Friedrichshafen Mehr als nur ein Babysitter: Elisabeth Schellinger ist gerne Leihoma

Das Projekt "Kinderbetreuung durch Senioren" des Häfler Familientreffs "Insel" ist nach wie vor gefragt: Derzeit betreuen 32 Senioren 45 Kinder. Weitere Leihomas und -opas werden gesucht.

„Paputt!“, ruft der zweijährige Pepe begeistert, als sein Spielzeugauto eine Garage aus Holzbauklötzen scheppernd umfährt. Kaputt, das ist momentan Pepes Lieblingswort, erklärt Leihoma Elisabeth Schellinger lächelnd und setzt die Bauklötze geduldig zu einer neuen Garage zusammen. Eine richtige Garage kann man in dem Gebilde aber meist nicht erkennen, da Pepe binnen weniger Sekunden sein Auto durchrauschen lässt.

Anstrengend findet es Schellinger trotzdem nie, wenn sie an einem Vormittag die Woche für zwei bis drei Stunden auf Pepe aufpasst. „Ein einzelner Enkel ist im Normalfall nicht anstrengend, es sei denn, er brütet Fieber aus.“ Etwas anderes sei das dann bei zwei oder mehr Enkeln, die sich dann auch mal „in die Wolle“ kriegen, wägt die Leihoma ab. Nur der Besuch mit Pepe auf dem Spielplatz strenge manchmal körperlich an, denn der Kleine könne ganz schön schnell rennen. Elisabeth Schellinger freut sich aber jedes Mal, Zeit mit ihrem Leihenkel verbringen zu dürfen.

Schon seit sieben Jahren nimmt Schellinger an dem Projekt „Kinderbetreuung durch Senioren“ teil. Die Leih­oma hat auch eigene Enkel, sie sind im Grundschulalter. Hauptgrund für ihre Teilnahme ist, dass ihre eigenen Kinder keine Oma hatten, die dazu in der Lage war, auf sie aufzupassen. „Es gab niemanden, der die Kinder abnimmt.“ Deswegen möchte Schellinger heute Familien unterstützen, denen es genauso ergeht. Außerdem ist die Leihoma Witwe und durch die Leihenkel kommt sie aus dem Haus, was ihr guttut.

In Friedrichshafen gibt es derzeit zu wenig Leihgroßeltern, da viele sich aus Alters- und Gesundheitsgründen von dem Projekt verabschieden mussten. Die Nachfrage vonseiten der Familien sei aber groß. „Uns wäre es wichtig, anderen Omas und Opas auch dieses Vergnügen zu gönnen“, so Schellinger. Sie selbst wurde durch eine junge, alleinerziehende Mutter auf das Projekt aufmerksam gemacht. „Für die Kinder ist es ein absoluter Luxus, jemanden zu haben, der zwei Stunden mit ihnen spielt.“

Elisabeth Schellinger betont, dass Leihgroßeltern nicht als Babysitter gedacht sind, die nur nachts auf die Kinder aufpassen. „Wir wollen eine Beziehung zu den Kindern aufbauen. Und wir wollen Spaß haben.“ Natürlich helfe sie auch mal abends aus. Trotzdem gehe das für sie nur dann in Ordnung, wenn sie das Kind regelmäßig tagsüber sehen und mit ihm etwas unternehmen kann.

Wie innig und warmherzig die Beziehung zu Leihenkeln werden kann, zeigt Schellingers Besuch bei ihren drei früheren Leihenkeln vergangene Woche. Nachdem sie die Kinder fünf Jahre lang betreut hatte, zog die Familie weg. Beim Wiedersehen nach zwei Jahren seien die Kinder „wie die Feuerwehr“ auf ihre Leihoma losgegangen. Der emotionale Höhepunkt war für Elisabeth Schellinger, als Enkel Ferdinand ihr zuflüsterte: „Oma Lisabeth, ich hab dich vermisst.“ Noch jetzt sieht man der Leihoma an, wie gerührt sie ist. „Da ist mir natürlich das Herz geschmolzen“, gesteht Schellinger. Auch zur Mutter der Kinder fühlt die Häflerin eine so tiefe Bindung, dass sie sie als ihre „Wunschtochter“ bezeichnet.

Sie gehen einkaufen, kochen Spaghetti oder backen Streuselkuchen. Neben gemeinsamen Beschäftigungen hilft Elisabeth Schellinger Pepe auch dabei, sprechen zu lernen. Da frühere Leihenkel damit Probleme hatten, war sie bei einigen Logopädie-Stunden dabei. Dieses Wissen lässt die Leihoma nun auch Pepe zugute kommen. Denn wie in vielen anderen Punkten auch, hat Schellinger für die Sprachförderung einfach mehr Zeit als die Eltern. Wichtig sei es vor allem, dass Kinder nichts vom Sprachtraining mitbekommen. Deswegen baut Schellinger es unauffällig beim Spielen ein und wiederholt deutlich falsch ausgesprochene Wörter. Außer bei Verbesserungen spricht Schellinger mit ihrem Leihenkel jedoch Dialekt.

Dass von dem Projekt „Kinderbetreuung durch Senioren“ beide Seiten profitieren, ist am Beispiel von Elisabeth Schellinger und Pepe deutlich zu sehen. Zutraulich kuschelt der Enkel sich für ein letztes Foto auf den Schoß seiner Leihoma und freut sich auf den Blitz der Kamera. „Licht!“, ruft der Zweijährige entzückt.

 

Projekt und Kontakt

  • Das Projekt "Kinderbetreuung durch Senioren" des Häfler Familientreffs "Insel" gibt es seit 14 Jahren. Momentan kümmern sich 30 Leihomas und zwei Leihopas um insgesamt 45 Kinder.
  • Idee: Das generationenübergreifende Projekt soll sowohl für die Kleinen als auch die Senioren eine Bereicherung sein. Familien sollen Entlastung erfahren. Im Mittelpunkt steht eine verlässliche Beziehung zwischen Kind und Leihoma beziehungsweise -opa – eine Beziehung, die zu den eigenen Großeltern oder Enkeln aus verschiedensten Gründen vielleicht nicht möglich ist. Ein weiterer Gedanken dahinter: Oft können Großeltern ganz andere Dinge vermitteln als Eltern. Zugleich lassen Kinder Senioren die Welt aus einer neuen Perspektive sehen.
  • Voraussetzungen: Nach Auskunft des Familientreffs sind keine Anforderungen oder spezielle Qualifikationen notwendig.
  • Vermittlung: Bei einem ersten Treffen mit Kind und Eltern wird festgestellt, ob die Chemie stimmt. Normalerweise kümmern sich Leihgroßeltern einmal pro Woche – möglichst zu einem festen Termin – für zwei bis drei Stunden tagsüber um den Enkel. Je nach Bedürfnis der Familie kann die Zeit allerdings angepasst werden. Die erste Stunde wird mit fünf Euro entlohnt, für jede weitere angefangene Stunde kommen 2,50 Euro dazu.
  • Kontakt: Projektleiterin ist Helmi Fauth, Telefon 0 75 41/2 44 39, E-Mail: leih-omas-opas@familientreff-insel.de 

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