Friedrichshafen - Michael Quettings Flug mit den Graugänsen

Der Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut erzählt bei "RavensBuch" von seinem Leben als Gänsevater.

„Ich hab' mir überhaupt keine Gedanken gemacht, was da auf mich zukommt”, erzählt Michael Quetting seinem Publikum in der Buchhandlung "RavensBuch" in Friedrichshafen. „Für mich stand im Vordergrund, mit den Tieren zu fliegen.” Für ein wichtiges Forschungsprojekt am Max-Planck-Institut sollte er Graugänse trainieren, ihm und seinem Ultraleichtflugzeug durch die Lüfte zu folgen. Dieses Ziel setzte jedoch voraus, die Tiere auf sich zu prägen. „Plötzlich Gänsevater – sieben Graugänse und die Entdeckung einer faszinierenden Welt” heißt das im März 2017 erschienene Buch von Michael Quetting, in dem er die Leser an seinem Leben als Gänsevater teilhaben lässt, beginnend mit seiner „Schwangerschaft” über die Geburt und Kindheit bis hin zum Abschied von seinen flügge gewordenen Kindern.

„Ich hatte die totale Brutparanoia”, beschreibt Quetting seine damalige Verfassung. War bereits der Erwerb der Gänseeier mit Hindernissen verbunden gewesen, hieß es nun, die Eier unter optimalen Bedingungen auszubrüten: Temperatur und Luftfeuchtigkeit mussten den Verhältnissen unter einem Gänsemama-Pop entsprechen. Von elf Eiern blieben schließlich sieben, aus denen Küken schlüpften. Etwa eine Woche vor dem "Schlupf" durchstechen die Küken die Luftblase in ihrem Ei und können akustische Signale wahrnehmen. Quetting las daher seinen ungeborenen Kindern aus "Nils Holgersson" vor, beschallte sie vom Band mit seiner Stimme, imitierten Gänselauten, einer Kinderballhupe und dem Propellergeräusch seines Ultraleichtflugzeugs. Als dann das erste Küken, Gloria, schlüpfte, fragte sich Quetting: „Wie verbringe ich die erste Nacht mit meinem Gänsekind?” Letztlich entschied das Gloria. Sie weinte jämmerlich, bis sie bei Papa schlafen durfte.

Sechs weitere Küken folgten. Zur Unterscheidung sind alle sieben mit Farbringen gekennzeichnet. Drei Monate lang lebt Quetting im Dienste der Forschung mit ihnen in einem Wohnwagen im Wald. „Die Tage waren seltsamerweise nie langweilig”, berichtet Quetting. Um halb fünf Uhr morgens ruft der Kuckuck und dann wollen die Gänsekinder aufstehen und die Welt entdecken. Danach wird geschlafen und gekuschelt. Übers Löwenzahnfeld geht es über die Schlosswiese, wo Quetting seine im Übrigen allesamt männlichen Gänsekinder mit dem Flugzeug vertraut macht, zum Baden an den See. „Schwimmen war immer ein besonderes Abenteuer.” Quetting hat Angst, von „seinen” Kindern als Betrüger entlarvt zu werden, doch diese folgen ihm überall hin; und sei es aufs Klo.

Rund um die Uhr ist Quetting von sieben kleinen Graugänsen umgeben, die eine sehr starke Bindung zu ihm aufbauen und sich zu unterschiedlichen Charakteren entwickeln. „Paul ist ein sehr zärtliches Küken”, ganz anders als Terrorwichtel Frieder, der zeitweise das gesamte Projekt erschwert. Quetting lässt seine Zuhörer mit Diashow und Videos auch visuell Anteil haben an seinen Erlebnissen. „Das erste Mal mit den Tieren in der Luft zu sein, war krass.” Lange gemeinsame Flüge, teils mit nur einem Tier, teils unterstützt von einem Rotorgleiter, ermöglichen Luftmessungen in unterschiedlichen Höhen und über wechselndem Gelände. Die Tiere tragen Datenlogger auf ihren Rücken, die 600 Messwerte pro Sekunde aufzeichnen.

Das Institut ist immer noch mit der Datenauswertung beschäftigt. Quetting hat die Zeit mit den Gänsen verändert. „Ich kann jedem empfehlen, so was zu tun.”

 

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