Friedrichshafen Konstantin Wecker verzaubert auch mit 70 Jahren

Der Poet und Liedermacher gastierte mit seinem Jubiläumsprogramm im GZH und riss das Publikum von den Sitzen. Auch nach dreieinhalb Stunden zeigte er keine Ermüdungserscheinungen.

Einen Abend voller poetischer Momente bescherte Konstantin Wecker zusammen mit seiner Band am Donnerstag im Friedrichshafener Graf-Zeppelin-Haus. Auch wenn sein Jubiläumsprogramm zum 70. Geburtstag „Poesie und Widerstand“ heißt, konzentrierte sich der bayrische Liedermacher im Konzert auf die ruhigeren Facetten seines jahrzehntelangen Schaffens. Auch nach dreieinhalb Stunden und gefühlten zehn Zugaben war ihm nicht eine Spur von Müdigkeit anzumerken. Am Ende gab es Standing Ovations für den Künstler, Umarmungen und das Gefühl, dass die Welt durch Lieder mit Botschaft doch ein kleines bisschen besser werden kann

Mit „Sage nein!“ stellte Wecker ein Lied an den Anfang, das er heute für wichtiger hält denn je. Geschrieben in D-Moll stört ihn heute daran jedoch der Dreiklang A-F-D. Später bringt er das Publikum dazu, auf die Melodie von Beethovens Neunter „Nein, ich hör nicht auf zu träumen von der herrschaftsfreien Welt“ zu singen. Das politische „Wecker“-Leuchten ist nach mehr als 50 Bühnenjahren immer noch da, ist sein Motor und seine Passion. Darüber hinaus bot er höchst private und persönliche Einblicke in sein Leben. Keine Frage, der Siebzigste ist für Wecker ein Grund, auf sein prall gefülltes Leben zurückzublicken. „Ich hatte unheimlich viel Glück und dafür bin ich sehr dankbar“, ließ er wissen.

Seine Lieder seien schon immer klüger als er selbst gewesen. „Damals war ich ihnen intellektuell noch nicht gewachsen“, sagte Wecker mit einem Augenzwinkern. Erst als sein erstes Kind unterwegs gewesen sei, habe er sich dem Erwachsenwerden gestellt. „Damals war ich 50.“ Es gab einige rührende Momente im Laufe des Abends, zum Beispiel wenn er vom Sohn erzählt, der ihn mit glänzenden Augen auf den fallenden Schnee aufmerksam gemacht hat. Und noch mehr, wenn sich Wecker an seinen Vater – er verweigerte in der NS-Zeit den Kriegsdienst, war wenig erfolgreicher Opernsänger und Maler – erinnert. Jo Barnikel unterlegte seine Worte mit Puccinis „Nessun Dorma“: „Mir flog das zu, was dir verwehrt geblieben. Du hattest Mut, ich hatte Glück.“ Schon als Kind habe er den Sopran übernommen und zusammen mit dem Vater Arien gesungen. Eine alte Tonbandaufnahme mit der Stimme des kleinen Konstantin als „La Traviata“ zeigt das früh geförderte Talent. „Ich habe Diven imitiert. Daher kommt das Weckersche Pathos.“

Die fünfköpfige Band mit durchweg hervorragenden Musikern, allen voran Jo Barnikel an Keyboard und Flügel, trug einen guten Teil zum Gelingen des Konzertes bei. Cellistin Fanny Kammerlander und Marcus Wall an der Violine sorgten für klassische Akzente, verstanden es aber auch, wie zum Beispiel beim „Alten Kaiser“, mit ihren Instrumenten den Strich gegen die Harmonie zu setzen. Gitarrist Severin Trobacher griff immer wieder zur Bratsche und Drummer Jens Fischer spielte auch die Akustikgitarre. Dass Wecker jeden nicht nur namentlich, sondern mit ein paar persönlichen Worten vorstellte, zeigt seine Auffassung vom gemeinsamen musikalischen Schaffen voller Spielfreude. Mit den „Vivid Curls“ holte er zwei Liedermacherinnen aus dem Allgäu auf die Bühne. So wie Wecker fassen auch Inka Kuchler und Irene Schindele ihren Wunsch nach einer gerechteren Welt in Worte und Noten. Das gemeinsame „Gracias a la Vida“, das Wecker bereits zusammen mit Mercedes Sosa und Joan Baez gesungen hat, war ein echter Genuss.

Viele Lieder rissen das Publikum schon beim Hören der ersten Takte zu Beifallsstürmen hin: „Ich singe weil ich ein Lied hab“, „Komm, mein Lieb, wir lassen uns den Fluss hinuntertreiben“, „Inwendig warm“ oder „Questa nuova Realtà“ dürfen bei keinem Wecker-Konzert fehlen. Aber dank der Musiker, die bei Wecker ihren Raum für Improvisation haben, klingen sie immer wieder anders. „Ich bin nicht am Anfang und nicht am Ende, sondern hoffentlich noch mittendrin“, las Wecker aus einem seiner Bücher und ließ voller Vitalität den Song „Weltenbrand“ folgen. Mit „Wehrt euch“ richtet er sich auch heute an die Adresse all jener, die die Wirtschaftlichkeit über Güte und Menschlichkeit stellen. Wie ein Duell an Flügel und Klavier wirkte der Parforceritt durch die Musikgeschichte mit Jo Barnikel. Von Mozarts „Kleiner Nachtmusik“ über „Kalinka“ bis „Ein Männlein steht im Walde“ warfen sie sich die Töne wie Spielbälle zu. Ganz am Ende bedankte sich Wecker: „Wie schön, wenn man ein Publikum hat, das einem dreieinhalb Stunden bei Gedichten zuhört.“

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