Bodenseekreis Was kostet Kultur? Zwei schöne Stunden für 80 Euro

Heimatcheck, Teil eins: Die Nachfrage nach Konzerten steigt unabhängig vom Preis. Doch teurer werden weniger die Künstler, sondern vielmehr nehmen die Nebenkosten etwa für Sicherheit zu. Wie Veranstalter immer genauer kalkulieren und die Entwicklung sehen.

Über Geld spricht man nicht, auch nicht in der Kulturszene. Der Mantel des Schweigens ist meist vertraglich festgehalten, konkrete Summen werden nicht genannt. Klar ist aber: Immer mehr Menschen lassen sich Kultur etwas kosten. Jeder Deutsche investierte im Jahr 2015 statistisch 252 Euro monatlich in Freizeit, Unterhaltung und Kultur. 2010 waren es laut Statistischem Bundesamt noch 236 Euro. Wie viel ein Publikum sich ein Festival, ein Konzert oder einen Abend mit Kleinkunst kosten lässt, muss aber immer genauer kalkuliert werden: Kostenseitig habe sich viel verändert, sagt Marc Oßwald von Vaddi Concerts als Veranstalter etwa vom Meersburg Open-Air. Doch nach einer Preissteigerung vor etwa fünf Jahren seien die Preise auf einem stabilen Niveau. Und das ist für Betreiber kleinerer Bühnen teils fast zu niedrig.

Die Kosten einer Kulturveranstaltung füllen eine lange Rechnung: "Ausgaben beziehen sich auf alles, was man vor Ort sieht. Von den genutzten Flächen über die Bauzäune, Toiletten, Lichtmasten, Ordnungsdienstkräfte bis hin zu den Bühnen, Zelten und den Bands", sagt Benjamin Hetzer, er ist bei FKP Scorpio für das Southside verantwortlich. Zum Festival bei Neuhausen ob Eck kommen 60 000 Menschen. Seine Angaben gelten aber auch für die Theaterbühne von Oliver Nolte, der mit seiner Frau Birgit die „Noltes Culture Lounge" mit bis zu 120 Plätzen in Überlingen betreibt.

Beachtliche Kosten müssen gedeckt werden


Fixkosten wie Miete, Wasser und Strom müssen ebenso gedeckt werden wie Technik, Gema, Tantiemen, Künstlersozialkasse und Honorare. Dazu kommen Allgemeinkosten wie Werbung oder Steuern. Daher kostet ein Ticket bei Noltes zwischen 23 und 33 Euro. Ein Ticket für das Southside kostete für 2017 bis zu 219 Euro. "Das fand ich schon grenzwertig im Vergleich zu den Vorjahren", sagt Besucherin Isabelle Bischoff aus Ravensburg. Doch einmal im Jahr könne man sich das gönnen.

Das Preisgefüge in der Region ist teilweise zu günstig, wenn es nach Theatermacher Oliver Nolte geht: "Wie soll man denn mit 10 Euro wirtschaften?" Veranstaltungen ohne oder mit nur einem geringen Eintrittspreis könnten nicht professionell sein. Oder sie würden staatlich gefördert. Dass Subventionen im Kulturbereich nicht reguliert sind, sieht er kritisch und wählt den Begriff Wettbewerbsverzerrung. So könne etwa eine Stadtbücherei einen Künstler deutlich günstiger oder kostenlos präsentieren, weil Miete und Personal schon bezahlt sind. "Der Idealismusfaktor ist ein besseres Wort für Gewinnspanne in der Kultur."

Mit einer Gewinnspanne rechnen die wenigsten Veranstalter, vielmehr verrechnen sie Kosten und die voraussichtlichen Einnahmen. Marc Oßwald holt mit Vaddi Concerts, bekannt auch als Geschäftsführer von "Koko & DTK Entertainment", die ganz großen Namen wie Elton John in die Region. Die Preisgestaltung sei wie eine Verhandlung zwischen ihm und dem Kunden, sagt Oßwald. "Ich muss bewerten, ob es bezahlt wird oder nicht und wenn nicht, dann muss ich es lassen." Das Interesse an Live-Konzerten habe generell aber zugenommen.

Anders als in Zeiten von Musik-Streaming anzunehmen, sind die Künstler-Gagen laut den Veranstaltern nur ein Aspekt. Bei den Konzerten in Meersburg sei das zwar ein großer Posten, doch gestiegen sind in den vergangenen Jahren besonders die vermeintlichen Nebenkosten. Dort müsse er beispielsweise mindestens zwei Konzerte machen, damit die Kosten für Infrastruktur sich lohnen, sagt Oßwald. Und die Musik-Verwertungsgesellschaft Gema versuche, höhere Gebühren durchzusetzen und wolle 10 Prozent der Umsätze. Auch die zunehmende Anstellung von Mitarbeitern spiegle sich in den Preisen nieder, denn früher hätten die auf eigene Rechnung gearbeitet – auch wenn das Oßwald laut eigener Aussage lieber sei. Auch erhöhte Sicherheitsmaßnahmen belasten die Kasse: "Die Tatsache, dass es eine Bedrohung gibt, trägt zu den Kosten bei." Und mit mehr Risiken steigen auch Auswahl und Kosten von Versicherungen.

Beim Southside war die Versicherung im Vorjahr viel wert, denn da zeigte sich, welchen Einfluss allein das Wetter nehmen kann. Der Abbruch nach schweren Gewittern zeigt das hohe wirtschaftliche Risiko einer Kulturveranstaltung. "Man bedenke nur die vielen Unwägbarkeiten, die eine genaue Kalkulation unmöglich machen", sagt Benjamin Hetzer von FKP Scorpio entsprechend. Und auch wenn Southside auf seiner Homepage aufrief, für das Festival das Sparschwein zu schlachten: "Natürlich wollen wir keine Preisspirale nach oben. Wir kalkulieren immer so, dass es für Gäste und Partner fair ist und das Festival zukunftsfähig bleibt", sagt Benjamin Hetzer.

Das investieren die Städte in Kultur

  • Friedrichshafen hat das üppigste Kulturbudget im Bodenseekreis: Rund 15,6 Millionen Euro sind für 2017 angesetzt, davon werden 12,7 Millionen Euro über die Zeppelin-Stiftung abgerechnet und 2,9 Millionen Euro über die Stadt. Größter Ausgabenpunkt ist das Graf-Zeppelin-Haus mit knapp 5 Millionen Euro, seitens der Stadt ist es die Kunst- und Techniksammlung für 907 290 Euro. „Im Mehrjahresvergleich zeigen die Ausgaben eine leichte Tendenz nach oben“, sagt Pressesprecherin Monika Blank. Es würden ganz unterschiedliche Arten von Kunst und Kultur bezuschusst – von Kleinkunst bis Theater, vom Seehasenfest bis Stadt- und Jugendblasorchester.
  • Markdorf hat mit dem Stadtjubiläum in diesem Jahr deutliche Mehrkosten in Höhe von 295 000 Euro, dadurch belaufen sich die Kulturausgaben auf knapp eine Million Euro. Regulär investiert die Stadt laut Hauptamtsleiter Klaus Schiele konstant rund 700 000 Euro. Der größte Posten dabei ist die Musikpflege mit 320 000 Euro gefolgt von der Bibliothek am Bildungszentrum mit 200 000 Euro.
  • Überlingen gibt laut Presseabteilung relativ konstant rund 1,8 Millionen Euro pro Jahr für Kultur aus. „Die Kosten entstehen vor allem durch die Fixkosten, insbesondere bei den Gebäuden“, heißt es weiter. Einsparungen gebe es bei den Ausstellungen: Mit dem Konzept der Triennale gibt es nicht mehr jedes Jahr eine teure Ausstellung, sondern im dreijährigen Turnus. Außerdem wurde der Zuschuss für das aktuell stattfindende Sommertheater um 30 000 Euro gekürzt.
  • Pfullendorf investiert jährlich rund 150 000 Euro in Kulturprojekte, wie Hauptamtsleiter Hans-Jürgen Rupp sagt. Davon entfallen allein 80 000 Euro auf die städtische Galerie, es werden rund 40 Veranstaltungen gefördert. „Das ist ziemlich konstant geblieben über die letzten zehn bis 15 Jahre“, sagt Rupp. Den Ausgaben stünden nicht nennenswerte Einnahmen gegenüber, da etwa der Eintritt meist kostenfrei sei.

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