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