Friedrichshafen "Er ist wieder da": Adolf Hitler steckt alle in die Tasche

Das Wolfgang Borchert Theater bringt den satirischen Roman "Er ist wieder da" von Timur Vermes auf die Bühne – mit einem Hitler, der die Mediengesellschaft von heute vorführt.

Alles ist irgendwie anders und doch so vertraut. Und Zarah Leanders "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen" ist wirklich ein zeitloser Klassiker, den man immer gerne hört. Auch an den Anblick von Wolkenkratzern und rappenden Kids kann sich ein flexibler Geist schnell gewöhnen. Und daran, dass es am Zeitschriftenstand jetzt eben die Hürriyet statt den Völkischen Beobachter gibt.

"Wo ist bloß Bormann?", fragt sich jemand, der zunächst aus dem Staunen nicht herauskommt. Eigentlich kein so übler Bursche. Kurz geschnittenes Bärtchen. Macht auch in seiner schneidigen Uniform eine recht gute Figur. Na gut, über die Farbe mag man sich streiten, aber was solls. "Sehe ich aus wie ein Verbrecher?", wird er später mit tragikomischem Blick und perfekt rollendem "R" seine Volksgenossen fragen. Aber nein. Eher wie ein armer Obdachloser, dem man eine Bleibe verschaffen, ihm weiterhelfen, ihm die Vorzüge des Medienzeitalters erklären und ihm die Chance geben muss, sich ein neues berufliches Standbein aufzubauen. Vielleicht sogar beim Fernsehen. Oder in der Politik. Potenziale müssen schließlich erschlossen und genutzt werden. Eine Kanzlerin mit moppsartig herabhängenden Backen kann doch für diese Republik wirklich nicht der Weisheit letzter Schluss sein.

"Er ist wieder da." Nicht nur im Roman von Timur Vermes oder im Film. Auch im Münsteraner Wolfgang-Borchert-Theater – und sogar auf der Bühne des Bahnhofs Fischbach. Lustig oder erschreckend? Gar keine so leichte Frage. Aber dummerweise ertappt man sich als Beobachter des von Kathrin Sievers in Szene gesetzten Stückes zunächst einmal dabei, Mitleid oder – was noch schlimmer ist – sogar eine gewisse Sympathie für den armen Kerl zu haben, der im 21. Jahrhundert einfach ins kalte Wasser, genauer gesagt auf ein leeres Grundstück der ehemaligen Reichshauptstadt geworfen wird. Dass das Lächeln im Laufe der nächsten zwei Stunden immer bitterer wird, das steht natürlich auf einem ganz anderen Blatt. Aber mal ehrlich: Comedian hin oder her – der Kerl hat's doch einfach drauf. Raucht Stefan Raab, Ingo Appelt und Konsorten in der Pfeife. So einer braucht keine Karte, keine E-Mail-Adresse, um die digitale Welt zu entlarven und sie sich zunutze zu machen. "Die Meinung eines Kritikers? Die hat schon in den 1930ern nichts gezählt und zählt auch heute nichts", sagt er. Wenn da nichts Wahres dran ist.

Die Bühne wird zur türkischen Blitzreinigung, zur Straße, zum Hotelzimmer, zum Konferenzraum oder Fernsehstudio. Und er hat sie alle im Sack. Einen, der von Altnazis zusammengeschlagen wird, den kann man gut gebrauchen – bei den Grünen wie die SPD und anderen etablierten Parteien. Die Bildzeitung ist für ihn kein wirklicher Gegner und die Rechten aller Schattierungen sind sowieso nur "ein Haufen Rohrkrepierer oder Waschlappen". Und Bormann bleibt nach wie vor verschwunden. Na und? Wer braucht da noch Bormann oder womöglich einen Propagandaminister.

Thomas Karl Hagen gibt einen Protagonisten, wie er im sprichwörtlichen Buche steht. Lebt seine Rolle in einer Weise, die das Blut in den Adern gefrieren lässt. Einleuchtend auch die Idee, nahezu alle anderen Schauspieler in Mehrfachrollen zu präsentieren. Sie sind dem Demagogen hoffnungslos ausgeliefert, sind dadurch quasi austauschbar und können der brillanten Theateradaption doch ihren Stempel aufdrücken, wie etwa Jannike Schubert, die als Carmen Bellini der guten Leni Riefenstahl nicht unähnlich ist und genau weiß, wer beim Tänzchen im Walzerschritt die Führerrolle zu übernehmen hat.

"Es war nicht alles schlecht." Sagen die einen. "Damit kann man arbeiten." Grinst der andere. Gratulation und großer Beifall für ein Stück, das lustig und erschreckend und vor allem erschreckend lustig war.

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