Friedrichshafen Oberstübchen im Schwebezustand

ZF-Stipendiat Florian Graf stellt am Kunstfreitag erstmals seine Arbeit vor

Der Lack ist ab von der gebauten Utopie: Fotoarbeit aus Florian Grafs Projekt „U(r)Agency“, Cumbernauld 2009.
Der Lack ist ab von der gebauten Utopie: Fotoarbeit aus Florian Grafs Projekt „U(r)Agency“, Cumbernauld 2009. | Bild: Florian Graf

bis Florian Graf die Sicherung aufspürte und sie herausdrehte; sein Sieg über das System der Haustechnik.

Der 1980 in Basel geborene Künstler ist der aktuelle Stipendiat der ZF-Kunststiftung und er kann offenbar gar nicht anders, als über abgesteckte Grenzen hinauszudenken. In dieser Überschreitung sieht er auch eine wichtige Fähigkeit der Kunst – die allerdings gefährdet ist. „In den letzten Jahren hat sich die Kunst spezialisiert, wie alle anderen Bereiche auch. Das ist absurd. Sie ist der einzige Bereich, in dem man noch Universalismus betreiben kann.“

Florian Graf, ein Universalkünstler? Lässt man das Eitle und Etikettenhafte weg, das diesem Begriff anhaftet, liegt die Bezeichnung nahe. Selten stößt man auf einen Künstler, der im Gespräch eine so breite Interessenlage entfaltet. Den einen Dreh- und Angelpunkt wird man in Grafs Arbeit nicht finden – ein Nischenkünstler, der sich eine „Marke“ erarbeitet, ist er gerade nicht. Wohl erschließt sich aber ein Gravitationsfeld, in dem der gesellschaftliche Aspekt seiner Arbeit wichtig ist. Florian Graf hat unter anderem Architektur an der ETH Zürich studiert, zu einer Zeit, als das 150-jährige Bestehen der ETH gefeiert werden sollte. Mit zwei anderen Architekten schlug er vor, das Budget von 500 000 Franken sinnvoll zu verwenden: Mitten in Afghanistan wollte das Trio ein Studentenbegegnungszentrum bauen; gerade dort, wo die Taliban die in den Fels geschlagenen Buddhastatuen gesprengt hatten. Das Projekt konnte tatsächlich realisiert werden: 2006 wurde der Bau eröffnet.

Ist ein solcher Künstler nun ein sozialer Dienstleister? Oder, im Gegenteil, ein „Spinner“ wie Christoph Schlingensief, der ins Nichts eine Oper baute? Wahrscheinlich irgendwas dazwischen. „Ich mache Kunst nicht nur für mich alleine“, sagt Florian Graf. Er sagt aber auch: „Was ich erzähle, klingt sehr vernünftig. Es ist aber durchsetzt mit Wahnsinn.“

Florian Grafs Kunst ist architektonisch geprägt. Architektonisch reagiert sie auf Architektur, darunter auch auf Architekturen, die bauliche Utopien in die Wirklichkeit umgesetzt haben und sie damit von der Sehnsuchtsferne in die Wirklichkeit holten, wo sie nur scheitern konnten. Die in den 1950er-Jahren gebaute Stadt Cumbernauld in Schottland etwa: Am Reißbrett entworfen und als ideale Stadt gepriesen, ist sie mittlerweile heruntergekommen und verwahrlost. 2009 eröffnete Florian Graf in einem Einkaufszentrum in Cumbernauld eine fiktive Immobilienagentur. Dort versuchte er, Käufer für ruinöse Immobilien zu finden, die gerade jene modernistischen Architekturvorstellungen aufnahmen, an denen die Stadt gescheitert war. Florian Graf suchte so den Austausch mit den Bewohnern, und er fand ihn.

Florian Graf denkt künstlerisch über bestehende Ordnungen nach, die ihn immer dort irritieren, wo sie exklusive Systeme bilden. „Solche Systeme können zu außergewöhnlichen Dingen führten, weil sie sich vom Gewöhnlichen abkapseln“, sagt Florian Graf; aber genauso könnten sie grandios scheitern. Verwerfungen gibt es auch im System der Familie als Hort der Wärme und des Zusammenhalts: „Die Familie ist eine private Zelle, in der man sich umeinander kümmert. Aber draußen, in der ‚wahren Welt', muss man hart, stark und rücksichtslos sein, um zu überleben. Teile der bürgerlichen Werte finde ich problematisch“, sagt der Künstler. Die Verwerfungen interessieren ihn: Hier die Familie, dort die Gesellschaft; hier privater Grund und Boden, dort öffentlicher Raum. Was tun, wenn man auf Abgrenzungen trifft? Florian Graf schafft Durchgänge: In einer Installation für den Kunstverein Binningen hat er sich an einem privaten Gartenzaun zu schaffen gemacht. Er hat die Pfosten verlängert und so die Grenze in ein einladendes Tor verwandelt. Es steckt viel Witz in einer solchen Arbeit, der es gelingt, reale Gegebenheiten zu verändern – mit kleiner Geste, nicht mit einem großen Gegenentwurf. Der Kunstkritiker Michael Newman sagt es so: „Grafs Kunst ist utopisch, nicht in dem Sinn, dass sie eine der Gegenwart entgegengesetzte Zukunft projiziert, sondern indem sie die Gegenwart sich selber entgegensetzt.“

Wörtlich übersetzt bedeutet „Utopie“: „der Nicht-Ort“. Solche Orte, die es nicht gibt, entstehen in Florian Grafs Fotoarbeiten. Oft ist ihr Realitätsgehalt unbestimmbar. Manche Architekturen, die nur auf dem Bild existieren, ähneln Fotografien von Bauten, die Graf tatsächlich ausgeführt hat. So hat er in Edinburgh auf eine acht Meter hohe Mauer ein begehbares Aussichtstürmchen gebaut, das in seinem paradoxen Gestus vorwitziger Bescheidenheit irritiert. Außerdem wirkt es so verwittert, als ob es seit Jahrzehnten an seinem Ort säße, was die Passanten mit Ortskenntnis ziemlich durcheinander brachte.

Fiktiv ist dagegen jenes Bild eines Schornsteins, in dem ein Fenster prangt. Der Kamin als Wohnung? „Ich wollte ein Sinnbild schaffen“, sagt Graf. „In der Wohnung zieht's; die ganze Welt pfeift durch unsere Stuben.“ Das kann man auf digitale Datenströme beziehen, aber auch umfassender begreifen: als Metapher für einen Zustand der Verunsicherung, der den Bürger auch im vermeintlich sicheren Nest nicht verlässt. Florian Graf findet ein Bild für einen Zustand von Entwurzelung und Richtungssuche. Dem Ratlosen wird das Hier und Jetzt zum Nicht-Ort, zum Aufenthalt im Wartesaal. Wohin geht die Reise? In Zeiten des Umbruchs ist die Zukunft so unbestimmt wie die schwebenden Mietspartien auf einem anderen Bild von Florian Graf. Er vergleicht diesen gesellschaftlichen Schwebezustand mit einem in die Luft geworfenen Ball: „An seinem höchsten Punkt bleibt der Ball einen Moment stehen. Er ist voller Energie; aber wohin er fallen wird, ist ungewiss.“

In dieser Wohnung zieht's: Fotoarbeit aus der Serie „Presumptions“, Edinburgh 2008.
In dieser Wohnung zieht's: Fotoarbeit aus der Serie „Presumptions“, Edinburgh 2008.

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