Deggenhausertal Die Frühchen Emmelie und Phillip Reithofer sind auf einem guten Weg

Vor sieben Jahren kamen die Zwillinge Emmelie und Phillip Reithofer drei Monate zu früh auf die Welt. Wie geht es den Geschwistern heute? Die Frühchen aus dem Deggenhausertal besuchen mittlerweile die erste Klasse der Grundschule Wittenhofen. Bei der Familie ist nach einer harten und anstrengenden Zeit langsam Ruhe und Alltag eingekehrt.

"Es geht uns gut, es hat sich viel getan", erzählt Mama Stefanie Reithofer im Gespräch – ein Jahr, nachdem der SÜDKURIER die Familie zum ersten Mal besucht und ihre Geschichte am 21. Januar 2017 dargestellt hat.

Denn die ersten Jahre der Zwillinge haben Kraft und Energie gekostet. Als Emmelie und Phillip am 28. Dezember 2010 das Licht der Welt erblicken, wiegt die Kleine gerade 420 Gramm, ihr Bruder bringt 1110 Gramm auf die Waage. Für die Familie beginnt ein langer Weg mit Krankenhausaufenthalten, Arztbesuchen und Therapiesitzungen. "Es war schon sehr steinig alles, aber wir wurden auch gut begleitet", blickt die 37-Jährige zurück. Damals hätten die Ärzte ihr und ihrem Mann Gerd Reithofer gesagt, dass die Kinder die anfänglichen Defizite in den ersten Lebensjahren aufholen können, sodass später keine oder nur sehr geringe Einschränkungen zu erwarten sind. Lange war Emmelie das Sorgenkind, während sich Phillip gut entwickelt hat.

Vor einem Jahr hat die Familie überlegt, ob sie Emmelie ihrem Alter entsprechend einschulen oder noch im Kindergarten lassen soll. Die damals Sechsjährige wollte aber unbedingt in die Schule und hat alle Tests mit Bravour bestanden. Sie galt als "schulreif". Im Kindergarten stand ihr zehn Stunden in der Woche eine Integrationsbegleiterin zur Seite, dies hatte sich die Familie auch für den Schulalltag gewünscht. "Wir haben vom Jugendamt eine Absage erhalten, weil Emmelie nicht gehandicapt genug sei", erzählt Reithofer. "So haben wir bei der Einschulung doch leichte Bauchschmerzen gehabt."

Doch die Entscheidung war richtig, wie sich mittlerweile herausgestellt hat. Emmelie, 7 Jahre alt, besucht die Familienklasse an der Grundschule Wittenhofen und ist laut ihrer Mama "bestens angekommen". Das würde auch die Lehrerinnen in regelmäßigen Gesprächen bestätigen. Das Mädchen ist selbstbewusster geworden, bittet Mitschüler um Hilfe und kommt mit dem Unterrichtsstoff gut klar. "Man merkt, dass sie Therapieerfahrung hat und ihr vieles mitgegeben worden ist, was sie jetzt umsetzt", so Stefanie Reithofer. Auch sei es für Emmelie gut, dass sie keinen Sonderstatus einnehme, sondern eine unter vielen ist.

Die Zwillinge wurden zwei Jahre in der Frühförderstelle der Stiftung Liebenau mit Sitz in Markdorf betreut. Das dortige Team war für die Familie eine große Hilfe – mit Eintritt ins Schulalter fungieren nun andere Stellen als Ansprechpartner. Der Abschied von den Therapeuten der Frühförderstelle sei nicht leicht gefallen, doch Stefanie Reithofer hat großes Vertrauen in ihre Kinder entwickelt. Emmelie geht allerdings weiterhin zu einer Logopädin in Friedrichshafen.

Phillip, der eine andere Klasse als seine Schwester besucht, tut sich in der Schule etwas schwerer. "Mit ihm muss ich mich mehr hinsetzen und lernen", berichtet Stefanie Reithofer. Bei dem Siebenjährigen ist die fehlende Konzentration ein großes Thema. Das werde bei seiner weiteren Entwicklung und Förderung nun im Fokus stehen. In seiner Freizeit spielt er in der F-Jugend des SV Deggenhausertal Fußball, Emmelie geht in den Chorunterricht und spielt Blockflöte.

Nach wie vor ist Emmelie für ihr Alter zu klein, sie misst 1,06 Meter und ist damit fast so groß wie ihr kleiner vierjähriger Bruder Lucas. "Die ist schon sieben? Das werden wir immer wieder gefragt", so Stefanie Reithofer. Nachdem sich die Kinder so gut entwickeln, arbeitet wieder sie zu 50 Prozent im Marketing. "Wir können das Leben nun mehr genießen", sagt die 37-Jährige über den ganz normalen Alltag – und über Reisepläne. Im Februar geht es für eine Woche in den Skiurlaub in den Bregenzerwald, im Mai zwei Wochen nach Südfrankreich. Dies war lange nicht möglich, besonders nicht, als Emmelie noch über eine Magensonde ernährt werden musste. "Eine große Esserin ist sie nach wie vor nicht, aber sie isst, sie ist clever und ihr Hirn ist gut versorgt", lässt sich Stefanie Reithofer nicht verrückt machen. Die Zeiten des Kalorienzählens seien vorbei. Emmelie muss aber bis zu ihrer Pubertät Wachstumshormone zu sich nehmen. Dieser Vorgang wird von Ärzten begleitet.

Frühgeburt

Eine Schwangerschaft dauert 40 vollendete Schwangerschaftswochen (SSW). Von einer Frühgeburt spricht man, wenn das Kind vor der vollendeten 37. SSW zur Welt kommt, also bei Kindern mit einem Reifealter kleiner gleich 36 Wochen plus sechs Tage. Kinder mit einem Reifealter unter 32 vollendeten Wochen sind extreme Frühgeborene. Dabei werden noch je nach Geburtsgewicht unterschieden in Kinder mit niedrigem Geburtsgewicht (unter 2500g), sehr niedrigem Geburtsgewicht (weniger als 1500g) und extrem niedrigen Geburtsgewicht (unter 1000 g). Etwa 16 Prozent der Frühgeborenen im Klinikum Friedrichshafen sind Mehrlinge.

Bei einer optimalen Versorgung durch Eltern und Fachleute holen Frühgeborene anfängliche Defizite meist wieder auf. Statistisch gesehen kommen bei Frühgeborenen häufiger Lernschwächen und Aufmerksamkeitsstörungen vor, die aber bei einem Großteil durch Kenntnis dieses Risikos und einer besonderen Förderung ausgeglichen werden können. (shn)

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