Überlingen Heimatcheck: So ist der Bodenseekreis im Krankenhauswesen aufgestellt

Die Kliniklandschaft am See passt noch, solange die Häuser im großen Verbund organisiert sind und die Politik nicht weiter an den Daumenschrauben dreht.

Der Bodenseekreis sei nicht nur in den Bereichen Wirtschaft und Tourismus gut aufgestellt, „er kann auch ein modernes und leistungsfähiges Krankenhauswesen mit einem Netzwerk aus Spezialisten vorweisen“. Zu dieser Einschätzung gelangt der Landrat des Bodenseekreises, Lothar Wölfle, wenn er auf die Krankenhauslandschaft am Bodensee schaut. Im Vergleich mit vielen anderen Regionen der Bundesrepublik, wo eine Klinik nach der anderen gerade in ländlichen Gegenden geschlossen werden muss, ist die Welt auch hier (noch) in Ordnung.

Neben den privaten Häusern – Asklepios Klinik Lindau, Helios Spital Überlingen und SRH Kliniken mit drei Standorten, darunter Pfullendorf – stehen den Einwohnern in der Region auch drei kommunale Klinikverbünde offen: das Hegau-Bodensee-Klinikum, die Oberschwabenklinik (OSK) Ravensburg und der Medizin-Campus Bodensee (MCB), unter dessen Dach drei Krankenhäuser in Friedrichshafen, Tettnang und Weingarten vereint sind. Alle drei kommunal verantworteten Klinikverbünde kooperieren hier und da im Interesse ihrer Patienten, beispielsweise beim gemeinsamen Brustzentrum Bodensee des Klinikums Friedrichshafen und Konstanz.

Bild: Jessica Steller

Das Überlinger Krankenhaus war lange in der Trägerschaft der im Mittelalter begründeten Spital- und Spendstiftung. Sie verstand es als Verpflichtung, allen kranken, alten und armen Menschen nach Möglichkeit zu helfen. Auch nach der Privatisierung im Jahr 2007 will das Helios Spital Überlingen den Bürgern in Stadt und Umland Hilfe für möglichst viele Fälle bieten. Im Landeskrankenhausplan ist die Klinik daher auch als Haus der Grund- und Regelversorgung geführt. „Wir haben zehn Fachrichtungen und eine Belegabteilung – so können wir wohnortnah eine sehr breit gefächerte und qualitativ hochwertige medizinische Versorgung der Bevölkerung leisten“, erklärt Pressesprecherin Claudia Prahtel. „Wenn Patienten jedoch so schwer erkranken, dass unsere Expertise oder unsere medizinische Ausstattung nicht ausreichen, verlegen wir diese Patienten in andere Krankenhäuser.“ So gewährleiste Helios, „dass jeder Patient in jedem Fall immer die beste medizinische Behandlung bekommt“.

Doch reicht das Patientenpotenzial des ländlichen Raumes, in dem Überlingen liegt, heute aus, um den wirtschaftlichen Herausforderungen, die der Konzern stellt, zu genügen? Als Schwerpunkt sieht Helios die wohnortnahe Versorgung von Patienten in und um Überlingen. „Dass wir damit den richtigen Weg eingeschlagen haben, zeigt die gute Auslastung unseres Hauses, die sicher auch dem breit gefächerten medizinischen Leistungsangebot zu verdanken ist“, betont Pressesprecherin Prahtel. Dank der Expertise der Ärzte und der Spezialisierungen, etwa im Bereich der Bauchspeicheldrüse oder bei Erkrankungen der Bauchaorta, habe Helios auch Patienten, die von außerhalb der Region kommen.

Erfolgreiches Wirtschaften zentral für Helios 

Grundsätzlich prüfe Helios im Vorfeld jeder Übernahme, ob eine Klinik genügend Potenzial hat, um erfolgreich zu sein. Der Standort Überlingen habe sich seit der Übernahme durch die Helios Kliniken GmbH vor zehn Jahren „kontinuierlich positiv weiterentwickelt“.

Die Kliniken in Ravensburg, Friedrichshafen und Konstanz sind im Landeskrankenhausplan als Kliniken der Zentralversorgung platziert und haben damit einen anderen Versorgungsauftrag als ein Haus der Grund- und Regelversorgung. Helios erkennt darin nicht in erster Linie eine Konkurrenz. „Wir sehen die Kliniken als kompetente Kooperationspartner“, erklärt Claudia Prahtel. „Mit Ravensburg kooperieren wir zum Beispiel in der Teleradiologie und bei schweren Schädel-Hirn-Verletzungen, mit Friedrichshafen in der Neonatologie.“

Für MCB-Geschäftsführer Johannes Weindel könnte die kommunale Partnerschaft in der Region weiter gehen. Seit elf Jahren ist er Chef des Klinikums Friedrichshafen und war in dieser Zeit eigentlich ständig auf „Brautschau“ – wohl wissend, dass es ein Krankenhaus mit weniger als 400 Betten immer schwerer haben wird, erfolgreich zu wirtschaften. Mit der Übernahme des Weingartener Krankenhauses 14 Nothelfer im Jahr 2013 und der im Jahr darauf perfekt gemachten Übernahme des Klinikums Tettnang sei der Medizin-Campus Bodensee heute zukunftsfähig aufgestellt, meint Weindel. Unter den derzeitigen finanziellen Bedingungen sei der MCB nun auch ordentlich aufgestellt. Doch an welchen Schrauben die Politik noch zu drehen gedenkt, werde Einfluss darauf haben, wie die Kliniklandschaft auch am Bodensee in zehn oder 20 Jahren aussehen wird.


Notärzte leisten wichtigen Dienst

Er bangt inzwischen um Nachwuchs: Dr. Günther Welte, Vorsitzender des Notärzte-Vereins.
Er bangt inzwischen um Nachwuchs: Dr. Günther Welte, Vorsitzender des Notärzte-Vereins. | Bild: Jörg Büsche

Seit 14 Jahren gibt es den Verein "Markdorfer Notärzte" – und er leistet einen unverzichtbaren, oft lebensrettenden Beitrag zur Notarztversorgung in der Region. Gegründet wurde er Mitte 2003 nach der Schließung des Markdorfer Krankenhauses. Ein Freiburger Modell stand damals Pate. Heute rücken die 14 Mediziner, die meisten sind angestellte Fachärzte, von Markdorf aus jährlich zu rund 1200 Einsätzen aus. Gefordert sind sie vor allem nachts und an Wochenenden. Wenn der Alarm hochgeht, geht es von der Zentrale hinunter in die Gehrenbergstadt oder hinaus nach Meersburg, Immenstaad, Oberteuringen oder ins Deggenhausertal. Gäbe es den Verein nicht, müssten die Kliniken den notärztlichen Dienst auch außerhalb der üblichen Dienstzeiten bereitstellen. Das Budget stellt das Landratsamt zur Verfügung. Im Kreistag war man seinerzeit dankbar für die Lösung. Doch die Zukunft ist ungewiss: Bereits vor vier Jahren hatte der Vorsitzende Günther Welte, der Markdorfer ist Kardiologe im Häfler Klinikum, ein Nachwuchsproblem prophezeit: "Notärzte fallen nicht von Bäumen." Inzwischen fehlt Nachwuchs. Junge Kollegen seien nur schwerlich dafür zu gewinnen, ihre Freizeit zu opfern, heißt es. (gup)

Geburtshilfe vor Ort, Fachärzte dezentral

Alexandra Binczycka brachte ihre Amelie Charleyne in der Klinik Tettnang zur Welt. Die hält auch unter dem Dach des Medizin-Campus Bodensee, das sonst auf Spezialisierung setzt, eine Geburtshilfestation vor.
Alexandra Binczycka brachte ihre Amelie Charleyne in der Klinik Tettnang zur Welt. Die hält auch unter dem Dach des Medizin-Campus Bodensee, das sonst auf Spezialisierung setzt, eine Geburtshilfestation vor. | Bild: Medizin-Campus Bodensee

Mit 643 Betten in den Krankenhäusern Friedrichshafen, Weingarten und Tettnang hat der Medizin-Campus Bodensee eine Größe erreicht, die wirtschaftlich tragfähig ist. Das Klinikum Friedrichshafen bleibt ein Krankenhaus der Zentralversorgung, die beiden anderen Kliniken decken nach wie vor die Grund- und Regelversorgung vor Ort ab. Das heißt, dass der Klinikverbund auch in Weingarten mit 133 Betten und in Tettnang mit 140 Betten eine Notaufnahme und die Geburtshilfe vorhält, was ein Zuschussgeschäft, aber erklärter Wille ist. Je nach Erkrankung werden Patienten des Medizin-Campus Bodensee in einem der drei Häuser behandelt, wobei es darauf ankommt, wo welches Kompetenz-Zentrum angesiedelt ist. Das kann auch bedeuten, dass ein Patient aus Friedrichshafen nach Weingarten muss, weil hier beispielsweise der Facharzt für Lungenkrankheiten praktiziert. „Wer nach Ulm zu Ikea fahren kann, um Kerzen zu kaufen, kann auch nach Weingarten fahren, wenn er krank ist“, meint dazu Johannes Weindel. (kck)


Überlingen hat sehr viele Fachärzte

Die Zahl der niedergelassenen Hausärzte nimmt zwar zu, wie die Kassenärztliche Vereinigung feststellt. Allerdings nicht auf dem Land. Der Trend gehe hin zu immer größeren Praxen in den Kerngemeinden. Überlingen ist hiervon zweifach begünstigt. Erstens ist hier die Zahl an Ärzten mit Kassenzulassung vergleichsweise hoch: Laut KVWB zählt Überlingen 118 Ärzte, das fast halb so große Salem nur 13.

Zweitens kommen hier noch viele Privatpraxen hinzu. Sie nehmen zwar nur Privatpatienten an, tragen aber letztlich zu einer Verkürzung der Wartezeiten bei. Alleine in Überlingen gibt es 20 Fachärzte für Innere Medizin oder zwei Hautärzte – und zwar mit KV-Zulassung. Hinzu kommen Privatpraxen. Eine Erklärung dafür ist Überlingen und seine einkommensstarke Bevölkerung. Ein Privatarzt muss sich nicht um einen Arztsitz bewerben, ist aber auch den freien Kräften des Marktes überlassen. In Überlingen ist dieser Markt vorhanden. (shi)


Verah kommt ins Haus: Versorgungsassistenten in der Hausarztpraxis

Sabrina von Briel ist mit dem Verah-Mobil unterwegs.
Sabrina von Briel ist mit dem Verah-Mobil unterwegs. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Immer mehr medizinische Fachangestellte unterstützen die Hausärzte als Versorgungsassistenten in der Hausarztpraxis – kurz Verahs. Eine von ihnen ist Sabrina von Briel. Sie arbeitet in der Hausarztpraxis Apfelbacher in Stetten a.k.M.. Da in ländlichen Regionen immer weniger Ärzte immer mehr Patienten versorgen müssen, sollen Verahs die Hausärzte entlasten und auch Hausbesuche übernehmen. Ärzte, die eine Verah beschäftigen, können ein einheitlich gestaltetes Auto, das Verahmobil, leasen. Das erste dieser Art im Landkreis Sigmaringen wurde bereits am 9. September 2013 an von Briel übergeben. Seit 2008 gibt es die Verah-Ausbildung. Die Versorgungsassistentinnen dürfen impfen, versorgen Wunden und verteilen Medikamente. Außerdem kümmern sie sich um die Verwaltungsarbeit. Die Verah-Weiterbildung ist in Baden-Württemberg Teil des Vertrages zur „Hausarztzentrierten Versorgung“ (HzV) zwischen Hausärzteverbänden auf der einen und der AOK Baden-Württemberg auf der anderen Seite. (kf)

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