Friedrichshafen In jedem Leben gibt es eine Stunde Null

Lotta Lundberg – eine starke Stimme im Literaturherbst bei „RavensBuch“ in Friedrichshafen

Sonntagsmatinee bei „RavensBuch“. Lotta Lundbergs Stimme klingt hell und fest zugleich. Die Pausen setzt sie behutsam und wirkungsvoll. Wenn sie ihre Protagonistin Isa durch Uppsala gehen lässt, meint man, deren Schritte auf dem Asphalt zu hören.

„Zur Stunde Null“ heißt der Roman aus der Feder der schwedischen Schriftstellerin, die seit 2004 in Berlin lebt. In Friedrichshafen liest sie aus der deutschen Übersetzung, der anzuhören ist, dass auch diese Version ihrem Tenor entspricht und vertraut ist. Eine leichte schwedische Akzentfärbung ist in den stimmhaft gesprochenen Konsonanten zu hören und bestärkt den Eindruck der zweisprachlichen Authentizität.

Der Roman porträtiert drei Frauen und ihre Lebensthemen an Wendepunkten ihrer Geschichte. Hedwig, verbotene Schriftstellerin im ausgebombten Berlin des Jahres 1945, hält verbissen an ihren katholischen Glaubenssätzen fest. Sie versucht, die innere Stimme zum Schweigen zu bringen, die ihr einflüstert, sie hätte ihre halbjüdische Tochter besser vor der Deportation nach Theresienstadt schützen müssen. „Tauge ich als Mutter“, heißt ihre Lebensfrage „wenn ich mich als Frau für meinen Beruf entscheide und Gott die Sorge um mein Kind überlasse?“

Die schwedische Sprache hat kein Wort für Vergangenheitsbewältigung und Lundberg beschreibt, wie überwältigt sie vom Umgang mit der Vergangenheit war, als sie nach Berlin kam. Diese kollektiv empfundene Stunde Null fehle im „unerfahrenen Schweden“, aber jeder Mensch erlebe seine persönliche Stunde Null, so wie beispielsweise ihre Romanfigur Ingrid. Die in Stockholm erfolgreiche Psychotherapeutin zieht mit ihrem Mann, einem an Morbus Parkinson erkrankten Pastor, auf eine kleine Schäreninsel. Der Pastor verliebt sich in eine Schriftstellerin und Ingrid fragt sich, ob es richtig war, mit ihm auf die Insel zu ziehen. Liebt sie ihn noch? Was ist richtig? Was ist falsch? Was ist schlimm? Worum geht es eigentlich? Welchen Weg wählt sie für ihre Zukunft?

Auf einem biografischen Scheitelpunkt befindet sich auch Isa, schwedischer Teenager Mitte der achtziger Jahre. Ihre Mutter ist Forscherin in Afrika, sie lebt bei ihrem Vater, einem etwas schrägen Neurowissenschaftler. Isa hat ihre Puppe „ermordet“, ein Spiel, das sich für ein Mädchen nicht gehört und muss deshalb zu „Psychodoc“. Bei und zwischen diesen Sitzungen geht es um Zukunftsbewältigung. „Wie soll ich werden?“ lautet hier die Frage und allen drei Lebensläufen ist gemeinsam: das Schicksal ist die eine Seite der Medaille; die Art, die Münze zu werfen, die andere.

Lundberg deutet die Verknüpfungen zwischen den Frauen im Roman in der gut besuchten Lesung nur an. „Ich schreibe nicht nur für Sie, ich schreibe auch für mich“, beantwortet sie eine Frage aus dem Publikum nach ihrem persönlichen Bezug zu den Romanfiguren.

Sie vermische Empathie mit Phantasie, um daran zu reifen, sich in jemand anders hineinzudenken. Die Radiostimme beispielsweise, von der Isa fasziniert ist, gab es wirklich und sie faszinierte Lotta. In einem brandenburgischen Kloster, in das sich die Autorin von Zeit zu Zeit zum Schreiben zurückzog, traf sie auf Spuren einer früheren schreibenden Bewohnerin, der Mutter dieser Radiostimme und Vorlage für die Figur der Hedwig. Eine Fügung? Mit Sicherheit war es eine glückliche Entscheidung des extra zur Lesung angereisten Verlegers Daniel Kampa, Lotta Lundberg als erste schwedische Autorin zu verlegen. Der nächste Roman erscheint 2016.

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