Friedrichshafen Beethoven – auf alten Instrumenten modern interpretiert

Nikolaus Henseler dirigiert das Orchester La Banda im Graf-Zeppelin-Haus in Friedrichshafen. Dirigent und Orchester begegnen sich in höchster Konzentration und bei rasanten Geschwindigkeiten

Wie zuckende Fäuste fahren die ersten Akkorde in den Raum. Ein rastlos dunkles Thema hebt an, bricht ab und steigert sich zu goßer Geschlossenheit, in die Geigen gellende Akzente werfen. Plötzlich stellt sich eine weiche, liebevolle Melodie in den Weg. Sie gewinnt an Intensität und bebt doch zurück, als mit Pauken und Trompeten das erste Thema die Oberhand gewinnt. Zwischen quälenden Tremoli, samtigen Bögen und scharfen Schlägen entfaltet sich das Drama des Coriolan, in der Version von Ludwig van Beethoven.

Beethoven schrieb die Ouvertüre für ein Trauerspiel seines Bekannten Heinrich Joseph von Collin. Der Legende nach führte der römische Feldherr Coriolan Krieg gegen seine Heimat, bis ihn Gattin und Mutter zum Frieden bewegten. Dann nahm er sich das Leben. Bei Beethoven zerfällt das herrische Eingangsmotiv nach einer Generalpause. Am Ende hallen drei pizzicati ins Leere.

Dirigent Nikolaus Henseler und das Augsburger Orchester La Banda beweisen gleich beim ersten Werk, wie gefährlich nah ihnen dieses reine Beethoven-Programm gekommen ist. Sie nehmen ihre Hörer mit in die Untiefen dieser Musik und machen sie unheimlich lebendig. Die durchweg in andern Orchestern beschäftigten Musiker treffen sich projektbezogen. Sie spielen alte Instrumente, deren Töne beweglicher, aber weniger tragend sind: Geigen mit leichten Bögen und niedrigerem Steg, Klarinetten aus hellem Buchsbaumholz, die je nach Tonart gewechselt werden müssen, oder luftige Naturhörner ohne Ventil. Heraus kommt eine gnadenlos durchsichtige Musik, in der jeder Ton zählt, nichts verwischt oder wegvibriert wird. Bei aller Disziplin und Präzision strahlen sie Kommunikationsfreude und Spiellust aus, lachen einander zu und manche hält es kaum auf den Sitzen.

Als Konzentrationspunkt für den ganzen Saal steht Henseler in ihrer Mitte. 1991 geboren hat er ein Philosophie- und ein Klavierstudium hinter sich und studiert Chorleitung in Trossingen. In der Region ist er bekannt als Leiter des Vokalensembles Camerata Serena. Gespannt bis in die Zehenspitzen macht er keine Bewegung zu viel. In seiner Linken verdichtet sich die Partitur zu präzisen Mustern, die Rechte deutet die Tempi an – die Musiker folgen ihm unbedingt.

Dabei sind diese Tempi rasant. Die siebte und achte Sinfonie hat Beethoven selbst mit Metronom-Angaben zur Geschwindigkeit versehen. Die sind so flott, dass viele Dirigenten annahmen, er müsse sich geirrt haben. Henseler nimmt sie ernst – damit ändert sich der Charakter der Sätze. Die siebte beginnt auch bei ihm gemäßigt, als langer, atmender Anlauf zum vivace: Wie losgelassen jubeln da die Bläser, legen die Streicher mit fliegenden Bögen los. Aus den schleppenden Schritten des zweiten Satzes, oft "Trauermarsch" genannt, wird ein unruhiges Pochen, das der immer noch melancholischen Melodie einen Weg nach vorn weist. Dem Finale kommt jede militärische Deutung als Reaktion auf die napoleonischen Kriege abhanden – so schnell rennen Soldaten nicht. Statt dessen leuchtet es vor überschäumender Lebensfreude.

Beethovens achte Sinfonie kann lieblich wirken. Von je her stellte sich die Frage, wie er so sonnige Musik schreiben konnte, sein Leben sah zu Entstehungszeit ganz anders aus: Während eines Kuraufenthalts in Teplitz und Karlsbad musste er die Hoffnung auf eine Verbesserung seines Gehörs aufgeben. Da verfasste er den Brief an die "unsterbliche Geliebte", die bis heute niemand kennt. Aber dass sie nicht frei war und dass Beethoven unter jeder Trennung litt, sagt er deutlich. Henseler und "La Banda" lassen die Kanten der Sinfonie hören. Statt duftiger Ballettschritte schlagen Bögen federnde Rhythmen. Knackige Akzente markieren die Brüche, die Beethoven in die nach außen klassisch gestaltete Partitur streute.

Viel Sinn haben sie auch für Beethovens eingebaute Scherze: Wie ein Kichern wirft er den Beginn seines Hauptthemas noch mal ans Ende des ersten Satzes. Anstelle eines langsamen zweiten Satzes stolpert ein Allegretto scherzando immer wieder über den tickenden Rhythmus der Bläser. Das "Menuett" macht sich über ungeschickte Tänzer lustig, die ihre Schritte auch in Holzschuhen ausführen könnten. Im vierten Satz wird aus Übermut Raserei: Melodien brechen abrupt ab oder zerflattern, nach einer kurzen Erholung nehmen alle Anlauf zum Finale. Mit begeisterten "Bravi"-Rufen bedankt sich das Publikum für einen auf alten Instrumenten höchst modern interpretierten Beethoven.

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