Friedrichshafen Philharmonischer Chor macht die Läuterung des Saulus erlebbar

Zusammen mit der Südwestdeutschen Philharmonie und Gesangssolisten gelingt dem Chor unter Leitung von MD Joachim Trost eine bewegende Aufführung von Mendelssohn Bartholdys Oratorium "Paulus".

Mit der überzeugenden Aufführung des ersten großen Oratoriums „Paulus“ von Felix Mendelssohn Bartholdy leistete der Philharmonische Chor Friedrichshafen am Sonntag seinen Beitrag zum 500-jährigen Reformationsjubiläum. Als zweifelnder Mönch mit der Frage „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ hatte Luther im Römerbrief des Apostels den Kern und die Kraftquelle für seine umfassende Erneuerung der Kirche gefunden.

Das zweiteilige Oratorium schildert in einer lyrisch-epischen Darstellungsform die Wandlung des Saulus zum Paulus und seine Missionstätigkeit.

In der behutsam aufgebauten, feierlichen Ouvertüre mit weichen Akkorden legte MD Joachim Trost zusammen mit der Südwestdeutschen Philharmonie Konstanz die Grundlage für die romantische Stimmung. Der Choral „Wachet auf“ tauchte zuerst verhalten in den tiefen Streichern und Klarinetten auf, um dann in strahlendem Glanz vom vollen Orchester mit sauberstem Blechsatz hervorzutreten. Mit seiner Leuchtkraft wurde er sinngebend für das ganze Oratorium, zum Symbol für die geistige und geistliche Entwicklung von Paulus.

Kondition und Konzentration bewiesen die Sängerinnen und Sänger des groß besetzten Chores, die in 23 von insgesamt 45 Nummern agieren mussten. Präzise Themeneinsätze erlebte man in den kunstvoll kontrapunktisch ausgearbeiteten Fugen der an Händel erinnernden Eröffnungs- und Schlusschöre. Im ausgewogenen vierstimmigen Satz, einheitlicher Atmung, deutlicher Durchgangsbewegung und Vorhalten, ergaben die besinnlichen oder reflektierenden Choräle einnehmende Ruhepunkte. Dabei bildeten Orchester und Chor zusammen eine homogene Einheit mit jeweils sauber intonierten Schlussfermaten.

Dazwischen eingestreut Chorsätze mit zeitloser, schwebender Stimmung wie zum Beispiel in der Seligsprechung des gesteinigten Stephanus. Ein elegisches Chor-Andante, stimmungsvoll begleitet von harfenartigen Violinfiguren führte zu einnehmendem, typischen Mendelssohn-Klang. In den agierenden Volkschören knüpft Mendelssohn bewusst an die großen Bach-Passionen an. Große Erregung mit Fortissimo-Ausbrüchen, groß angelegten Steigerungen bei der Anklage und Todesforderung gegen Stephanus verdeutlichten die Dramatik. Auch bei den geifernden Anschuldigungen gegen Paulus spürte man den Volkszorn sehr deutlich. Beim Höhepunkt des Oratoriums, der Bekehrung des Saulus, erzeugte der helle, zurückgenommene vierstimmige Frauenchor eine mystische Atmosphäre bei der Erscheinung Christi. Der anschließende Chor „Mache dich auf! Werde Licht“, und der Motto-gebende Choral „Wachet auf! Ruft uns die Stimme“, opulent instrumentiert mit Blechfanfaren, beschlossen in freudiger D-Dur-Herrlichkeit diese Szene.

Die Rolle des Evangelisten bei Bach verteilt Mendelssohn auf Tenor und Sopran. Jörg Dürmüller und die kurzfristige eingesprungene Letizia Scherrer glänzten mit deutlichster Aussprache, fanden den richtigen Ausgleich zwischen trockenem Bericht und innerer Betroffenheit. Großes Lob an Dirigent Trost, der das Orchester sehr sicher durch die vertrackten Rezitative leitete. Die Sopranistin, sehr gefordert, gestaltete ihre zahlreichen Arien mit meditativer Stimmung oder lyrisch ausgefeilter Linienführung. Besonders innig, im schönen Duett mit den Bläsern, das stimmungsvolle, reflektierende „Jerusalem“. Über einem warmen, fließenden Cello-Solo konnte der Tenor seine Cavatine „Sei getreu bis in den Tod“ mit liedhafter Grundierung aufblühen lassen. Martina Gmeinder, weniger gefordert, legte tiefe Gefühle in einem liedhaften Arioso in ihre sonore Altstimme.

Schon vom ersten Ton als Saulus in „Vertilge Herr Zebaoth“ in der Rolle des fanatischen Christenfeinds nahm der Bariton Markus Eiche die Zuhörer in seinen Bann. Mit großer Bühnenpräsenz, sonst an der Wiener Staatsoper oder an der Bayrischen Staatsoper zu Hause, dynamisch, kraftvoll in schreitenden Linien die erste Arie. Zurückgenommen, mit milder Elegie beim Flehen um Barmherzigkeit oder freudig in der Dankesarie zeigte Eiche ganz verschiedene Facetten auf. Seine Rezitative lebten von mitreißender Gestaltung der Textaussage.

Stimmlich gut aufeinander abgestimmt erlebte man Tenor und Bass in den beiden Apostelduetten des zweiten Teils. Als Paulus und Barnabas berichteten sie, in liebevoll ausgezierten Melodien, von ihrer Mission bei den Heiden.

Auf dem Höhepunkt der Verfolgung von Paulus gelang dem Solistenquartett mit dem ruhigen Choral „Jesu Christe, wahres Licht“, dem einzigen Ensemblestück, der Eintritt in eine andere Welt.

Nach einem prächtigen Maestoso mit starken homophonen Chorblöcken, groß angelegter Fuge im schnellen Tempo sammelte Trost nochmals alle Kräfte für den festlichen Schluss: „Ihr Engel, lobet den Herrn“ in lang gehaltenen Notenwerten.

Viel verdienter Beifall für Chor, Solisten, Orchester unter der umsichtigen Leitung von Joachim Trost.

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