Friedrichshafen Camerata Serena widmet sich der Moderne

Unter der Leitung von Niklaus Henseler standen im Kiesel und in St. Magnus Kompositionen des 20. Jahrhunderts auf dem Programm.

Ein außergewöhnliches Sommerkonzert im intimen Rahmen des Friedrichshafener Kiesels bot das Vokalensemble Camerata Serena am Samstag unter der Leitung von Nikolaus Henseler. Unter dem Titel "Kaleidoskop der Moderne" gelang die musikalische Verbindung von Alt und Neu mit Werken von Orlando di Lasso aus dem 16. Jahrhundert bis John Cage, den Henseler als einen der größten Experimentierer des 20. Jahrhunderts ankündigte.

An den Anfang stellte Henseler eine Auswahl von sieben Motetten aus den "Prophetiae Sybillarum" von Orlando di Lasso. Im ausgewogenen Verhältnis von elf Frauen- und sieben Männerstimmen zeigte sich die Camerata Serena als homogener Klangkörper, der die Musik aus der Zeit der Hochrenaissance mit transparenter Schlichtheit und Hingabe intonierte. "Dur- und Moll-Dreiklänge werden so oft moduliert, dass wir Zuhörer schnell die Orientierung verlieren", schickte Henseler voraus. Und er hatte recht. Damit wurde jeder einzelne Klang wertvoll. Mit Anton Weberns "Entflieht auf leichten Kähnen" stand ein gerade noch tonal zu nennendes Lied auf dem Programm. Anders als es der Titel vermuten lässt, ist die Komposition zum Text von Stefan George alles andere als ein gefälliges Volkslied und die allgegenwärtigen Dissonanzen lösen sich erst mit dem allerletzten Ton auf. Mit schlanken Fingern schien Henseler den Sängerinnen und Sängern nicht nur ihren jeweiligen Einsatz zuzuweisen, sondern ihre Stimmen zu modulieren. Besonders bestechend waren dabei die glasklar klingenden Soprane. Mit ausgefeilter Dynamik gelang dem Chor auch das hochspannende Stück "Éjszaka" von György Ligeti, einem weitereren Repräsentanten der Neuen Musik. Reduziert auf nur fünf Töne, schoben sich die Klang-Cluster sukzessiv nach unten, um in einem tiefen Moll zu enden.

Mit Elsa Klockenbring an der Violine und Michael Schmitz am Cello bereicherten zwei junge Musiker, die ebenso wie Henseler an der Musikhochschule Trossingen studieren, das Konzert. Mit verschiedenen Inventionen von Johann Sebastian Bach sorgten sie im Reigen der ungewohnten Stücke virtuos für Bodenhaftung. Eine weitere Facette im "Kaleidoskop der Moderne" war die "Sonate für Violine und Violoncello" von Maurice Ravel. Voller überraschender Wendungen, spannungsvoll, gezupft, aufs Holz geklopft und mit schnellem Bogenstrich begeisterte das Duo. Als rasanter Ritt zeigte sich "Dhipli zyia" von Iannis Xenakis.

Wer glaubt, dass Sprechen einfacher ist als Singen, wurde mit "Ludus Verbalis" von Einojuhani Rautavaara eines Besseren belehrt. Mal geflüstert, mal gesummt, mal staunend, mal mit einem greifbaren Ausrufezeichen versehen, reihte das Vokalensemble die rhythmisch diffizil ausgefeilten Worte des dadaistischen Textes aneinander. "Die Interaktion der Stimmen soll zum räumlichen Erlebnis werden", kündigte Henseler "Four²" an, eines der "Number-Pieces" von John Cage. Die einzelnen Stimmen sangen dabei nur drei bis sechs verschiedene Töne. Vorgegeben hat der Komponist nur eine Zeitklammer, in der ein Ton beginnt und endet. Fix war bei diesem Stück lediglich die Länge von sieben Minuten; das Ergebnis liegt in der Hand des Chorleiters. Einfühlsam formte Henseler einen sphärischen Klangteppich, der die Zuhörer sanft umhüllte. Mit "Schein uns, Du liebe Sonne" von Arnold Schönberg und drei Stücken aus den "Six Chansons" von Paul Hindemith gelangen weitere Raritäten der Moderne.

Bei der Auswahl der Werke handelte es sich vielleicht nicht um Musik, die man sich zuhause gemeinhin auflegt. Vieles geht nicht wirklich ins Ohr, reibt sich und widerspricht den gängigen Harmonien. Aber das außergewöhnliche Konzert zeigte, dass Musik so spannend sein kann wie ein guter Krimi. "Ich wünsche Ihnen, dass Sie neugierig bleiben", gab Henseler dem Publikum mit auf den Weg. Am Sonntag wurde das Konzert in St. Magnus in Fischbach wiederholt.

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