Friedrichshafen Bewährungsstrafe für 60-Jährigen wegen sexuellen Missbrauchs

Wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern ist ein 60-jähriger Mann aus Friedrichshafen vor dem Amtsgericht Tettnang zu sieben Monaten Haft verurteilt worden. Die Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt. Richter Martin Hussels-Eichhorn betonte in seiner Urteilsbegründung, er hege keinen Zweifel daran, dass die Tat so stattgefunden hat, wie es von dem betroffenen Mädchen vor Gericht geschildert worden war.

Das heute fast 14-jährige Mädchen hatte sich rund eineinhalb Stunden den Fragen des Richters gestellt. „Es geht hier um eine ernste Sache. Am Ende des Tages muss ich eine Entscheidung treffen. Da ich selbst nicht dabei war, musst du mir erzählen, was du noch weißt und wahrheitsgemäß meine Fragen beantworten“, erläuterte Hussels-Eichhorn dem Mädchen. „Ich werde nicht lügen“, machte die knapp 14-Jährige deutlich. Vor Gericht schilderte sie, dass sie am 8. Januar 2016 nach einem Besuch bei einer Freundin auf dem Weg nach Hause war. Es habe angefangen kräftig zu regnen und daher habe sie sich an einem Imbiss untergestellt. „Mir war auch etwas kalt. Er hat gefragt, ob ich mich drinnen aufwärmen möchte“, erzählte sie und zeigte auf den Angeklagten. Dort habe er ihr etwas zu essen angeboten.

Zur Tat befragt, erläuterte das Mädchen: Er habe ihr zunächst einen Kuss auf die Stirn gegeben. Dass ein fremder Mann sie küsst, habe sie angewidert. „Als ich mich daraufhin nach vorne gelehnt habe, um zu sehen, ob es immer noch regnet, hat er – ich sage das Wort ungern – seinen Penis an mich gedrückt.“ Sie habe sich weggedreht, daraufhin habe er sie hochgenommen und erneut sein Geschlechtsteil an ihr gerieben. Sie habe ihm gesagt, dass sie runter möchte. „Das hat er auch gemacht. Ich habe mir den Roller geschnappt und bin nach Hause gefahren.“

Ob sie am Abend noch mit ihrer Mutter über den Vorfall gesprochen habe, wollte Hussels-Eichhorn wissen. Das Mädchen verneinte. Sie habe kein Wort rausgebracht. „Ich wollte nicht glauben, was da gerade passiert ist. Und das schon zum zweiten Mal“, sagte die 13-Jährige. Über den ersten Fall wollte sie vor Gericht nicht mehr sprechen. Der Richter betonte später: „Zu dem ersten Fall sei nur so viel gesagt. Der Täter wurde wegen schweren sexuellen Missbrauchs 2016 zu einer Freiheitsstrafe verurteilt.“ Das Landgericht stellte damals fest, bislang seien an dem Mädchen keine psychischen Folgen feststellbar. Das Mädchen würde die Tat verdrängen. Langzeitfolgen seien noch nicht abzuschätzen.

Doch zurück zum aktuellen Fall. Die 14-Jährige konnte sich eigenen Angaben zufolge nach der Tat zunächst niemandem anvertrauen. Am 12. Februar sprach sie erstmals darüber, am 11. März wurde Anzeige erstattet. Sie habe es zunächst einer Lehrerin und ihrer Therapeutin erzählt. „Die hat gesagt, dass ich es Mama erzählen soll. Das habe ich dann am selben Tag getan.“ Bis zur Erstattung der Anzeige verging noch einmal knapp ein Monat. „Jetzt ruf doch endlich die Polizei an“, habe sie ihrer Mutter immer wieder gesagt. Doch die habe es immer wieder vergessen, so das Mädchen.

Ihre Mutter gab vor Gericht an, sie habe erst einmal selbst mit sich „klarkommen müssen“. Sie sei schockiert gewesen und habe nicht gewusst, „ob ich ein solches Verfahren noch mal durchstehen kann“. Zur Polizei zu gehen, das sei auch für sie nicht einfach gewesen. Über das Mutter-Tochter-Verhältnis sagte die Mutter selbst, es ist „nicht ideal“. Die Tochter würde ihr vorwerfen, dass sie nie Zeit habe. Doch sie arbeite als Alleinerziehende Vollzeit und dann seien da noch der Haushalt und Termine. „Irgendwann bin ich auch kaputt“, betonte sie und dann flossen die Tränen. Auch die Tochter ist mit dem Verhältnis zur Mutter „nicht wirklich zufrieden“. Sie würden fast nie zusammen essen und die Tochter wünscht sich, „dass sie auch mal mit mir spielt“.

Auch von Sex-Chats ist vor Gericht die Rede. Die Mutter betonte, sie habe ihrer Tochter das Handy weggenommen, weil sie älteren Männern Nachrichten mit Nacktbildern von sich geschickt habe. Die Beamtin von der Polizei schloss daraus, dass in dem Mädchen, obwohl sie sehr sachlich und aufgeklärt sei, noch immer eine große Naivität stecke. Warum das Mädchen eigenen Angaben zufolge knapp eine Woche nach der Tat noch mal zum Imbiss gegangen sei, um einen Aufschub für ihre Schulden für den angebotenen Snack zu bitten, war für den Richter, aber auch die Psychologin, schwer nachzuvollziehen. Sie selbst sagte dazu: „Ich habe mir angewöhnt, meine Schulden immer zu begleichen. Ich bin auch nicht in den Imbiss reingegangen.“

Als die Tochter ihr von dem Vorfall im Imbiss erzählt habe, habe sie ihr sofort geglaubt, betonte ihre Mutter vor Gericht. Auch ihre Lehrerin sagte aus, sie habe den Vorfall ernst genommen, als ihre Schülerin ihr davon erzählt habe. Sie sei entsetzt und alarmiert gewesen und habe darauf gedrängt, dass der Vorfall der Polizei gemeldet wird.

Zwei Zeugen der Verteidigung, die nach der Mittagspause aussagen sollten, traten vor Gericht doch nicht auf. Der Richter sagte in Richtung Verteidigung: „Überlegen Sie sich gut, ob wir die Zeugen wirklich hören sollen. Ich halte gerade die Aussage des einen Zeugen für eine Falschaussage. Er wurde gebrieft. Und wenn er das hier vor Gericht wiederholt, trete ich Ihnen auf die Füße. So etwas gibt es hier nicht.“ Von einem Verfahren gegen den Angeklagten wegen eines ähnlichen Vorfalls berichtete Hussels-Eichhorn ebenfalls. Das Verfahren sei offenbar eingestellt worden. Doch die Akten seien nicht mehr zu bekommen. Daher könne er sie für das Verfahren nicht verwenden. Im Vorstrafenregister gebe es keine Eintragungen.

Die Staatsanwaltschaft befand, der Tatnachweis sei gelungen, und hielt wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern acht Monate für tat- und schuldangemessen bei einer Bewährungszeit von drei Jahren. Die Verteidigung plädierte auf Freispruch. Der Richter verurteilte den Angeklagten zu sieben Monaten Haft und setzte die Strafe zur Bewährung aus. Außerdem muss er 1800 Euro an den Kinderschutzbund Friedrichshafen überweisen. „Ich bin davon überzeugt, dass das Mädchen erlebnisbezogene Aussagen geliefert hat“, so der Richter.

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