Friedrichshafen Vertigo Dance Company zeigt ihr Bestes völlig neu

Die Compagnie aus Israel bietet dem Publikum im Graf-Zeppelin-Haus ein aufreibendes Tanzerlebnis. Dabei wird die Retrospektive über die vergangenen 20 Jahre zu einem neuen Werk.

Alles grau in grau. Viel Beton. Ein wenig Metall. Martialische Klänge, die zunächst ungewöhnlich sanft zu beginnen scheinen und dann immer massiver, lauter, auch dissonanter zu werden drohen. Und Menschen, die sich nahe der Schmerzgrenze begegnen. Scheinbar zufällig. Sprachlos und doch mit einem schwindelerregenden Tempo ihrer Körpersprache, die den Zuschauer von Anfang an in ihren Bann zieht und nicht mehr loszulassen bereit ist. Was ist das für ein Szenario? Hoffnungslosigkeit? Gefühlskälte? Anonymität und Intimität, Zärtlichkeit und Brutalität zugleich. Oder vielleicht doch eine ganz neue Form der Romantik, die in einem wahrlichen Sinnenrausch zu kulminieren in der Lage ist?

Nein, es ist kein simples „Best Of“, was die Vertigo Dance Company aus Israel präsentiert. Natürlich wurde „Vertigo 20“ zum 20-jährigen Bestehen des 1992 gegründeten Ensembles von Noa Wertheim choreografiert. Natürlich werden prägende Szenen zweier zurückliegender Dekaden in einer Art Retrospektive vereint. Und doch ist hier ein ganz eigenes Werk entstanden, die sich ums Menschliche dreht, auch ums allzu Menschliche. Tanz um des Tanzes willen, der sowohl Akteuren als auch den Zuschauern alles abfordert.

Irritierende Lichtspiele, die Kälte vermitteln. Der Takt der Musik wird zum Takt des Herzens. Laut, beängstigend, aber auch verträumt und stellenweise fast süßlich schön. Vier Personen in weiten Beinkleidern, alle anderen in eng anliegenden Oberteilen und eher lasziven, kurzen Ballonhosen. Auch das ist Teil der Gesamtkomposition. Zum Fest des Tanzes, zum Fest des Lebens gehört auch die fast andachtsvolle Optik hochaufgetürmter Haare. Wesen aus einer anderen Welt schaffen ganz neue Realitäten, lassen Gegenwart und viktorianische Vergangenheit miteinander verschmelzen. Doch was ist wirklich real, was surreal. Die Zeit ist in jedem Fall knapp bemessen. Ein Grund mehr, sich nicht zu verlieren, sondern immer weiterzugehen, immer weiter zu tanzen. Hindernisse gibt es nicht. Oder sie sind da, um überwunden zu werden. Das Brett in der Wand wird zum Bremsklotz und Ruhepol, auch zum Trittbrett und so zur Möglichkeit, sich ganz neu zu entfalten.

Der Einzelne ist hilflos. Das Gegenüber wird gebraucht, zum Ausleben gegenseitiger Leidenschaft, aber auch zum gegenseitigen Anlehnen in Zeiten, in denen es eben nicht so stürmisch zugeht und der Puls zurückgeschraubt werden muss. Musik und tänzerischer Rhythmus gehen Hand in Hand. Melancholie, pure Lebenslust und trister Alltag wechseln sich ab, gehen ineinander über. Was beständig bleibt, sind große Emotionen, totale Gleichgültigkeit miteingeschlossen.

So vielfältig wie das Leben, so ist der Tanz, so sind aber auch die Beziehungen. Auch diese Botschaft vermittelt „Vertigo 20“. Es geht um das, was Leben ausmacht. Elf ist eine Primzahl und damit nicht teilbar, vielleicht ist auch das alles andere als ein Zufall. Fünf Frauen und sechs Männer gehören irgendwie zusammen und sind doch allein. Glauben, sich zu verstehen und müssen doch immer eigene Wege suchen. Der Gruppenzwang ist da, wird zur Bedrohung, der Auflehnung und Kampf provoziert. Paare lösen sich und verschlingen sich ineinander. Hingabe und Flucht. Wer will sich winden, wer sich wehren? Es gilt, sich aus der Masse zu lösen. Menschen werden zu Spielbällen und Marionetten, werden im wahrsten Sinne des Wortes durchs Leben geschleift, liegen am Boden, um dann wieder in schierer Euphorie durch die Lüfte geschleudert zu werden. Wie auch immer: Es gibt letztlich kein Entrinnen – auch nicht für das innerlich mitgehende Publikum. Zurück auf Anfang. Hört man hier womöglich ein Vogelgezwitscher? Es regnet weiße Luftballone. Zeit für den etwas anderen Walzerschritt. Nach knapp 60 für alle Beteiligten auf und vor der Bühne erregenden aber auch anstrengenden Minuten ist Pause – nein Schluss. Schon? Erst? Falsche Frage. Reicher Applaus für die Vertigo Dance Company.

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