Friedrichshafen Verdis Totenmesse erschüttert im GZH

Die Camerata Serena führt mit dem Hochschulchor Trossingen und der Südwestdeutschen Philharmonie das Requiem auf und bekommt zusammen mit Dirigent Nikolaus Henseler stehende Ovationen

Sanft murmeln die Celli, wie aus dem Nichts lösen sich die ersten Worte: "Requiem, requiem aeternam dona eis, Domine" – "Ruhe, ewige Ruhe gib ihnen, Herr". Am Anfang scheint es, als könne alles gut werden im Requiem von Giuseppe Verdi. Leise und fein akzentuiert heben sich Melodien voll Frieden über sanfte Geigen und Bratschen, singen vom ewigen Licht und zum Lob Gottes. Voll Zuversicht singen die Solisten "Kyrie Eleison" – "Herr erbarme dich" und tun sich dann groß und feierlich mit Chor und Orchester zusammen.

Doch dann kommt der "Dies Irae" – der "Tag des Zorns". Wütende Akkorde lassen Chor und Orchester auffahren. "Dies Irae" rufen in plötzlichem Erschrecken die Männer, schon reißt ein Strudel die Sänger in den Abgrund. Streicher taumeln hinterher, hilflos versucht die Flöte, sich zu befreien. Immer wieder bäumen sich Sänger und Instrumente auf. Aber gnadenlos rufen Posaunen, Pauken und große Trommel zum jüngsten Gericht: "Dies irae, dies illa, solvet saeclum in favilla" – "An diesem Tag des Zorns wird die Welt in Asche vergehen". Sie werden immer leiser, dann flüstert der Chor, starr vor Entsetzen: "qantus tremor est futurus" – "was für ein Zittern steht bevor".

Plötzlich leuchten wie aus der Ferne Trompetentöne von der Empore des GZH – in dunkleren Noten antworten ihre Kollegen auf der Bühne "Tuba mirum spargens sonum" – "Wunderbar wird die Posaune klingen" jubeln die Bässe, aber selbst dieser Lichtstrahl weist den Weg zu Gräbern. Bebend weichen die Celli zurück, dem Bass Manuel Kundinger verschlägt es fast die Sprache: "Mors stupebit et natura" – "Starr stehen Tod und Natur" stammelt er mehr als dass er singt.

Verdi schrieb sein Requiem 1974 als Totenmesse für den italienischen Dichter Alessandro Manzoni, der wie Verdi für die Einheit Italiens eingetreten war. In ihren Werken zeichneten beide ihre Figuren mit psychologischer Genauigkeit – Verdi in der Musik, Manzoni in der Literatur. Verdi wollte Menschen mit ihren Schicksalen und Gefühlen wahrhaftig darstellen. Dem trägt die Aufführung von Camerata Serena, Hochschulchor Trossingen und Südwestdeutscher Philharmonie im GZH Rechnung. Unter der Leitung von Nikolaus Henseler setzen sie nicht auf Opulenz und Wohlklang, sondern nehmen den Schrecken und die Auflehnung im Requiem ernst. Manche Hilfeschreie gellen schrill aus Orchester und Chor, dann singen oder summen die Sänger so leise, als hätten sie Angst, gehört zu werden. Nach jedem Ausbruch nimmt Henseler die Musiker zurück – die Nähe des Todes fordert beklemmend leise Töne. Dabei strahlt er selbst Hochspannung aus, hat Chor und Orchester stets im Blick und hält sie in äußerster Konzentration zusammen. So singen die rund 100 Sängerinnen und Sänger in erstaunlicher Geschlossenheit. Bei aller Ausdrucksmacht bleiben sie präzise und verständlich, gehen jede Nuance bei Tempo und Dynamik mit. Die Musiker der Südwestdeutschen Philharmonie geben alles, von kammermusikalisch feinen Holzbläserliedern bis zum schaurig tosenden Inferno.

Auch den Solisten gelingen besonders die gemeinsam gesungenen Passagen. Wie mit einem Atem ergänzen und umgarnen sie sich in feiner Balance. Selbst die heiklen A-cappella-Stellen der beiden Frauen im "Agnus Dei" klingen schlicht und ergreifend schön. Dabei bringt jeder eine bemerkenswerte Stimme mit: Wie mattiertes Silber schwebt Oksana Poliarushs Sopran durch den Raum, Altistin I Chiao Shih holt dunklen Ernst und gebändigte Kraft aus unsichtbaren Tiefen. Geschmeidig tönt Alexander Efanovs Tenor, schlank und beweglich verleiht Manuel Kundinger den Bass-Arien viel Ausdruck.

Das "Dies Irae" ist der längste und dramatischste Teil im Requiem. Blanke Angst wechselt mit innigen Bitten. In "Lacrimosa dies illa" – "Jener Tag der Tränen" klagt Kundinger noch in elegischen Linien, während Shih ihre "lacrimosa" förmlich schluchzt. "Salva Me, fons pietatis" – "Rette mich, Quelle der Frömmigkeit" ruft der Chor energisch seinem Schöpfer zu, gleich darauf bitten die Damen geradezu verführerisch "Recordare, Jesu pie, quod cum causa tuae viae" – "Erinnere dich, guter Jesus, das ich der Grund deines Weges bin."

Im "Offertorio" kommt die Musik zur Ruhe, das "Sanctus" – "Heilig" gerät zu einem Fest. Eine kleine Fanfare der Trompeten leitet fröhlich bewegte Melodien ein, erleichtert sprudeln geradezu tänzerische Töne aus den Kehlen und jubeln ihr Hosianna. Durch das "Lux aeterna" weht schon ein Hauch von Versöhnung, auch wenn das Orchester bei dunklen Farben bleibt.

Doch das Requiem endet nicht mit dem heiteren "Sanctus", dem innigen "Agnus Dei" oder dem Trost des "Lux aeterna". Als habe alles nicht geholfen, schreit Poliarush auf: "Libera me, Domine, de morte aeterna" – "Erlöse mich, Herr, vom ewigen Tod", der Chor wispert ihr nach. Noch einmal lässt das Motiv des "Dies Irae" ungebremst die Schrecken von Tod und Gericht hochsteigen. "Requiem aeterna dona eis, Domine", beschwört sie immer wieder, fleht und drängt. Der Chor flüstert mit, gespenstisch immer leiser werdend. Selbst die Posaunen fügen sich. Eine Antwort bekommen sie nicht mehr.

Henseler lässt nach dem letzten, sich langsam auflösenden Ton den Taktstock oben – auch als er ihn herunternimmt, dauert es eine Weile, bis das Publikum zum Beifall bereit ist. Dafür belohnen dann "Bravo"-Rufe, Fußgetrappel und stehende Ovationen diese erschütternde Totenmesse.

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