Friedrichshafen Messe in h-Moll: Bachs größtes Werk großartig interpretiert

Eine glänzend gelungene Herkulesaufgabe: Unter Leitung von Nikolaus Henseler brillieren die Camerata Serena und das Orchester „La Banda“ in St. Maria Jettenhausen.

Wie aus einem Mund erklingt das feierliche Kyrie, der erste Teil der Messe in h-Moll. Mit warmem Klang, beinahe wie menschliche Stimmen führen die Holzbläser mit den Streichern diesen Auftakt wie das stille Erwarten des Schicksals in die göttliche Fügung fort. Fest und sicher setzen die Männerstimmen ein, zusammen mit den Frauenstimmen verschmilzt der Klang mit dem Orchester, getragen von der kristallklaren Akustik der modernen Kirche.

Erst kurz vor seinem Tod vollendet, stellt die Messe in h-Moll die Summe von Johann Sebastian Bachs Schaffen dar, zeigt das gesamte Spektrum seines kompositorischen Könnens. Der Prozess, den gesamten lateinischen Messetext mit seinen fünf Teilen Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus und Agnus Dei zu vertonen, zog sich über einen Zeitraum von beinahe 20 Jahren hin. Die Uraufführung hat der Meister wahrscheinlich nicht mehr erlebt.

Um die theologischen Aussagen des Textes zu verdeutlichen, bediente er sich einer äußerst differenzierten Musiksprache, die nicht nur mit der Anzahl der Stimmen und Instrumente, mit der Tonart, Taktart und mit Tonfolgen spielt, sondern selbst zwischen archaischer Gregorianik und opernhaftem Jagdgesang variiert.

Freudig legt sich der warme Bass im Dreivierteltakt über das Grummeln zweier Fagotte im Dialog mit einem abenteuerlich geschwungenen, barocken Horn. Wie eine Opernarie singt Manuel Kundinger "Quoniam tu solus sanctus" aus dem achtteiligen Gloria, als unmittelbar darauf "Cum Sancto Spiritu" wie ein Gewitterregen mit Trompetenblitzen und Paukendonner in triumphierendem D-Dur und lebhaftestem Vivace herniedergeht. Fünfstimmig und vom gesamten Orchester begleitet entwickelt sich eine Art Sprechgesang, auf jedem Ton eine klar artikulierte Silbe. Eine rhythmische Herausforderung für die Sänger, ohne die Möglichkeit sich irgendwo zu halten, von springenden Bögen der Streicher atemlos zügig unterlegt. Trotz anhaltender Spannung gelingt es dem Dirigenten Nikolaus Henseler, diese noch zu steigern, versetzt den gesamten Chor in Bewegung. Dann ein kurzes Amen, auf das eine lange Pause folgt.

Steht der Dreivierteltakt für die göttliche Trinität, so symbolisiert ein Vierertakt die irdische Welt der Menschen. Im Vierhalbe-Takt und in Mixolydisch, einer alten Kirchentonart, stimmen die Männer das Symbolum Nicenum an, das Glaubensbekenntnis aus dem 4. Jahrhundert. Dieser dritte und zentrale Teil des Ordinariums hat Bach mit neun Sätzen von der Besetzung her streng symmetrisch angelegt. Das Zentrum bilden die Menschwerdung, die Kreuzigung und die Auferstehung, jeweils gesungen vom Chor. Umrahmt wird dieser Kern von zwei Arien und jeweils zwei Chorwerken am Anfang und am Ende.

Somit stellt Bach das menschliche Leiden Christi in den Mittelpunkt. Ohne das Strahlen des ersten Soprans, um eine düstere Stimmung zu erzeugen, komponiert er das "Crucifixus". In den vier Stimmen nacheinander von oben nach unten einsetzend, nimmt der Chor mit einer immer weiter absteigenden Tonfolge als Zeichen für Trauer und Schmerz, in klagendem e-Moll, Bezug auf das Kreuz. Langsam und vorsichtig tasten sich die Sänger von einem Ton zum anderen, erzeugen einen schwebenden, durch und durch vergeistigten Klang, werden immer leiser, nur noch von der Orgel begleitet, bis zum Ende, dem Tod. Dann, wie eine Explosion, im tänzerischen Dreivierteltakt, mit Pauken und Trompeten und strahlendem D-Dur feuert der Dirigent seinen Chor mit sparsamer Regieanweisung zu überschwänglicher Lebensfreude an, um Christi Wiederauferstehung zu feiern. Mitreißend und überzeugend pendelt Nikolaus Henseler zwischen den beiden Polen und spiegelt so die Dualität des christlichen Glaubens zwischen Leid und Tod und dessen Überwindung mit der Hilfe Gottes.

Nicht nur in den Vor- und Zwischenspielen oder wenn die Oboe in Dialog mit der menschlichen Stimme tritt, auch wenn sich das Orchester "La Banda" dezent, aber sicher stützend im Hintergrund hält, übernimmt es mehr als eine begleitende Rolle. Mit hoher Präzision und harmonischem Zusammenspiel trägt der Klangkörper maßgeblich zur Deutung des Textes bei und verleiht dem Werk mit historischen Instrumenten einen ganz eigenen, authentischen Klang.

Federnd schwebt die Einleitung der Streicher im Raum, schwermütig und mit großer Zärtlichkeit singt die Altistin das "Agnus Dei", bittet das Lamm Gottes um Erbarmen. Mit sparsamem Tremolo gestaltet Lena Sutor-Wernich mit einer reichhaltigen Palette an Klangfarben den Text, exakt tupfen die Streicher ihre untermalenden Einwürfe hin, ganz vorsichtig, um die Andacht nicht zu stören. Die Glocken von St. Maria schlagen acht, nachdem der letzte Ton verklungen ist. Nikolaus Henseler holt Atem, bevor er mit weit schwingenden Bewegungen zum prächtigen Schlusschor ansetzt: "Gib uns Frieden". Eine Bitte, so universell, konfessionsübergreifend und zeitlos wie das größte musikalische Werk Johann Sebastian Bachs.

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