Frickingen Reittherapie in Bruckfelden: Hier wird das Pferd zum Therapeuten

Tiere helfen beim Heilen von Körper und Seele, wie ein Besuch bei Reittherapeutin Inés De Mite zeigt. Sie bietet therapeutisches Reiten an und beschreibt Pferde als Spiegel für eigenes Verhalten.

„Ich kann das!“, sagt der zehnjährige Marc stolz, als er die Araberstute Nini über den Reitplatz führt. Ein kurzer Satz, der bei seiner Mutter Wilma und Reittherapeutin Inés De Mite lang anhaltende Freude auslöst. Die Mutter erzählt: „Als wir im Dezember 2016 das erste Mal hierher kamen, zum therapeutischen Reiten, war es eine große Herausforderung für ihn, das Pferd zu führen. Draufsetzen werde er sich niemals, hat er damals angekündigt.“ Bei Marc wurde schon in frühester Kindheit eine Entwicklungsstörung diagnostiziert, die ihn psychisch und physisch beeinträchtigt. Für die Motorik und seine Körperhaltung sei die Reittherapie ein Segen, sagt seine Mutter. Und sie habe bemerkt, dass er mittlerweile dank der Pferde viel selbstständiger geworden sei. „Inzwischen sitzt er stolz und strahlend auf dem Pferd – auch im Galopp an der Longe“, berichtet Inés De Mite.

Heute ist Marc nicht allein mit seiner Reittherapeutin und dem Pferd – andere Kinder sind im Reitstall und helfen ihm beim Putzen des Pferdes. „Eins, zwei, los! Gemeinsam sind wir stark!“, motiviert die Reittherapeutin die Kinder, und wie zur Bestätigung wiehert laut ein Pferd. Die therapeutische Arbeit mit Pferden habe ganz viele positive Aspekte, sagt De Mite, als der Junge freihändig im Sattel sitzt und sich mit den anderen Kindern einige Ringe und Bälle zuwirft. „Hierbei geht es um Vertrauen: zum Pferd, zu dem, der das Pferd führt – und natürlich zu sich selbst. Und es geht um die Bewegung. Kann ich mich selbst nicht gut regulieren und setze mich auf ein Pferd, kann ich – wenn ich mich darauf einlasse – voll dessen Rhythmus, dessen Regulation übernehmen.“

Auch Körperspannung üben

Über den Pferderücken werden Schwingungen auf den Patienten übertragen. Die dabei entstehenden Impulse ermöglichen ein gezieltes Training der Haltungs-, Gleichgewichts- und Stützreaktionen sowie die Regulierung der Muskelspannung. Es gibt Erfahrungen mit Kindern, die erstmals auf dem Pferderücken anfingen, Körperspannung aufzubauen. Inés De Mite erklärt: „Wenn ich das Pferd etwas zügiger gehen lasse, muss man sich aufrichten – oder man wird kräftig durchgeschüttelt. Habe ich einen Klienten, der sehr viel Muskelspannung hat, lasse ich das Pferd ruhiger gehen. Selbst Patienten, die sonst Probleme haben, loszulassen, schaffen es auf dem Pferderücken.“

Zu zweit ist auch das Hufe säubern kein Problem.
Zu zweit ist auch das Hufe säubern kein Problem.

Sehr viele Menschen könnten von therapeutischem Reiten profitieren, und zwar vor allem auch in psychischer Hinsicht. Angstzustände, Suchtverhalten, Sozialkompetenz: Der Co-Therapeut Pferd kann bei vielen Problemen helfen, weiß Inés De Mite. „Weil das Pferd das Verhalten des Gegenübers direkt spiegelt und darauf reagiert. Wenn der Mensch zu viel Druck macht, wird es weichen. Ist er zu ängstlich, kann das Pferd dominant werden. Ändert er sein Verhalten, reagiert das Pferd sofort darauf.“ Außerdem sei der Faktor Motivation nicht hoch genug zu schätzen, sagt die erfahrene Reittherapeutin. Therapiemüde Kinder können durch die Arbeit mit dem Pferd neue Motivation bekommen. Und sie lernen, Verantwortung für sich und ihre Umgebung zu übernehmen: Pferd putzen, Stall fegen – auch das kann Teil der Therapie sein.

Inés de Mite erinnert sich an ein besonders schönes Motivationserlebnis: „Da war ein Mädchen mit einer Spastik und psychischer Beeinträchtigung, das nie gesprochen hat. Wenn das Therapiepferd etwas angestellt hatte, schimpfte die Reittherapeutin mit ihm. Nach einer Weile fing das Mädchen an, dies nachzuahmen, wenn er etwas anknabberte. Das waren sozusagen ihre ersten Worte. Und jetzt kann sie sich auch durch ein paar Sätze mitteilen.“

Beim therapeutischen Reiten setzt Inés De Mite Ihre Schützlinge auch schon mal verkehrt herum auf das Pferd. Bilder: Julia Rieß
Beim therapeutischen Reiten setzt Inés De Mite Ihre Schützlinge auch schon mal verkehrt herum auf das Pferd. Bilder: Julia Rieß

Person und Angebot

InésDe Mite gründete im Jahr 2009 die Reitakademie Bodensee in Frickingen-Bruckfelden. Inzwischen führt sie die Reitschule mit ihrem Partner Gernold Weikmann. Im Jahr 2014 absolvierte Inés De Mite die Ausbildung zur Reittherapeutin beim Bildungsinstitut für Reittherapie in Konstanz und bietet seitdem neben Reitunterricht auch therapeutisches Reiten an.

Hinter dem Begriff verbergen sich unterschiedliche Herangehensweisen mit unterschiedlichen Fördermöglichkeiten. Das Deutsche Kuratorium für Therapeutisches Reiten unterscheidet die Fachbereiche Hippo-Therapie, heilpädagogische Förderung mit dem Pferd, ergotherapeutische Behandlung mit dem Pferd und Reiten als Sport für Menschen mit Behinderungen.

Informationen im Internet: www.reitakademie-bodensee.de

Auf vier Beinen und im Wasser: Tiergestützte Therapie

  • Vorgehensweise: Klassisch kommen bei den Therapien Haustiere wie Hund, Katze, Pferd oder Kaninchen zum Einsatz. Aber auch Nutztiere wie Schafe, Ziegen, Esel, Schweine sowie Lamas oder Alpakas können Therapiebegleiter sein. Wichtig ist, dass das Tier zum Bedürfnis und Förderbedarf des Patienten passt. Die tiergestützte Therapie gilt als alternatives Heilmittel, das bei seelischen wie auch körperlichen Krankheitsbildern zum Einsatz kommen kann. Tiere bringen jeweils typische Verhaltensweisen und Charaktereigenschaften mit, welche die Behandlung bei verschiedenen Erkrankungen unterstützen, aber auch präventiv wirken können.
  • Anerkennung: Als alternatives Heilmethode ist die tiergestützte Therapie – die übrigens immer nur die klassischen Therapieverfahren ergänzen soll – nicht anerkannt und wird deshalb in der Regel von den Krankenkassen nicht bezahlt. Da es bezüglich der Therapieangebote auch keine gesetzlichen Regelungen gibt, ist Vorsicht bei der Auswahl der Anbieter geboten. Rainer Wohlfarth, Präsident der Europäischen Gesellschaft für tiergestützte Therapie, warnt: "Im Prinzip kann jeder, der ein Tier besitzt, behaupten, er biete tiergestützte Therapie an. Alle Anbieter, welche große Erfolge oder gar Wunder versprechen, sollten mit großer Skepsis betrachtet werden."

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