Friedrichshafen Feridun Zaimoglu liest seinen Luther-Roman im Kiesel

Statt einer bloßen Lesung wird der Auftritt des Schriftstellers allerdings zu einem Wort-Tanz in einer Sprache, die sich am Frühneuhochdeutschen orientiert. Lange hat Zaimoglu recherchiert, um für den Roman "Evangelio" in die Zeit Luthers hineinzufinden.

Feridun Zaimoglus Hände tanzen. Abwechselnd halten sie das Wasserglas, aus dem der Künstler zur Pflege seiner strapazierten Stimme nippt und zeichnen dabei in der Luft kunstvolle Figuren zum Takt seiner Worte. „Junker Georgen, Mönch ohne Kutte, gebannt auf die Felsenfeste Warte, ist ein stößiger Stier, er wütet in der ersten Hitze. Meister Martinus speit aus den bösen Geist in prasselnden Stücken. Sein Maul fließt über, denn das Evangelium sticht ihn.“ Wer so schreibt, liest nicht einfach nur vor. Im gestischen Reigen bricht sich das Licht an den silberberingten Fingern, während der Autor seinen Text mit den Augen fixiert und ihn deklamiert wie ein Schauspieler seinen Bühnenmonolog.

270 Tage liegen zwischen dem Verkaufsstart von „Evangelio“ und der Veranstaltung im Kiesel, mit der das Kulturbüro seine Lesungen für dieses Jahr beschließt. Zirka 250 Mal habe Zaimoglu seit Erscheinen aus seinem Luther-Roman gelesen, berichtet er. Und er sei froh, wenn er in wenigen Wochen wieder im eigenen Bett schlafen dürfe. Ein gewisser Grad an Besessenheit scheint nötig, um einen solchen Lesemarathon durchzuziehen, zumal das Datum im Kiesel mit dem Geburtstag des Autors zusammenfällt.

Derjenige, dem er die oben zitierten Worte in den Mund gelegt hat, ist ein Landsknecht namens Burkhard, der den Ketzer Martin Luther zwischen Mai 1521 und März 1522 auf der Wartburg bewachen und beschützen soll. Ein „harter Knecht“ ist er und ein Anhänger des alten Glaubens, wie die meisten seiner Zeit. Luther ist gleichermaßen Gefangener des Kurfürsten von Sachsen als auch seiner inneren Dämonen und Teufelsfurcht. Geplagt von Migräne, Nierenkoliken und Schwindel und wie seine Zeitgenossen überzeugt vom herannahenden Weltuntergang, übersetzt er dennoch in diesen zehn Monaten das Neue Testament aus dem Lateinischen ins Frühneuhochdeutsche. Burkhard ist der erfundene Ich-Erzähler des Romans. Zaimoglu variiert seine Stimme minimal und doch gut erkennbar, wenn er etwas leiser als Burkhard den Luther intoniert. Er lässt ihn aus einem Brief an Melanchthon vorlesen und kreiert so ein weiteres fiktives Dokument. „Mir zu Schutz und Trutz beigestellt ist ein harter Knecht, ich plauder vor ihm aus, was mir inwendig ist, ich lob mein Tintenhorn, ich lob meine Feder, er lobt Schwert und Axt, und er lobt den falschen Römerfürst.“

Nach etwa vierzig Minuten taucht Feridun Zaimoglu wieder auf aus seiner Rezitation und gewährt den Fragen Franz Hobens und des Publikums Einlass in seinen Luther-Kosmos. Besonders interessiert die Kunstsprache, in der der Roman geschrieben ist und die Zaimoglu dem Frühneuhochdeutschen nachempfunden hat. Eineinhalb Jahre hat er recherchiert, sich eingelesen, ist an Originalschauplätze gereist, hat die Orte rekonstruiert und sich allmählich „anverwandelt“, wie er sagt. „Ich musste mich vergessen, mit meiner Heutigkeit brechen, durfte nicht klüger sein als die Figuren, musste mich zum Verschwinden bringen.“ Auf die Frage, wie er sich den Sprachstil angeeignet habe, antwortet er: „Ich scheue mich nicht, in der Vorbereitung auf jedes Buch eine lächerliche Figur zu werden.“ Trotz Zweifeln und Verzweiflung gelte es, dranzubleiben. „Dann hatte ich den Ton.“ Aber er habe auch aufpassen müssen, „dass ich nicht irre werde, sondern zurückkomme von der Reise“.

„Evangelio“ ist ein weiterer Erfolgsroman des herausragenden Schriftstellers mit türkischen Wurzeln. Auch in seinen anderen zwanzig Büchern kreiert er jeweils einen speziellen, einzigartigen Ton. Bekannt wurde er bereits mit seinem Erstling „Kanak Sprak“ von 1995, wonach inzwischen ein Szenejargon benannt wurde. Bereits als Schulkind habe ihn die Bibel in der Stadtbücherei in Bann gezogen und er habe sie viele Male gelesen. Zwar habe er damals nichts verstanden, aber er habe sich an den Worten entzündet, die so anders waren als die Sprache in der Schule und der Arbeiterjargon. Einen Luther-Roman habe er schon immer schreiben wollen, aber erst habe er Scheu und Feigheit vor dem Stoff überwinden müssen.

„Es ist eine glückliche Fügung, dass er gerade dieses Jahr erschienen ist.“ Seine Lesungen im Luther-Jahr beschreibt Zaimoglu als ganz besondere Erlebnisse. Außer in Buchhandlungen fanden sie in Kirchen, Moscheen und Synagogen statt. Bibelkreise mit 30 bis 40 Leuten seien darunter gewesen, aber auch Großveranstaltungen mit 400 bis 500 Zuhörern; einmal habe er vor Priestern gelesen, die die Sprache gar nicht verstanden hätten, um ihnen den Furor Martin Luthers nahezubringen. „Das waren schon manchmal seltsame Veranstaltungen. Dieses Jahr habe ich erlebt, dass der Glaube abgeht!“

Feridun Zaimoglu: Evangelio. Ein Luther-Roman, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 352 Seiten, Preis 22 Euro.

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