Friedrichshafen Klangformen und Formklänge

Morgen Eröffnung: Ausstellung von Dorle Ferber und Michael Kussl in der Plattform 3/3 in Friedrichshafen

Klang und Form sind in der Kunst von Dorle Ferber und Michael Kussl nicht zu trennen. Dorle Ferber ist als experimentierfreudige Sänger, Geigerin und Improvisatorin jenseits aller Schubladen bekannt, und Michael Kussl wiederum ist ein erfindungsreicher Instrumentenbauer und in unserer Gegend unter anderem bekannt für seine Freiluftskulpturen auf dem Parcours des Kunstraums Oberteuringen. Klang und Form verbindet auch die gemeinsame Ausstellung des Künstlerpaars in der Plattform 3/3.

Michael Kussl schließt zwei Kabel an eine Autobatterie an, und angetrieben von einem Motor setzt sich eine rostige Kette in Bewegung. Rasselnd seilen sich ihre Glieder in einen Blecheimer ab und schrappen über den Rand des Eimers wieder in die Höhe. So kann das endlos gehen. „Unser Wohlstand beruht immer noch auf der Ausbeutung von Sklaven. Das ist ein Bild dafür“, sagt Kussl. Liefe der Motor tatsächlich endlos, würde man das Kettenrasseln irgendwann wohl gar nicht mehr wahrnehmen – so, wie man für Ausbeutungsverhältnisse blind geworden ist. Flankiert wird diese geräuschvolle Installation von zwei Armierungsgittern. Man kann zwar zwischen ihnen hindurchgehen, „aber es bleibt trotzdem ein Gefängnis“, sagt Kussl. Vielleicht ja ein Gefängnis der eingeschränkten Wahrnehmung, wie Scheuklappen sie hervorrufen.

Aber Kussls Arbeiten bleiben nicht ohne ein „Trotzdem“. Es findet sich in Gestalt eines gewundenen Strahls, der die Gitter mühelos durchdringt – „das ist der Zeitfaden“, sagt Dorle Ferber. Jenseits der Grenzen des Ist-Zustands besteht die Aussicht auf einen Wandel der Verhältnisse. Ein „Trotzdem“ bilden auch Kussls Stelen – mit Leintuch überzogene Formen aus Eisengitter, die er in afrikanisch anmutender Buntheit bemalt hat. „Trotz Ausbeutung, Terrorismus und allem anderen geht es in Afrika bunt zu“, sagt Kussl. Das Leben ist nicht unterzukriegen – das vermitteln auch seine überdimensionalen und abstrahierten „Grashalme“ aus Stahlblech, die gegen alle Widerstände selbst aus einer Asphaltdecke hervorbrechen.

Michael Kussls Stahlobjekte laden zur Berührung und mehr noch zum Klopfen ein. Dann gibt ihr Resonanzkörper Töne von sich – aus Form wird Klang. Das gilt auf ganz andere Weise und gerade umgekehrt auch für Dorle Ferber: Sie macht in ihren „Partiturbildern“ Klang zu Form – aber genau genommen sind es imaginäre Klänge, die die Basis dieser Zeichnungen bilden: „Ich habe immer Musik im Kopf“, sagt Dorle Ferber. Man könnte diese Partiturbilder als Aufzeichnungen einer nur in Gedanken unternommenen Gesangsimprovisation bezeichnen – und das bedeutet, dass die Beziehung zwischen der Zeichnung und dem Klang zwar noch vorhanden ist, die Zeichnung sich aber einen sehr großen Freiraum erstreitet. Sie ist mehr und anderes als eine konventionelle Notenschrift, und sie stellt andere Anforderungen an ihr Gegenüber. Wo eine gewohnte Partitur in den Kopf des Musikers das Ziel setzt, der Vorstellung des Komponisten möglichst nahe zu kommen, gibt Dorle Ferbers Zeichnung ihm völlige Freiheit. Ihre Zeichen sind mal weit geschwungen und mal gedrängt, sie bilden lange Bänder oder nur kurze Kringel. Tonhöhen- und Taktangaben gibt es nicht. Wer diese gezeichnete Improvisation aufführen will, wird selbst zum Improvisator.

Dorle Ferbers Partiturbilder evozieren zwar unweigerlich die Vorstellung von Klängen – aber auch wenn man diese Ebene beiseite lässt, haben sie Bestand: Sie werden dann zu Zeichnungen, die nach der Logik des „automatischen Schreibens“ entstanden sind. Es ist die Hand, die dann improvisiert, die unkontrolliert von vorgefertigten Plänen mit dem Stift in der Hand zu träumen beginnt.

„Die Welt ist Klang“ hat Joachim Ernst Berendt gesagt und damit John Cage bündig in Worte gefasst. Mit dem Mikrofon eingefangene Alltagsgeräusche macht Dorle Ferber in Klangstationen zum Ausgangspunkt für die melodischen Exkursionen ihrer Singstimme, zu der sich bisweilen Instrumente wie Orgel oder Geige gesellen. Das Hupen von Autos wird zum Rhythmus, das Rattern eines Zuges führt sie gesanglich fort, zu Vogelzwitschern tritt eine gesungene verträumte Melodie, und das Geräusch des Scanners einer Supermarktkasse tritt in Konkurrenz zu den Vogellauten. Auch mit Loops arbeitet Dorle Ferber: Aus dem Nichts, nur mit ihrer Stimme, lässt sie so komplexe Gesangsschichtungen entstehen. Alle denkbaren Musikkulturen scheinen darin eingegangen zu ein, aber keine davon taucht als einzeln benennbare daraus wieder auf. Genau so hat sie sich das wohl auch gedacht.

Die Ausstellung „Von Zeitfäden und Palmweintänzen“ wird am morgigen Freitag um 19 Uhr eröffnet. Dabei findet eine Performance mit Marcel Kalberer (Worte), Jan Fride (Percussion) und Dorle Ferber (Stimme, Violine) statt. Zu sehen ist die Ausstellung bis 15. November jeweils freitags bis sonntags von 14 bis 18 Uhr.

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