Markdorf Heimatcheck: Wie überleben Familienbetriebe auf dem Land?

Heimatcheck, Teil drei: Immer mehr Familienbetriebe schließen ihre Türen für immer, weil entweder die Nachfolge nicht gesichert ist oder aber das Angebot der Supermarktketten und die Konkurrenzlosigkeit als Argument angeführt wird. Wie überleben Familienbetriebe auf dem Land? Ein gutes Verkaufsargument lautet "Alles, außer gewöhnlich".

Wo gestern noch ein bekanntes Gesicht freundlich über die Theke gegrüßt hat, klafft mancherorts heute ein leer stehendes Geschäft zwischen den Häuserreihen eines vermeintlich intakten Dorfkerns. Immer mehr Familienbetriebe schließen ihre Türen für immer, weil entweder die Nachfolge nicht gesichert ist oder aber das Angebot der Supermarktketten und die Konkurrenzlosigkeit als Argument angeführt wird.

Was also tun, um gegen die großen Discounter wie Aldi, Lidl und Konsorten konkurrenzfähig zu sein oder sich noch besser abzuheben von der breiten Masse? Und was sind die zukünftigen Herausforderungen an Familienbetriebe auf dem Land, um sich am Markt zu behaupten und vor allem, die Kunden langfristig zu halten?

"Natürlich lässt sich nicht auf zehn Jahre vorausdenken", sagt der Markdorfer Metzgermeister Georg Seitz, der in zweiter Generation die familiengeführte Metzgerei betreibt. Sicherheit gebe es nie, auch wenn in seinem Betrieb die Nachfolge dank der beiden Kinder Judith (21) und Claudius (24) gesichert sei. "Nur deshalb konnten vor vier Jahren diverse Investitionen getätigt werden", sagt Seitz. "Ansonsten hätte die Erweiterung und der Erwerb einer angrenzenden Immobilie keinen Sinn gemacht, denn 2017 wäre unser Auslaufjahr gewesen." Kaum vorzustellen, was eine Kleinstadt wie Markdorf ohne einen ansässigen und buchstäblich eingefleischten Metzger wäre. So aber läuft alles weiter, der Familienbetrieb geht also in die dritte Generation.

Ohne Erweiterung des Angebots und des Verkaufsraumes geht der Weg in die Zukunft nicht. Das ist heutzutage oberstes Gebot, um am Markt zu bleiben. So bietet Georg Seitz etwa neben seinen Fleischereiprodukten einen Partyservice an. Auch trägt die "Heiße Theke" mit Stehimbiss zum Tagesgeschäft bei. Seitz setzt dabei ganz klar auf Individualität und Qualität. "Wir bieten noch echte Handwerksqualität", erklärt der 63-jährige Metzgermeister. Während die Discounter ihre Ware nicht selbst produzieren, sondern europaweit einkaufen, seien die Lieferanten unter gnadenlosem Preisdruck, was bedeute, dass die Ware bis zum preislichen Grenzwert ausgeschöpft werde. "Da muss alles rein, was billig ist, damit diese Betriebe überleben können", fügt Seitz bei.

Hier gilt es also anzusetzen: gläserne Produktion, um Kunden an kleine Familienbetriebe zu binden. Wissen, was drin ist lautet die Devise. Und drin ist etwa in Seitz' Maultaschen nur, was auch wirklich reingehört: bestes Fleisch von heimischen Tieren, Petersilie und die spezielle Seitz-Würze. "Das ist es, was den Unterschied ausmacht zu industriell gefertigten Maultaschen", erklärt Georg Seitz mit konspirativer Mine und Schmunzeln im Blick. Verraten wird das Rezept nicht. Strenges Familiengeheimnis.

Auch Christa Diener von der gleichnamigen familiengeführten Überlinger Bäckerei muss sich keine Sorgen machen um die Nachfolge. Längst ist dieses Backhaus kein kleiner Betrieb mehr, finden sich doch neben dem Mutterhaus in der Hochbildstraße weitere acht Filialen im Bodenseekreis. Dass der Betrieb irgendwann in die nächste, die dritte Generation, übergeht, ist dank Tochter Barbara (32) und Sohn Alexander (33) gesichert. Die 58-jährige Christa Diener sieht der Zukunft des Familienbetriebes positiv entgegen. "Man muss aber sehr vieles dafür tun", betont sie die Notwendigkeit, sich stets um ihre Kunden zu bemühen und niemals auf einen Selbstläufer zu hoffen. Natürlich seien die System-Backshops und die zahllosen Backautomaten in Supermärkten oder Tankstellen größter Konkurrent der selbstproduzierenden Handwerksbetriebe. "Das ist oftmals schneller, als nach dem Einkaufen im Discounter noch zusätzlich beim Bäcker vorbeizugehen", beklagt sie die zunehmende Bequemlichkeit der Konsumenten. "Ich stehe immer noch jeden Morgen im Laden und halte mit meinen Kunden ein Schwätzchen", sagt Diener. Es ist dieses Lachen und der persönliche Kontakt, es ist Aufklärung über Inhaltsstoffe und Allergierisiken, über biologischen Anbau und Nachhaltigkeit. Nicht zuletzt ist es aber der Mensch selbst, der sich mit seiner ganzen Empathie verkauft und somit zur eigenen Marke wird. "Man kauft bei mir, weil man mich kennt", sagt die 58-Jährige. Und weil sie eine gute Seele im doppelten Sinne hat. Weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist die Bäckerei Diener für ihre Seelen. Bis nach Berlin wird das gefragte Backwerk verschickt. Man kauft also nicht einfach eine Seele, man kauft eine Diener-Seele.

Individualität statt Homogenität

Karl Frick, Obermeister der Fleischer-Innung der Kreishandwerkerschaft Sigmaringen, über die Situation von Familienbetrieben auf dem Land.

Herr Frick, was zeichnet einen Familienbetrieb aus und wie gelingt es, sich gegen die Discounter durchzusetzen?

In erster Linie ist Flexibilität gefragt. Es gilt, ganz gezielt auf Kundenwünsche einzugehen. Das kann kein Discounter leisten. Persönliche Beratung bis hin zu Rezepttipps werden von den Kunden sehr geschätzt.

Wie schätzen Sie langfristige die allgemeine Situation für Familienbetriebe auf dem Land ein?

Solange die Kunden bereit sind, in Familienbetrieben einzukaufen, weil sie Vertrauen darin haben, besteht keine Existenznot für Familienbetriebe. Am Ende bedeutet das aber, dass der Konsument über deren Fortbestand entscheidet. Steigende Probleme sehe ich bei der Parkplatzsituation im innerstädtischen Bereich, wo immer mehr Fußgängerzonen entstehen. Da die Städte und Gemeinden vermehrt Gewerbeparks am Stadtrand erschließen, sterben die Geschäfte im Stadtkern aus. Wenn dadurch die Kundenfrequenz geringer wird, trifft es früher oder später auch den Metzger oder den Bäcker.

Welche Herausforderung muss man sich künftig stellen?

Man muss immer mehr die Kundenwünsche in die strategischen Entscheidungen des Unternehmens einfließen lassen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Regionale Produkte aus eigener Produktion werden vom Kunden nach wie vor gewünscht. Eigene, besondere Produkte, eine Hausmarke sozusagen, binden die Kunden an ihren Metzger oder ihren Bäcker.

Dennoch schließen immer mehr Betriebe. Wird das traditionelle Handwerk langfristig ganz verschwinden?

Die staatlichen Auflagen für Familienbetriebe sind enorm hoch. Das sind große Belastungen für Kleinbetriebe. Großindustrielle Backfabriken hingegen unterliegen weitaus weniger Auflagen. Hier stellt sich die Frage nach der Gerechtigkeit. Denn die Kosten für diese Auflagen fallen bei Kleinbetrieben weitaus mehr ins Gewicht, da sie sich auf eine geringere Absatzmenge aufteilen. Betrachtet man diese Hürden, wird das Handwerk langfristig einen immer schwereren Stand haben.

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