Friedrichshafen - "Auferstehung" kommt nicht recht in die Spur

Die Württembergische Landebühne Esslingen zeigt im Bahnhof Fischbach eine allzu breite Bühnenfassung von Karl-Heinz Otts Roman

Wie trauert man, wenn man sich auf religiöse Rituale nicht mehr versteht? Wie trauert man zudem, wenn man gar nicht richtig trauert? Glücklich, wem es gelingt, den Anstand zu wahren. Genau damit haben Linda (Sabine Bräuning), Joschi (Reinhold Ohngemach), Jakob (Achim Hall) und Uli (Boris Burgstaller) ihre Probleme: Der aufgebahrte Vater (Andreas Hutter) war kein würdiger Alter. Seine Parkison-Erkrankung verpasste seinen Lüsten als Nebenwirkung einen tüchtigen Schub. Das Haus hat er mit Pornobildern tapeziert und sich eine junge Pflegerin aus Ungarn geholt, die nun wahrscheinlich die gesamte Erbschaft einstreichen wird. Wissen kann man’s nicht – aber dass das Testament bei einem Anwalt (Marcus Mislin) liegt, der Linda vor 30 Jahren sitzen ließ, um eine andere zu heiraten, trägt nicht zur Beruhigung bei. Und so wartet man nun auf diesen Anwalt, wartet mitsamt eingeheiratetem Anhang (Martin Theurer, Gesine Hannemann) unter steigendem Druck. Nur einer hat die Ruhe weg: der Vater, der keinen Mucks mehr tut; zumindest vorläufig.

Das Publikum schmort nicht minder als die Möchtegern-Erben. Mitunter wird ihm gar die Zeit lang – denn diese Bühnenvariante von Karl-Heinz Otts Roman „Auferstehung“ bleibt hinter dem Buch zurück. Das liegt zunächst mal am Unterschied der Gattungen: Ein Roman ist kein Bühnenstück. Wenn die Instanz des Erzählers wegfällt, offenbart eine nicht sehr dicht gewobene Handlung wie diese plötzlich Löcher, die es im Buch nicht gab. Was bleibt, ist der nackte Sprechtext. Wenngleich Regisseur Matthias Fontheim in seiner Bühnenfassung so manche Überlegung des Erzählers in die Dialoge überträgt, genügt das nicht, um das Defizit an Bewegung zu füllen: Die ganze erste Hälfte lang wird gesessen und geredet, jeder an seinem festen Platz.

Aber immerhin entspricht das ja auch dem Verhältnis der Geschwister zueinander: ein jeder weiß sich festgepinnt durch die Blicke der anderen. Jeder hat seine feste Sicht auf die übrigen Geschwister.

Am schlimmsten erwischt es Joschi, den Ältesten: Der hat vor Ewigkeiten Geld veruntreut, ist vor Strafverfolgung ins Ausland geflohen und lebte seither von den Überweisungen der Eltern. Da hockt er nun, schäbig gekleidet, auf seinem Stuhl und lässt sich runtermachen: „Du hast einen Großteil von unserem Geld schon vor langer Zeit im Orkus versenkt“, herrscht Linda ihn an. Linda, die sich um den Vater jahrelang kümmerte – und die jetzt doch schuld ist an der mutmaßlichen Enterbung, weil sie den Vater erfolglos entmündigen lassen wollte. Um Jakob steht es fast so schlecht wie um Joschi: als Essay-Filmer fürs Fernsehen gehen für ihn die Lichter aus. Aufträge bekommt er fast keine mehr; wenn doch, werden sie immer kleiner. Früher, klagt er, wäre für einen Film über den Philosophen Pascal eine Stunde drin gewesen. Jetzt nur noch sieben Minuten.

Klar, in sieben Minuten kann man nicht in die Tiefe gehen. Vielleicht liegt es ja daran, dass die Salonphilosophen – Jakob, Joschi und ihr Schwager Fred – auch in ihrer Gesprächsrunde über Pascal gerade mal das wachrufen, was dem Publikum noch aus der Oberstufe in Erinnerung ist: Man sollte, empfiehlt Pascal, sein Leben so führen, als ob es einen Gott gäbe – um nicht, falls es ihn tatsächlich gibt, nach dem Tod eine böse Überraschung zu erleben.

Wie sieht ein gutes Leben aus? Eine Frage, die angesichts des Toten in der Wohnung nahe liegt, aber richtig in Schwung kommt sie nicht – dazu sind die Versammelten viel zu sehr versackt; die einen im sozialen Absturz, die anderen im Frust des satten Mittelstands. Zu den zweiten zählt Fred, Lindas Mann, der „Papst der Volkshochschule“: Routiniert säuft er sich zu und klagt über den „Verlust der tragischen Fallhöhe“. „Das Christentum hat jede Form von Tragik kaputtgemacht“, räsoniert er beleidigt. „Durch die Erlösung ist das Tragische abgeschafft.“ Wo man nicht mal mehr heroisch scheitern kann, bleibt außer teurem Rotwein an Vaters Resopaltisch nicht mehr viel.

Immer wieder ist es Sabine Bräuning als Linda, die mit ihren Temperamentsausbrüchen Zunder in den Abend bringt – denn weder hebt die Inszenierung in den Ton der Komödie ab, noch wendet sie sich entschieden dem Galligen zu. Vielleicht ist das der Grund, warum Boris Burgstaller als Uli, dem vierten der Geschwister, unter seinem Potenzial bleibt: der meditierende Alt-Hippie, der glaubt, dass „Steine nicht tot sind“, steht in einem Kontrast zu den übrigen Figuren, der für manche Pointe gut wäre – wenn man sie denn stricken wollte. Immerhin legt Ulis Frau Franziska mit Jakob einen Quickie hin, von dem beide nichts haben; das passt zum Pleitenpanorama dieser Familienzusammenkunft.

Aber dann ist da noch Marcus Mislin als Anwalt, von dem sich die Familie Aufschluss über das Testament erhofft – eine Auskunft, die er noch nicht geben darf. Es ist eine Schau, wie geschmeidig er alle Versuche, ihn einzuwickeln, an sich abtropfen lässt; und wie er im Gegenzug die Geschwister in immer neue Befürchtungen stürzt, ohne sich inhaltlich je festzulegen.

Ein weiterer Hauptdarsteller: das gelungene Bühnenbild von Elisabeth Pedross. Die Wohnung sieht genau so aus, wie Ott sie im Roman schildert: „An den Leuchtern, Gardinen und Stühlen, der braunen, längst speckigen Ledergarnitur (...) scheint sich nichts geändert zu haben, außer dass man sich wundern muss, wie furchtbar altmodisch diese ganze Einrichtung mittlerweile aussieht, die in den Siebzigern als durch und durch modern galt.“ Am Ende ist der Applaus höflich; eine Raffung hätte dem Abend gutgetan.

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