Daisendorf Spannende Führung in der St.-Martin-Kapelle Daisendorf

In einer seltenen Führung hat die Daisendorferin Marianne Felsche, die sich seit geraumer Zeit mit der Kapelle befasst, durch die St.-Martin-Kapelle geführt. Dabei ließ sie eine kleine Gruppe von Besuchern und den SÜDKURIER an ihrem Wissen um die Kapelle und ihre Fresken teilhaben.

Wer in der Daisendorfer St.-Martin-Kapelle den Blick schärft, um Einzelheiten auf den verblassten spätgotischen Fresken zu erkennen, kann auch tiefe Einsichten über das Christentum gewinnen. Sehhilfe leistet dabei die Daisendorferin Marianne Felsche, die einer kleinen Gruppe Interessierter die Fresken erläutert. Sowohl deren Künstler als auch genaue Entstehungszeit sind unbekannt, die Kapelle selbst wurde 1508 geweiht.

Marianne Felsche, die sich seit 1999 mit der Kapelle beschäftigt, erklärt nicht nur die dargestellten Heiligenlegenden und -attribute, sondern gibt auch Denkanstöße und zieht Parallelen zur Aktualität. Denn: "Das Christentum ist nicht an einen Ort und eine Zeit gebunden." Darauf weist auch der Maler hin, der mehrere Szenen in die Bodenseelandschaft setzt. So weist die Darstellung des Sebastian-Martyriums eine Konstanz-Vedute auf, die auf dem Pfeil zu sitzen scheint, den der Schütze auf Sebastian schießt. Das könnte laut Felsche auch ein Hinweis auf die Reformation sein, der Konstanz eine Weile anhing – zum Leidwesen der Fürstbischöfe, die deshalb auf die andere Seeseite auswichen. Die Schifffahrt der Heiligen Ursula und ihrer Begleiter findet auf dem Bodensee statt, mit der Meersburg im Hintergrund und der See und die Alpen sind auch hinter dem Heiligen Martin zu sehen.

Felsche denkt, dass man die Stellen für die einzelnen Motive mit Bedacht wählte. Über dem Altar, im Fokus also, befindet sich der mariologische Zyklus mit der größten Heiligen, der Gottesmutter. Im Mittelpunkt: Die Madonna, unter deren Schutzmantel alle Gläubigen Zuflucht finden. Felsche sieht in dieser Tradition das Kirchenasyl, das bis heute genutzt, wenn auch von der Obrigkeit nicht immer respektiert werde. Rechts ist die Vermählung Marias mit Josef zu sehen, links die "Heilige Sippe", die Vorfahren Mariens. Das sei ungewöhnlich, da es sonst ja eher um Josefs Abstammung von David gehe.
 

Ungewöhnliche Darstellung Sankt Martins (links): Der Heilige richtet den Blick nicht auf den Bettler sondern auf einen Turm mit drei Fenstern, Symbol für die göttliche Dreifaltigkeit. Rechts die Darstellung der Heiligen Verena, die für ihre Heilkünste und Fürsorglichkeit berühmt ist.
Ungewöhnliche Darstellung Sankt Martins (links): Der Heilige richtet den Blick nicht auf den Bettler sondern auf einen Turm mit drei Fenstern, Symbol für die göttliche Dreifaltigkeit. Rechts die Darstellung der Heiligen Verena, die für ihre Heilkünste und Fürsorglichkeit berühmt ist. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Für keinen Zufall hält Felsche auch, dass man von der linken Seite des Kapellenraums, wo traditionell die Frauen saßen, die Fresken, in denen weibliche Heilige die Hauptrolle spielen, besonders gut betrachten kann. So Verena, die sich als Heilerin und "Mutter der Elenden" einen Namen machte und um 300 in Zurzach gestorben sein soll. Und Ursula auf dem Weg von Rom nach Köln, wo, wie sie weiß, der Tod auf sie wartet. Papst Cyriacus begleitet sie: Er sitzt buchstäblich im gleichen Boot wie Ursula, eine Tatsache, die Felsche "aufrüttelnd" finden. Was müsse das für ein mutiger Mann gewesen sein. Die Kirche goutierte seine Handlung der Legende nach nicht und strich ihn aus der Liste der Päpste. Ursula, die zehn Jungfrauen als Begleiterinnen auswählte, und ihre Nachfolgerinnen im Ursulinen-Orden setzten sich für weibliche Bildung ein – auch heute noch ein brandaktuelles Thema, betont Felsche.

Angetan hat es ihr auch Katharina von Alexandrien wegen ihrer Gelehrsamkeit, Standhaftigkeit und Wahrhaftigkeit. Sie vereine, wie ja alle Menschen, weibliche wie männliche Züge und sei somit für beide Geschlechter ein Vorbild. Am besten zu sehen ist sie von der Empore, wo früher die Privilegierte saßen. Das habe vielleicht auch eine Bedeutung, ebenso, dass während des Gottesdienstes nur der Pfarrer das scheinbar ungleiche Heiligenpaar der Kaiserin Helena und der Sünderin Maria Magdalena im Sichtfeld hatte. Das Christentum habe neue Maßstäbe und Erwartungen gesetzt. "Das Christentum fordert gewaltig heraus", schließt Felsche. Und gleichzeitig verspreche es, alle, ohne Unterschied, unter seinen Schutzmantel zu nehmen.
 

Darstellung der Heiligen Verena, die für ihre Heilkünste und Fürsorglichkeit berühmt ist.
Darstellung der Heiligen Verena, die für ihre Heilkünste und Fürsorglichkeit berühmt ist. | Bild: Sylvia Floetemeyer

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