Bodenseekreis Wenn die Rente kaum zum Leben reicht: Drei Frauen berichten von ihren Erfahrungen

Altersarmut belastet auch am Bodensee viele Senioren. Gisela Rehn, Lilly Heuer und Brunhilde Lindner berichten von ihren Lebenserfahrungen.

48 Jahre lang hat Gisela Rehn als Chefsekretärin in Geschäftsleitungen gearbeitet. Heute hat sie 1050 Euro Rente – und bekommt damit fast doppelt so viel wie der Durchschnitt der Seniorinnen in den alten Bundesländern. Und doch ist es zu wenig, viel zu wenig für einen geruhsamen Lebensabend. "Mir bleiben 180 Euro zum Leben, wenn alles bezahlt ist", erklärt die 72-Jährige. Allein für ihre 54 Quadratmeter große Wohnung geht fast die Hälfte der Rente drauf. Um einigermaßen um die Runden zu kommen, hat Gisela Rehn einen Minijob bei den Pfahlbauten. Im Schnitt 400 Euro kommen da zusätzlich herein, "und davon unterstütze ich meine Tochter", sagt sie. Denn die ist alleinstehend mit zwei Kindern und auch nicht auf Rosen gebettet.

Was die 72-Jährige zu erzählen hat, ist kein Einzelfall. Sie sitzt mit Brunhilde Lindner und Lilly Heuer am Tisch der "Alten Fabrik" in Unteruhldingen, um dem SPD-Bundestagskandidaten Leon Hahn von ihren Lebensumständen zu berichten. Der junge Politiker ist dankbar, dass die betagten Damen bereit sind, über Altersarmut zu sprechen. Dabei sehen sich die Drei als Privilegierte, erzählen von vielen Bekannten und Freunden, denen es deutlich schlechter gehe. Auch Lilly Heuer hat derzeit knapp 1000 Euro Rente. 19 Jahre lang hat sie in Überlingen das "Haus des Gastes" samt Café geleitet, in dem sie auch gewohnt hat. Als das Haus schließen musste, rutschte sie in die Insolvenz und musste ausziehen. Das Appartement, das sie stattdessen in Überlingen mietete, kostete 650 Euro im Monat. "Nach einem Jahr wollte der Vermieter 50 Euro mehr haben.

Dann ging das nicht mehr", berichtet die 68-Jährige. Sie zog nach Leustetten zu Freunden in eine Wohngemeinschaft mit fünf anderen Senioren. "Ein Glücksfall für mich", sagt sie, denn seither teilen sich die Bewohner des Hauses nicht nur die Wohnkosten, sondern bewältigen auch gemeinsam den Alltag. "Keiner von den Mitbewohnern hat mehr als 600 Euro im Monat. Ich bin die Reichste", sagt Lilly Heuer, und es klingt nicht stolz.

Dass Armut relativ ist, weiß auch Brunhilde Lindner. Immerhin 1200 Euro Rente hat die 75-Jährige aus Unteruhldingen – und muss trotzdem aufstocken. Nicht auf dem Amt, sondern mit einem Nebenjob. Denn auch sie zahlt 720 Euro warm für eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung und sieht sich zudem in der Verantwortung, ihrer Tochter zu helfen, die zum einen krank ist und durch einen Autounfall auch noch hoch verschuldet. Obwohl die Tochter Vollzeit in zwei Schichten arbeite, bekomme sie nur 1400 Euro Lohn und könne das alles kaum bewältigen. Mit ihrem Verdienst könne sie sich außerdem den alten Golf leisten, mit dem sie ihre Tochter nachts von der Arbeit holt, weil kein Bus mehr fährt...

Hilfe vom Staat will keine der drei Frauen. Grundsicherung beim Sozialamt zu beantragen komme überhaupt nicht in Frage, "solange ich schaffen kann", spricht es Brunhilde Lindner aus. Lieber gehen sie wieder oder weiter arbeiten. "Würden alle Rentnerinnen zum Amt gehen, die Anspruch auf Hilfe hätten, würde das Sozialwesen zusammenbrechen", stellt Lilly Heuer in den Raum. Dass viele es nicht tun, sei nicht nur eine Frage der Würde. Ein Leben lang arbeiten, Kinder großziehen, die Eltern pflegen und sich zum Schluss beim Sozialamt anstellen? Neben der für sie unakzeptablen Rolle als Bittstellerin sehen alle Drei auch in der Ausgestaltung der Sozialgesetze hohe Hürden, Hilfe anzunehmen. "Wer zum Amt geht, wird sehr von oben herab behandelt", berichtet Lilly Heuer. "Und dann muss man die Hosen herunterlassen und soll aus seiner Wohnung raus, weil die vier Quadratmeter zu groß ist, findet aber keine andere, schon gar nicht zu dem Preis, wie es das Amt gern hätte", schimpft Gisela Rehn. Die Gesetze hat das Amt freilich nicht gemacht.

Gerade beim Thema Wohnen ärgern sich die drei Frauen. "Unteruhldingen ist im Winter ein Geisterort, aber es wird gebaut und gebaut, nur die falschen Wohnungen", hat die 72-Jährige beobachtet. Damit rennt sie bei Leon Hahn offene Türen ein, der auch zu wenig bezahlbaren Wohnraum am See zum Wahlkampfthema gemacht hat. "Die Wohnkosten entscheiden oft darüber, wieviel man sich im Alter noch leisten kann", sagt er. Dass viele Menschen Sozialhilfe aus Scham oder Angst nicht beantragen, hält er für ein großes Problem. Man müsse die Lebensleistung eines Menschen anerkennen und die Grundsicherung danach gestalten, "aber das ist eine Frage der Finanzierung", schränkt er ein.

Altersarmut, das sind sich die drei Frauen einig, sehe man kaum jemandem an. Aber die Auswirkungen sind enorm. "Alles Kulturelle fällt flach, egal was", sagt Lilly Heuer. In einem Laden Sachen eingekauft habe sie bestimmt zehn Jahre nicht. Das Geld wird an anderer Stelle gebraucht. So gehe es den meisten Frauen, die im Alter alleinstehend sind...

Altersarmut und Grundsicherung

Wer hat Anspruch auf staatliche Hilfe, wenn er im Alter zu wenig Rente bezieht?

  • Nach Angaben des Statistischen Bundesamts bekamen Männer in den alten Bundesländern Ende 2016 durchschnittlich 1078 Euro Rente und Frauen im Schnitt 606 Euro.
  • Wer bei einer kleinen Rente keine weiteren Einkünfte hat, sollte prüfen, ob er aus der Grundsicherung sein Einkommen aufstocken kann. Hieraus besteht Anspruch auf Hilfe zum Lebensunterhalt in Höhe von 409 Euro bei Alleinstehenden, 736 Euro bei Paaren. Dazu gerechnet werden die angemessenen Kosten für die Wohnung. Kostet die Warmmiete beispielsweise 500 Euro und hat der Rentner nur 750 Euro Rente, bekäme er 159 Euro monatlich als Aufstockungsbetrag vom Sozialamt.
  • Allerdings müssen Senioren, die Grundsicherung beantragen, zuvor ihr Erspartes verbrauchen. Ein Alleinstehender darf bis zu 2600 Euro besitzen. Eine kleine Immobilie ist erlaubt, aber es gibt oft Streit, was als Wohneigentum noch "angemessen" ist.
  • Nach Angaben des Landratsamtes gibt es rund 47 000 Einwohner im Bodenseekreis, die älter als 65 Jahre sind. Zirka 1500 Personen davon beziehen Grundsicherung im Alter durch das Sozialamt. (kck)

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