Daisendorf/Stetten Musikverein Daisendorf/Stetten fühlt sich vom Daisendorfer Gemeinderat "vor den Kopf gestoßen"

Die 40 Mitglieder sollen kurzfristig mit Sack und Pack aus dem Vereinsheim ausziehen, das er seit über 30 Jahren nutzt. Die Gemeinde braucht den Bau für die Kleinkindbetreuung.

Das Wort "Musikverein" steht groß über der Eingangstür des ockergeben Gebäudes an der Daisendorfer Schulstraße. Seit über 30 Jahren trifft sich der Musikverein Daisendorf/Stetten hier zum Üben, Spielen, zu Versammlungen und zum Feiern. Damit soll jetzt Schluss sein. Die 40 Aktiven, 15 davon sind Jugendliche, sollen raus, weil die Gemeinde ihr Eigentum zur Erweiterung des gegenüber liegenden Kinderhauses umbauen will, um im kommenden Jahr allen Eltern den gesetzlich garantierten Betreuungsplatz anbieten zu können. Die Nachricht, dass er wohl direkt nach der Fastnacht, Ende Februar, sein Zuhause verliert, überraschte den Verein vor wenigen Tagen.

Natürlich hätten sie Verständnis für die Notwendigkeit der Kindergartenerweiterung, machen die Vereinsvorsitzende Daniela Kümmerli, Dirigent Michael Mensinger und Matthias Daschner, Vereinstechniker und Schlagzeuger, im Gespräch deutlich. "Dass die Gemeinde da ein Problem hat, ist nachvollziehbar, aber die Art der Kommunikation uns gegenüber ist einfach nicht in Ordnung", sagt Kümmerli. Sie hatte am Dienstag, 13. Dezember, einen Anruf von Bürgermeister Frank Lemke erhalten, in dem er sie um einen Termin am nächsten Tag bat. In der Gemeinderatssitzung am Dienstagabend, kündigte er ihr an, werde nichtöffentlich etwas beschlossen, was den Verein betreffe. Tags darauf, am Mittwoch, 14. Dezember, habe sie dann am Vormittag den Termin beim Bürgermeister gehabt. Er habe ihr den Beschluss vom Vorabend referiert, verbunden mit der ebenfalls beschlossenen Einladung des Vereins in die öffentliche Sitzung am 24. Januar kommenden Jahres.

"Wir waren wirklich vor den Kopf gestoßen"

Zur überraschenden Nachricht, dass der Umbau des Vereinsheims beschlossen sei und bis Sommer 2017 bereits abgeschlossen sein werde, erfuhr Kümmerli eigener Aussage nach vom Bürgermeister auch, dass der Daisendorfer Gemeinderat dieses Thema während Lemkes langer Krankheit bereits mehrfach diskutiert hatte. "Wir waren wirklich vor den Kopf gestoßen", sagt Kümmerli im Gespräch mit dem SÜDKURIER, das am vergangenen Dienstagnachmittag am Tisch im Vereinsheims stattfindet. Plötzlich geht die Türe auf, zwei Herren wollen durch den Eingang drängen und halten abrupt inne, als sie uns sitzen sehen. Sie sind sichtlich überrascht, jemanden im Gebäude vorzufinden. Kümmerli und Mensinger fragen: "Wer sind sie denn?" Der eine Herr antwortet: "Der Architekt, ich baue hier um." Er habe einen Termin mit Bürgermeister Lemke. Die fremden Herren akzeptieren, dass sie jetzt noch nicht ins Gebäude können und machen die Türe von draußen zu.

Kurzes Schweigen am Tisch. "Das ist doch kein Miteinander", entfährt es dem Dirigenten. "Wieso gibt man uns nicht wenigstens eine kurze Info über einen solchen Termin", fragt sich die Vorsitzende. Wenn fremde Personen das Vereinsheim betreten, wolle man ja schon bescheid wissen.

"Weshalb hat man uns nicht schon vor Monaten miteinbezogen und gemeinsam mit Stetten eine Lösung gesucht?" Das ist für den Musikverein die zentrale Frage, die sich in einer spontanen Mitgliederversammlung am vergangenen Sonntag stellte, zu der über 20 Aktive ins Vereinsheim kamen. "Wir können nur hier raus, wenn wir eine vergleichbare Lösung angeboten bekommen, ansonsten ist die Zukunft des Vereins in Frage gestellt", bringt es Kümmerli auf den Punkt.

"Man wolle den Verein in keiner Weise brüskieren oder zurücksetzen"

Im Protokoll jener nichtöffentlichen Sitzung vom 13. Dezember, das Lemke vergangenen Dienstag dem Verein und Presse zukommen ließ, macht der Gemeinderat einen Vorschlag. Der Musikverein soll sich zu seinen Proben künftig im Bürgersaal des Rathauses treffen, die dortige Küche könnte er für das gesellige Zusammensein nutzen und Schlagzeug plus einige Gegenstände auf der Rathausempore lagern. Außerdem sei die Nachbargemeinde Stetten bereit, eine Lösung für Einzel- oder Registerproben anzubieten. Dieses Modell ist aus Sicht des Vereins jedoch aus vielerlei Gründen nicht praktikabel. "Wohin mit Noten, Instrumenten, Uniformen, Verstärkeranlagen, Büromaterialien, dem Kopierer", fragt man sich im Verein. Das seien alles große Werte, die in beheitzten, trockenen Räumen aufbewahrt werden müssten. Und dann ist da noch das Festzubehör wie Grills oder Lichterketten. Schließlich ist der Verein ein Faktor im kulturellen und sozialen Leben der beiden kleinen Gemeinden Daisendorf und Stetten. Zwischen 15 und 25 Auftritten absolvieren die Musiker im Jahr, die meisten Konzerte geben sie in der Region. Und sie organisieren örtliche Feste, die Feierabendhocks und das berühmte Vatertagsfest in Baitenhausen.

"Man wolle den Verein in keiner Weise brüskieren oder zurücksetzen. Im Gegenteil genieße dieser höchste Wertschätzung und solle weiter unterstützt werden." So hatte der Protokollant jener nichtöffentlichen Gemeinderatssitzung notiert. "Diese Wertschätzung stellen wir doch sehr in Frage", sagt Kümmerli. Aber sagt auch: "Wir sind kompromissbereit! Wenn wir dennoch so in die Öffentlichkeit gehen, ist das nichts anderen als ein Hilfeschrei!" Dirigent Mensinger, setzt nach: "Wir möchten eine faire Lösung und eine offene Diskussion mit beiden Gemeinden über eine vernünftige Alternative."


"Eine Einbeziehung des Vereins vor der Sitzung war nicht möglich"

Nachdem Daisendorfs Bürgermeister Frank Lemke die Aufregung im Verein mitbekommen hatte, ging er am vergangenen Dienstag seinerseits in die Öffentlichkeit. Per Mail wandte er sich an Verein und Presse. Der nichtöffentliche Gemeinderatsbeschluss habe zu "emotionalen Reaktionen" geführt, die er "menschlich gut verstehen" könne.

Und Lemke weiter: "Eine Einbeziehung des Vereins vor der Sitzung war nicht möglich, da ich nach langer Krankheit, während dessen die Gemeinderäte mehrfach zum Thema diskutiert und eine Begehung des Kindergartens vorgenommen haben, keine Lösung, sondern nur einen tendenziellen Lösungsansatz gefunden hatten und nunmehr auf Grund der gesetzlichen Verpflichtungen der Gemeinde, keine weitere Zeit verloren werden durfte.

Daher musste es nun zu einer schnellen Entscheidung kommen, wenn die Gemeinde nicht in hohe Schadensersatzansprüche laufen wollte. Das Gremium und ich haben uns die Entscheidung wirklich nicht leicht gemacht, aber auf Grund fehlender Alternativen (die Gemeinde besitzt keine weiteren Liegenschaften) eine Entscheidung getroffen, die mittelfristig auch dem Musikverein D/S wieder zu Gute kommen wird."

Dann verweist Lemke auf das Angebot mit dem Bürgersaal – "eine Alternative, die sicher einigen Aufwand mit sich bringt, aber bei weitem nicht die schlechteste Übergangslösung darstellt". Auch die Gemeinde Stetten werde alles daran setzten, behilflich zu sein. "Bei allem Verständnis zu den emotionalen Reaktionen auf Grund der plötzlich und ohne vorherige Einbeziehung des Vereins getroffenen Entscheidung, bitte ich auch nicht zu vergessen und zu honorieren, dass die Gemeinde Daisendorf den Verein seit Jahrzehnten intensiv unterstützt und die Räumlichkeiten kostenfrei zur Verfügung gestellt hat und auch absehbar wieder zur Verfügung stellen will."

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