Friedrichshafen Camerata Serena singt Bachs Vermächtnis

Nikolaus Henseler bereitet mit dem Chor aus Friedrichshafen die Aufführung der H-Moll-Messe vor. Die Camerata begeht damit ihr 30-jähriges Bestehen. Die Aufführungen sind am 11. März auf der Insel Reichenau und am 12. März in Friedrichshafen. Der Vorverkauf läuft.

Von sparsamen aber weich fließenden Bewegungen unterstützt, bringt Nikolaus Henseler den Sängern seine Klangvorstellung näher: „Wie eine Schiebetür, die am Anfang klebt, wenn man sie auseinanderschiebt. Und die sich ohne Druck aber dann so weit geöffnet, dass alle hindurchpassen. „Wohlfühlen bei Bach mit der Camerata Serena“, nennt er das.

Am 9. Oktober 2015 wurde Bachs Autograph der H-Moll-Messe, seine Handschrift von 1748/1749, in das UNESCO Weltregister des Dokumentenerbes aufgenommen. Doch Nikolaus Henseler geht in seiner Beurteilung des Werks weit darüber hinaus: „Die H-Moll-Messe ist das größte musikalische Kunstwerk überhaupt“, ist er überzeugt. Und da die Camerata Serena in diesem Jahr ihr 30-jähriges Chorjubiläum feiere, gäbe es kein würdigeres Werk. „Die Entscheidung hat sich gut und richtig angefühlt.“ Nach dem Brahms-Requiem, der Johannes-Passion und dem Requiem von Mozart fühlt Nikolaus Henseler sich mit seinem Projektchor bestens auf die große Herausforderung vorbereitet.

Fordert schon die Aufführungsdauer extremes Durchhaltevermögen der Sänger, kommt noch die äußerst anspruchsvolle Komposition hinzu, in der sich kein Satz von selber singt. Die hohe Kunstfertigkeit der Komposition setze, so Henseler, die selbe Kunstfertigkeit in der Ausführung voraus. „Da braucht es 130 Minuten volle Leistung“. Für den Chor steht daher harte Arbeit an. Henseler greift ein paar Stellen aus verschiedenen Sätzen der Messe auf und feilt. An Vokalen, an Klangfarben, an Stimmungswechseln. In Wellenbewegungen schwillt die Lautstärke an und ab, wie der Flug einer Taube und füllt die trockene Akustik des Cinemas im KMG.

Von der Bereitschaft des Chors, sich einzulassen, gestalterisch mitzugehen und sich selber einzubringen, war der Dirigent von Anfang an überzeugt. Neben dem Probenwochenende im Kloster Ochsenhausen – „das war ein Luxus“ – wird der Chor insgesamt nur achtmal abends proben. Am 10. März steht dann die Generalprobe mit Solisten und Orchester an. „Das Münster St. Maria und Markus auf der Reichenau passt zu dem Werk, wie keine andere Kirche“, schwärmt Henseler im Hinblick auf die Aufführung. Und St. Maria in Jettenhausen sei akustisch gut. Mit Nachhall, ohne zu schwimmen. Perfekt für die Aufführung einer großen Messe.

Der musikalische Begriff „Messe“ bedeutet die Vertonung der regelmäßig wiederkehrenden Teile der altkirchlichen Liturgie, Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus und Agnus Dei. Mit der Reformation wurde diese katholische Tradition eingeschränkt und zu Bachs Zeiten im lutherischen Hauptgottesdienst die Abfolge auf Kyrie, Gloria und Sanktus reduziert und nur an hohen Feiertagen mehrstimmig auf lateinisch gesungen.

Ausgehend von einer Messe, die nur aus Kyrie und Gloria bestand, bewarb sich Bach im Jahr 1733 beim sächsischen Kurfürsten Friedrich August II um den Posten des Hofkapellmeisters. Erst am Ende seines Lebens ergänzte er dieses Werk zur vollständigen Messe, indem er die meisten Sätze aus seinen geistlichen und weltlichen Kantaten umarbeitete und in lateinische Kirchenmusik übersetzte. Da sowohl Anlass als auch Auftraggeber unbekannt sind, liegt die Vermutung nahe, dass er einen Zyklus von überzeitlich gültigem Charakter und ohne zwingenden Aufführungsanlass schaffen wollte.

So erlebte Bach die Uraufführung nicht. Erst in den Dreißigerjahren des 19. Jahrhunderts wurde das Werk gedruckt und erstmals 1856 mit allen 27 Sätzen in Frankfurt aufgeführt. „Man findet immer wieder neue Bilder und lässt sich immer wieder aufs Neue begeistern“, sagt Henseler. Tatsächlich scheint die H-Moll-Messe das künstlerische Vermächtnis des Komponisten darzustellen und vereint alle zur damaligen Zeit denkbaren vokalen Satztechniken, wie vier- bis achtstimmige Chorsätze, Solo-Arien und Duette.

Der Chor steht auf, die Sitze des ehemaligen Kinos klappen als Perkussionseinlage nach oben. Akzentuiert und schwungvoll erklingt das „Cum sankto spiritu“. Tempo und Spannung halten bis zum Schluss.

 

Die Konzerte

Die beiden Aufführungen der H-Moll-Messe sind am Samstag, 11. März um 20 Uhr im Münster St. Maria und Markus auf der Insel Reichenau und am Sonntag, 12. März um 18 Uhr in der Kirche St. Maria in Friedrichshafen-Jettenhausen.

Unter der Leitung von Nikolaus Henseler musizieren das Vokalen-semble Camerata Serena und das Barockorchester La Banda. Die Solisten sind Silke Kaiser (Sopran), Lena Sutor-Wernich (Alt), Bernhard Gärtner (Tenor) und Manuel Kundinger (Bass).

Karten kosten 26 Euro, 22 Euro und 16 Euro, ermäßigt 10 Euro. Erhältlich im Vorverkauf sind sie für das Konzert auf der Reichenau bei "BuchKultur Opitz", Telefon 0 75 31/2 41 71 und für das Konzert in Friedrichshafen bei "Musik-Fischer", Telefon 0 75 41/2 39 39.

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