Friedrichshafen Ärzte ohne Grenzen testen neues mobiles Hospital

Die Organisation Ärzte ohne Grenzen hat zusammen mit dem Unternehmen Zeppelin Mobile Systeme in Meckenbeuren ein mobiles Hospital entwickelt. Es besteht aus 16 Containern und beherbergt unter anderem zwei Operationssäle sowie eine eigene Strom- und Wasserversorgung. Das mobile Trauma-Center soll in Kriegs- und Krisengebieten weltweit zum Einsatz kommen und bis zu 700 Operationen pro Woche ermöglichen. Bevor der erste Einsatz ansteht, testeten die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen das neue System in der Messehalle in Friedrichshafen.

Eine Verletzte liegt auf einer fahrbaren Krankenliege in einem Zelt und wird untersucht. Alter, Geschlecht und Befund werden notiert, bevor die Frau in den Container zur Operationsvorbereitung geschoben wird. Fünf Pfleger betten sie vorsichtig mitsamt der Isomatte auf eine Krankenhausliege um und fahren sie in den Operationssaal, wo im Ernstfall die stark blutenden offenen Knochenbrüche versorgt werden könnten.

Die Mitarbeiter der Médecins sans Frontières (MSF) aus Belgien, der Ärzte ohne Grenzen, simulieren den Patientenfluss in ihrem neuen mobilen Hospital, dem MUST 2, das in Kooperation mit der Firma Zeppelin Mobile Systeme entstand und zu Testzwecken in der Messehalle A4 aufgebaut wurde. Denn im Ernstfall muss alles perfekt funktionieren. Noch ist Zeit nachzubessern.

Eine Verletzte wird in das mobile Hospital gefahren. Die Container und Zelte des Systems sind miteinander verbunden.
Eine Verletzte wird in das mobile Hospital gefahren. Die Container und Zelte des Systems sind miteinander verbunden. | Bild: Anette Bengelsdorf

Ob Bürgerkrieg im Jemen, Erdbeben in Pakistan oder Krieg in Afghanistan: Überall sind die MSF im Einsatz. Damit sie in Krisengebieten Leben retten können, benötigen sie eine medizinische Infrastruktur, die mit eigener Strom- und Wasserversorgung den medizinischen Standard eines normalen europäischen Krankenhauses mit zwei Operationssälen, zwei Intensivstationen, Apotheke und Sterilisation gewährleisten kann.

Nachdem die Ärzte ohne Grenzen im vergangenen Jahr in Mosul im Irak mit einer kleinen chirurgischen Einheit 1000 Operationen durchführen mussten, entwickelten und realisierten sie vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen mit der Firma aus Meckenbeuren innerhalb von sechs Monaten ein Trauma-Center zur chirurgischen Erstversorgung. Es soll 700 Operationen in der Woche möglich machen.

Das mobile Krankenhaus wird im "Plug and Play"-Verfahren aufgebaut und mit Wasser und Strom versorgt.
Das mobile Krankenhaus wird im "Plug and Play"-Verfahren aufgebaut und mit Wasser und Strom versorgt. | Bild: Anette Bengeldorf

Um die Medizin schnellstmöglich zu den Patienten bringen zu können, passen alle 16 fertig eingerichteten Container auf Luftladepaletten und Lastwagen und können vor Ort im "Plug and Play"-Verfahren, unabhängig von der Geländebeschaffenheit, zusammengebaut werden. Auch der Aufbau der fünf Zelte geschieht ohne schweres Gerät, das im Kriegs- oder Katastrophenfall nicht vorhanden wäre. Das System sei so konzipiert, erklärt Jean Pletinckx, Leiter der Logistik von MSF in Brüssel, dass es mit fünf geschulten Mitarbeitern und etwa 30 bis 40 vor Ort angeheuerten Helfern im Idealfall in sechs Stunden auf- oder abgebaut werden könne. Pletinckx, der seit 1992 für MSF vor allem in Kriegsgebieten im Einsatz ist, weiß, dass Geschwindigkeit bei einer vorrückenden Front überlebenswichtig ist. Um allen Konfliktparteien zu signalisieren, dass die Organisation, die sich nur über Spenden finanziert, unparteiisch, neutral und unabhängig ist, sind die Container weiß lackiert und nicht mit Logo bedruckt. Verteidigung mit Waffen ist für die Ärzte tabu.

Das mobile Hospital "MUST 2" besteht aus 16 Containern und fünf Zelten und wurde in der Messehalle A4 in Friedrichshafen zu Testzwecken aufgebaut.
Das mobile Hospital "MUST 2" besteht aus 16 Containern und fünf Zelten und wurde in der Messehalle A4 in Friedrichshafen zu Testzwecken aufgebaut. | Bild: Zeppelin Mobile Systeme

"Wir sind stolz darauf, mit solchen Organisationen eine Partnerschaft eingehen und mit ihnen arbeiten zu dürfen", sagt Klaus Sontag, Aufsichtsrat von ZMS. Das technische Know-how seiner Firma helfe den Helfern, sowohl deren Arbeitsbedingungen als auch deren Leistungsqualität zu verbessern. Für die Bevorratung und die direkte Belieferung im Akutfall sieht er zudem die Region prädestiniert, da Friedrichshafen mit seinem Flughafen die geeignete Infrastruktur biete.

Nach den umfassenden Tests wird das mobile Hospital in der richtigen Reihenfolge wieder zusammengepackt und wartet auf seinen Einsatz. Noch hat es keinen spezifischen Einsatzort, doch Jean Pletinckx ist sicher, dass es innerhalb der nächsten zehn Monate irgendwo auf der Welt benötigt wird.

 

Mobiles Hospital

Ein Modell des mobilen Krankenhauses zeigt, wie die Container, die sogenannten Shelter, durch einen zentralen Korridor verbunden sind.
Ein Modell des mobilen Krankenhauses zeigt, wie die Container, die sogenannten Shelter, durch einen zentralen Korridor verbunden sind. | Bild: Zeppelin Mobile Systeme

Das mobile Hospital Must2 (Mobile Unit Surgical Trailer) besteht aus 16 Standard-20-Fuß-Containern, Shelter genannt, von denen sechs durch ausziehbare Wände auf eine Arbeitsfläche von je 28 Quadratmetern erweitert werden können. Die Container werden durch einen zentralen Korridor miteinander verbunden. Fünf Zelte zur Patientenaufnahme und Patientenentlassung sowie für Sanitäranlagen und als Aufenthaltsraum der Mitarbeiterergänzen das System. Die Shelter beherbergen eine OP-Vorbereitung, zwei Operationssäle, zwei Intensivstationen, einen Aufwachraum, eine Apotheke und eine Sterilisation. In weiteren Containern sind medizinisches und technisches Gerät untergebracht. Eine Wasseraufbereitungsanlage mit einem flexiblen 10 000-Liter-Rohwasser- und 5000-Liter Frischwassertank sowie zwei Stromgeneratoren mit je 200 Kilowatt Leistung machen das Hospital autark.

 

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