Friedrichshafen - Ganes werden immer experimenteller

Der Band aus Südtirol gelingt im Bahnhof Fischbach ein Konzert, das die alten ladinischen Sagen mit dem Pop von heute verbindet. So interessant wie heute klangen Ganes noch nie.

Sie fingen bei Hubert von Goisern an und haben seit 2010 nun schon ihr fünftes Album als eigenständige Band veröffentlicht: Ganes, bestehend aus den Schwestern Elisabeth und Marlene Schuen sowie ihrer Cousine Maria Moling. Als Südtirolerinnen sind sie zugleich Botschafterinnen der ladinischen Sprache. Und mit ihrem Konzert im Bahnhof Fischbach zeigen sie, wie eigentümlich der Weg ist, den sie eingeschlagen haben: In der Klangsprache werden die Wege immer weiter, immer experimenteller – in den ladinischen Liedtexten dagegen ziehen Ganes die Kreise enger, konzentrieren sich mit der aktuellen CD „An cunta che“ (Man erzählt sich) ganz auf die uralte ladinische Sagenwelt. Das Ergebnis ist ein Märchenkosmos 2.0. Ganes, so heißen in den Mythen Südtirols die Wassernixen, und da ist es kein Zufall, dass die Musik des Trios immer wieder die Pfade von Björk kreuzt, jener anderen Elfe, die nicht ganz von dieser Welt ist.

Ein Waisenkind, das sich in ein Murmeltier verwandeln kann und Zwerge, die das Mondlicht spinnen; Schatzsucher, die wegen ihrer Gier ein Jahr lang durch das Innere des Berges irren müssen, den sie plündern wollen; oder ein junger Mann, der wegen seiner vermeintlich nicht erwiderten Liebe den Regenbogen zerbricht – alle diese Geschichten spinnen Ganes nicht in den luftdichten Kokon der Traditionspflege ein, sondern spannen sie auf zwischen sphärischen Gesängen und tiefen Schlagzeugbeats, zwischen Hackbrett und Synthesizer. Da ist ein Experimentierwille am Werk, der die neuen Lieder zu den interessantesten im Katalog von Ganes macht.

Wenn dann als letzte Zugabe der Song „Bang Bang Bun“ vom 2014er-Album „Caprize“ gegeben wird, glaubt man seinen Ohren kaum: Ganes verwandeln sich plötzlich in rotzfreche Gören, irgendwo zwischen Indierock und Dancefloor. Das zeigt aber nur, wie sehr die drei Frauen in der Popmusik der Gegenwart zu Hause sind – auch wenn sie zwischendurch mit ihrem Keyboarder Alex Trebo vierstimmig ein Volkslied singen oder mit schaurig verzogenen Stimmen, garstig kratzenden Violinen und heftigen Blitzen hinter der Dolomiten-Pappkulisse schon mal arg tief in die Gruselkiste greifen.

Noch nie war bei Ganes die Kluft zwischen Text-Tradition und musikalischer Aufgeschlossenheit größer. Aber trotzdem kamen noch nie so stimmige und moderne Popsongs dabei heraus. „Temp Impormentü“ etwa ist ein potenzieller Pop-Hit und erzählt mit süffigem Refrain zur Funk-Gitarre vom Ende des Reichs der Fanes, eines Sagenvolks: „Gefangen in einem Schloss aus Glas, habe ich nie Licht gesehen. Es fehlt die Helligkeit, wir können nicht entfliehen“, heißt es in der deutschen Übersetzung, die Ganes auf ihrer Homepage präsentieren. „In diesen Legenden“, erklärt Marlene Schuen beim Konzert, „geht es um die großen Fragen des Lebens und der Menschheit. Wir haben sie von klein auf gehört, oft beim Wandern.“ Das erklärt die Unbefangenheit, mit der sie diese Texte mit dem Pop von heute verknüpfen. Zugleich werden aber die Zeitschlaufen in die Vergangenheit gelegt, wenn im Lied „Dolasila“ unter einem Echolot-artigen Keyboardmotiv der Rhythmus von Ravels Bolero liegt. Und wie beim Bolero steigert sich die Dramatik, denn erzählt wird eine verhängnisvolle Geschichte: Die Fanes-Prinzessin Dolasila verlässt das Schlachtfeld, nachdem sie mit Hilfe verzauberter Pfeile den Feind geschlagen hat. Unterwegs wird sie von einer Schar gespenstischer Kinder umlagert. In ihrer Angst schenkt Dolasila ihnen einen Teil ihrer Pfeile – von denen sie am Tag darauf getötet wird. Den Rest dieser Zauberwaffen müssen sich Ganes gesichert haben. Sie treffen damit vom Kopf ins Herz, und umgekehrt.

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