Bodenseekreis Kritik an Nachtflugverbot des Rettungshubschraubers

Weil der Hubschrauber per Gesetz nachts nicht starten darf, kam für einen Familienvater die richtige Hilfe zu spät, er liegt im Wachkoma. Sein Schwiegervater wandte sich jetzt an die Politik, um an der Situation etwas zu ändern.

Seit dem 27. Januar dieses Jahres ist für Familie S. aus dem Bodenseekreis alles anders. An jenem Abend bricht ihr 47-jähriger Schwiegersohn, zuvor kerngesund, plötzlich bewusstlos zusammen. Ein kardiogener Schock, wie sich herausstellt, der lebensbedrohlich ist, weil Körper und Hirn nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden. Obwohl der Rettungsdienst schnell zur Stelle ist und der Familienvater umgehend ins Krankenhaus nach Friedrichshafen kommt, liegt der Mann seit Monaten im Wachkoma und braucht rund um die Uhr Pflege. Dabei hätte man ihm vermutlich helfen können, wenn der am Klinikum stationierte Rettungshubschrauber mitten in der Nacht abheben dürfte. Darf er aber nicht.

"Sie können sich nicht vorstellen, was das für unsere Tochter mit drei Kindern und auch für uns persönlich und finanziell bedeutet", sagt Paul S., der selbst pensionierter Arzt ist. Er hat sich nach monatelangem Ringen dazu entschlossen, den Schicksalsschlag öffentlich zu machen, um vielleicht anderen helfen zu können. Denn Paul S. ist überzeugt davon, dass das Nachtflugverbot für Rettungshubschrauber Schuld daran ist, dass sein Schwiegersohn nicht rechtzeitig die medizinisch verfügbare Hilfe erhielt, die er gebraucht hätte. "Da kreist nachts zwei Stunden lang ein Polizeihubschrauber mit Scheinwerferlicht über Langenargen, um einen Einbrecher dingfest zu machen, was nicht mal gelingt. Aber Rettungshubschrauber dürfen nachts nicht abheben", kritisiert er. Paul S. Schwiegersohn ist – oder besser war – selbst Arzt, ein renommierter dazu. Als plastischer Chirurg arbeitete er in einer großen Münchner Klinik, gehörte 2008 zu dem OP-Team, das einem Landwirt, der seine eigenen Arme bei einem Umfall am Häcksler verlor, erstmals erfolgreich die Gliedmaßen eines Toten transplantierte.

Acht Jahre lang lebte und arbeitete er mit seiner Familie in Singapur, war für eine Ärzte-Hilfsorganisation immer wieder in Krisengebieten wie dem Jemen im Einsatz, um Bedürftigen medizinisch zu helfen. Zuhause allerdings blieb ihm selbst die Hilfe versagt, die möglich gewesen wäre.

Obwohl er im Klinikum Friedrichshafen bestens versorgt wurde, so Paul S., hielt der Schockzustand des Patienten an. Deshalb nahm ein Arzt Kontakt zur Uniklinik Freiburg auf, wo es eine für solch schwierigen Fälle spezielle, neue Herzlungenmaschine gibt. "Da hieß es, die Maschine sei frei, kommen sie mit dem Hubschrauber her", erzählt Paul S. Da der am Klinikum stationierte "Christoph 45" aber nachts nicht fliegen darf, wurde – wie so oft in solchen Fällen – die Klinik im schweizerischen St. Gallen hilfesuchend kontaktiert. Die Piloten dort waren jedoch durch einen anderen Einsatz längere Zeit gebunden. "Daraufhin machten sich mitten in der Nacht zwei Ärzte aus Freiburg mit der Maschine in einem Spezialtransporter auf den Weg nach Friedrichshafen, wofür sie gut zweieinhalb Stunden brauchten. "Das war wahrscheinlich zu spät. Trotz aller Bemühungen entwickelte sich bei meinem Schwiegersohn durch den Sauerstoffmangel und den Schockzustand ein diffuses Organversagen und eine schwere Hirnschädigung."

Nachdem er in Friedrichshafen an die Maschine angeschlossen worden war, gab es Hoffnung für sein Überleben. Als die Piloten des Rettungshubschraubers ihren Dienst laut Gesetz wieder antreten durften, wurde er mit der Maschine nach Freiburg geflogen und auf der Intensivstation gut zwei Monate versorgt. Nach mehreren Wochen in der Rehaklinik Allensbach war dann guter Rat teuer, denn eine häusliche Pflege ist unmöglich. Im Sommer fand der Schwiegersohn nach intensiver Suche Aufnahme in einer Wohngemeinschaft für Wachkoma-Patienten in Memmingen, die dort rund um die Uhr betreut werden. "Ich habe keine Hoffnung mehr, dass sich sein Zustand noch bessert", hat Paul S. resigniert. Neben dem persönlichen Leid zweier Familien kommt es nach Aussage von Paul S. zusätzlich zu einer erdrückenden finanziellen Belastung. "Ich möchte nicht wissen, wie viele Fälle mit dem gleichen Schicksal es gibt", sagt er. Er hat sich mit dieser Geschichte an mehrere Politiker im Bodenseekreis gewandt, um den Stein endlich ins Rollen zu bringen.

Hilfe auch nachts

Seit Oktober darf der Rettungsdienst des Roten Kreuzes in Villingen-Schwenningen, der dort am Zentralklinikum stationiert ist, auch nachts fliegen. Rettungshubschrauber "Christoph 11" hat als Erster in Baden-Württemberg eine Nachtflug-Genehmigung erhalten und darf im 24-Stunden-Betrieb arbeiten. Allerdings darf er aus Lärmschutzgründen im Schnitt nur 1,3 Mal pro Nacht abheben. Am Monatsende darf die Gesamtzahl der möglichen Flüge in der Zeit zwischen 22 Uhr abends und 6 Uhr morgens nicht überschritten werden. (kck)

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