Friedrichshafen - Diese "Lange Nacht der Musik" überzeugt jeden

Die 8. Auflage des Festivals im Kulturhaus Caserne bestach am Sonntag durch Klasse und Vielfalt. Die Studierenden der Zeppelin-Uni haben ein Programm auf die Beine gestellt, das von der Kammermusik bis zum Bluesrück reichte und selbst den Tanz nicht ausparte.

Die Luftschiffkapelle müsste eigentlich Schiffkapelle heißen, denn an Luft mangelt es bei diesem Auftritt: das Amicus ist gestopft voll. Etwa 80 Prozent Studenten und 20 Prozent „Alteingesessene“ drängen sich hier – womit wir mitten drin wären bei der 8. Langen Nacht der Musik, der es an nichts fehlt – außer vielleicht einem zusätzlichen Verpflegungsstand. Kuchen und Falafel gibt’s; ein bisschen wenig, verglichen mit dem Überangebot der letzen Jahre. Aber so macht das Amicus vielleicht auch seinen Schnitt.

Viele Besucher, gutes Wetter und in musikalischer Hinsicht eine einzige Entdeckungsreise auf vier Bühnen: Die Lange Nacht lässt keine Wünsche offen und die Bands heizen ordentlicher ein als zu späterer Stunde die lodernden Schwedenfeuer. Zu den großen Abräumern zählen ganz bestimmt im Casino – auf der „Stadtwerk am See-Bühne“ – die Jungspunde von Indie Boy: drei Jungs, die mit ihrem scharfen Dance-Rock sicherlich keinen Indie machen. Außerdem sieht Frontmann Jonathan Riesche, 21, eher nach Posterboy aus. Alles nicht gerade Gründe, die die Mädels vor der Bühne vom Abhotten abhalten. Großartig auch das Quartett Jamhed – die Band macht erst Klingklang-Dreampop mit versponnen Elektronikspielereien, steigert sich dann aber zu tranceeartigen Rocksongs, die sich endlos weiter jammen ließen. Für ordentlichen Zug sorgt dabei der Gesang, der schon mal nach Oasis klingt. Das Mannheimer Quartett Frecklesnake zählt zu den heißesten Bands des Abends, spielt aber vor wenig Leuten, weil um 18 Uhr noch kaum jemand da ist: Frecklesnake machen böse knallenden Bluesrock, den ein Voodoo-Zauberer zusammengerührt hat, angereichert mit reichlich AC/DC, ZZ Top und Riffs von Jimmy Page.

Man hält angstvoll seine Seele fest, wenn Frecklesnake von der „Devil’s Bridge“ singen. Aber die Band klärt auf: Der Song handelt lediglich von einer Tanke bei der Mannheimer Teufelsbrücke, wo man rund um die Uhr Bier kriegt. Unverdientermaßen in die Röhre schauen wegen ihres frühen Auftritts auch die Funky Engineers der DHBW. Dabei zeigen sie einigen Mut, etwa einen alten Stiefel vom unhippen Bryan Adams zu covern. Aber die Nummer klingt, ohne Witz, besser als Adams sie seinerzeit in der Häfler Messhalle selbst spielte.

Die bereicherndsten Entdeckungen macht man im Produktionsraum, weil sich hier die Lange Nacht von anderen Musikfestivals abhebt: durch Chor- und Kammermusik nämlich. Das „seeWind-Quartett“ wird sogar richtig neutönerisch, mit dem gewitzten „Opus Number Zoo“ von Luciano Berio. Das Häfler Zeppelin Ensemble ist an Charme nicht zu überbieten mit seinen Klarinetten-dominierten Swingversionen von Popsongs wie Gilbert O’ Sullivans „Claire“ oder „Penny Lane“ von den Beatles. Das Publikum jeden Alters ist hin und weg, und das gilt auch für die Seaside-Singers, einen elfköpfigen A-Cappella-Chor der ZU: Billy Joels „And so it goes“ verursacht Herzbeben, mit der Schnurre „Seaside rendezvous“ von Queen zeigen die Studies, dass ihr Pop-Gedächtnis quasi schon in der Steinzeit beginnt, und sie drehen dem Blingbling-Lifestyle sexistischer Rüpel-Rapper eine lange Nase. Bestes Kabarett! Zudem ist der Produktionsraum schon nachmittags bestens besucht, das Programm ein Quotenbringer.

Reich beklatscht wird im Casino die einzige Tanzdarbietung: Die Mädchen und jungen Frauen der Ballettschule Monika aus Bregenz vertanzen zwischen Ballett und Modern Dance Teile des Wohltemperierten Klaviers – von Elias Sedlmayr auswendig gespielt, auf dem wohltemperierten Keyboard.

Es gibt niemanden, der beim Weg von Spielort zu Spielort das Klimpernde Glashaus der Blauen Blume nicht mitkriegt – und viele richten sich fix ein beim Singer/Songwriter-Programm, das dort geboten wird. „Mal zwischendurch“ verbinden die Haltung eines Hannes Wader mit den lustvollen Krakeelereien von „Ton Steine Scherben“ so schelmisch, das man grinsen muss. Und warum das Duo „Mal zwischendurch“ heißt, klärt sich nach dem Auftritt: Der Drummer trägt seine Ausrüstung schnursracks ins Casino, ist er doch eigentlich der Schlagzeuger von Jamhed. „Einfach Oskar“ braucht nur seine Gitarre und seine Wolfsstimme, um Geschichten aus dem Alltag zu erzählen, das Duo Camilla Glueck aus Wien wiederum besticht mit befremdlich-melancholischen Chansons, deren Texte klug genug sind, um mitgeschrieben und hinterrücks als Gedichtband veröffentlicht zu werden. Place wiederum überzeugt mit der Aufrichtigkeit und Tröstlichkeit seiner Lieder – wie die Quersumme aus Milow, Passenger und Conor Oberst nimmt er sich aus. Hut ab!

Schließlich das Amicus: Hier satteln die Louisville Boppers aus Friedrichshafen ihren Kontrabass und ab geht’s mit Country und Rockabilly, der sich mit den ganz Großen messen kann. Der Orgeljazz der Band „clem’n’groove“ ruft den Sound von Jimmy Smith wach und „Arif and friends“ verbinden auf einer beachtlichen Höhe Funkjazz mit furiosem Gipsy Jazz. Die Band ist das Ergebnis eines „Rock your Life“-Projekts und der Beweis, dass Lehrende und Lernende die Rollen tauschen.

Nach diesem Erfolg muss das studentische Organisationsteam schnell die Reste beseitigen – auch im Atrium, das als Backstagebereich dient und wo sich leere Pizza-Kartons türmen – denn schon am heutigen Dienstag gehört die Bühne im Atrium „DHBW rockt“.

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