Friedrichshafen Flüchtlinge als Gegenstand: Aktion in Friedrichshafen erregt viel Aufsehen

Das WIK-Kollektiv hat mir einer besonderen Performance-Kunst viel Aufmerksamkeit in der Friedrichshafener Innenstadt erregt. Mit Kartons wollten sie Flüchtlinge als fremdbestimmte Fracht darstellen, um so gegen die bürokratische Verteilung von Menschen zu protestieren.

Junge Männer in Signalwesten laden in der Innenstadt von Friedrichshafen Umzugskartons von einem Transporter. Ungefähr alle 30 Meter bleibt das Fahrzeug stehen, bis 14 dieser Kartons auf der Karlstraße und der Wilhelmstraße an vorher markierten Stellen platziert sind. In jedem Karton steckt ein Mensch, und durch ein Loch im Karton hat jeder seinen Kopf gesteckt. Da sitzen sie nun, wie eine nach Plan ausgelieferte Ware, mitten in der regennassen Kälte des vergangenen Samstags, und warten mit ausdruckslosen Gesichtern.

Es ist eine Aufsehen erregende Aktion, die das unlängst in Friedrichshafen gegründete studentische „WIK-Kollektiv“ hier durchführt. So Aufsehen erregend, dass das Desinteresse und die Blindheit, mit der die meisten Passanten in der belebten Fußgängerzone reagieren, etwas Demonstratives hat. Jugendliche lachen und zücken das Fotohandy. Der Mitarbeiter einer Bäckerei findet es nicht lustig, dass neben dem Eingang so ein Karton steht. Ein Mann fragt, ob das eine Performance sei und ob er jetzt was spenden müsse. Aber die meisten stellen sich blind, so wie es die Mehrheit tut, wenn ihr etwas begegnet, das quer zu den Normalitäten steht.

So quer zum Gewohnten wie die nach Deutschland geflohenen Menschen, um die es hier geht. Das Wort „Willkommenskultur“ steht in leuchtenden Buchstaben auf jedem der Kartons, und außerdem eine Adresse: „Am Fallenbrunnen X, 88045 Friedrichshafen, Germany“. Fallenbrunnen X, das ist die ehemalige Containeruni der Zeppelin- Universität, in der bald viele Flüchtlinge untergebracht sein werden. „Es geht um Zahlen, Quoten, Verteilungen –wie im Warenlager“, erklärt das WIK-Kollektiv nachträglich zu seiner Aktion. „Fremdbestimmt kann der Mensch verfrachtet werden – dorthin, wo es gerade passt. In unserem Fall an den Fallenbrunnen oder dorthin zurück, wo er herkam. Rückführung – auch im Schnellverfahren. Auf Verwaltungsebene und in den Medien heißt das ‚Willkommenskultur'.“ Zitat Ende.

Flüchtlinge im Fallenbrunnen – an den Stadtrand, aus dem Sinn? Man kann die Aktion des WIK-Kollektivs für polemisch halten, und auch für unfair angesichts der Herausforderungen, vor denen eine Verwaltung steht, die in kurzer Zeit viele Quartiere zur Verfügung stellen muss. Aber trotzdem ist diese Aktion auch sehr originell, denn mit ihr wird der künftige „Flüchtlings-Abstellplatz“ ins Zentrum Friedrichshafens geholt. Vier Meter Wohnfläche werde jedem Geflohenen im Fallenbrunnen zur Verfügung stehen, hat das WIK-Kollektiv ausgerechnet – ein Fläche, so groß wie ein Umzugskarton im aufgeklappten Zustand ist. Die Kartons sind aber nicht aufgeklappt, sondern gleichen einem Gefängnis.

Diese Performance stellt vor allem die Frage, ob der Lebensraum ein Gefängnis bleiben wird. Die Aktion lässt den Passanten schließlich alle Handlungsmöglichkeiten – von der Gleichgültigkeit über das Lachen oder die Verärgerung bis hin zum hilfsbereiten Eingreifen. Und eingegriffen wird durchaus: Einer oder zwei Passanten reißen die zugeklebten Kartons auf und helfen den eingesperrten Aktivisten heraus. Das ist eine gar nicht mal so schlechte Quote, wenn man bedenkt, das das WIK-Kollektiv seiner Performance keine erklärende Kundgebung vorausschickt. Wer ihr begeggnet, muss sich seinen eigenen Reim darauf machen.

Wenn ein geflüchteter Mensch in den ihm zugewiesenen vier Quadratmetern Deutschland ohne Austausch zur Gesellschaft bleibt, werden sie ihm zum Gefängnis. Für diese Gefahr hat das WIK-Kollektiv eine Form gefunden, die schlüssig ist und künstlerisch überzeugt.

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