Bodenseekreis Die Grenzgänger vom Bodensee: Immer mehr Arbeitnehmer pendeln in Nachbarländer

Bessere Verdienstmöglichkeiten sind nicht für jeden Pendler ausschlaggebend. Zwei Pendler aus Deutschland berichten von besseren Arbeitsbedingungen in Österreich und Führungspositionen in der Schweiz.

6.50 Uhr: Es ist noch dunkel in Meersburg, aber am Hafen herrscht bereits reges Treiben. Hinter den Lenkrädern warten die Menschen mit müden Gesichtern auf das Zeichen des Ordners, um endlich auf die Fähre fahren zu dürfen. 6.55 Uhr: Allmählich kommt Bewegung in die träge Kolonne. Die Autos fahren einzeln über die kleine Rampe und reihen sich hintereinander auf der "Kreuzlingen" ein. 7.05 Uhr: Das Schiff legt ab. Einige steigen aus ihren Karossen und gehen schnellen Schrittes auf das Oberdeck, um ins Warme zu kommen und einen Kaffee zu trinken. Andere bleiben sitzen, beantworten Mails, hören Radio oder lesen Zeitung, bevor es für die Autofahrer zurück auf die Straße geht – für einige in Richtung Schweizer Grenze.

Einer von ihnen ist Frank Gihring. Der 58-jährige Verwaltungsleiter pendelt für die einfache Strecke rund 40 Kilometer und benötigt dafür eineinhalb Stunden von Ravensburg ins Herz-Zentrum Bodensee Konstanz und Herz-Neuro-Zentrum Bodensee Kreuzlingen. Wenn die Straßen voll sind, könne es "manchmal auch zwei Stunden" dauern. Monatlich gebe er rund 120 Euro fürs Pendeln aus. Obwohl Gihring etwa 20 bis 30 Prozent mehr verdient, als er für die gleiche Tätigkeit in Deutschland bekäme, locke ihn nicht in erster Linie die bessere Bezahlung, sondern "vielmehr das Aufgaben- und Verantwortungsangebot der leitenden Funktion", sagt er.

Ein Dorn im Auge sind dem 58-Jährigen vor allem die Infrastruktur und die Verkehrssituation auf seinem Weg zur Arbeit in die Schweiz. "Konstanz und die Grenzen wurden mit System für den Durchgangsverkehr geschlossen, sinnvolle Umfahrungen werden nicht zur Verfügung gestellt", bemängelt Gihring. Auch der Fährbetrieb von Meersburg nach Konstanz nehme zu wenig Rücksicht auf die Pendler, die mit dem Auto unterwegs seien. Wenn dann noch Verkehrsunfälle auf seiner Strecke die Fahrt behindern, dann sei es "sehr stressig" den täglichen Arbeitsweg in Kauf zu nehmen. Helfen würde laut Gihring sicher eine "verbesserte Wegleitung für den Durchgangsverkehr zur Fähre mit bevorzugten Ampelschaltungen." Inzwischen umfahre er die B 33 großräumig. Es ginge zwar inzwischen schneller, sei "aber überaus umweltfeindlich und kostspielig", weil der 58-Jährige einen Umweg über zehn Kilometer in Kauf nimmt.

Im Sommerhalbjahr schwingt sich Gihring daher regelmäßig auf sein Fahrrad. Mit dem Fahrradträger auf dem Autodach fährt er bis Meersburg. Dann wechselt er sein Gefährt und besteigt die Fähre mit dem Rad. "Man ist definitiv schneller, auch ohne E-Bike", erklärt er. Zudem bedeute es deutlich weniger Stress und sei eine finanzielle Entlastung. Obwohl die Fahrten immer wieder anstrengend seien, nimmt der Verwaltungsleiter aus Ravensburg den Weg auf sich, denn "in der Tat kommt eine gewisse Gewohnheit auf". Auch deshalb kann sich Gihring einen Umzug auf die andere Seeseite nicht vorstellen. Hinzu komme, dass sich sein Familienmittelpunkt und alle sozialen Kontakte seit Jahrzehnten in Ravensburg befänden.

Andrea Niehoff aus Lindau ist Architektin. Sie hat sich ihren Arbeitsort Lochau bei Bregenz mit Bedacht ausgewählt. "Für mich war ausschlaggebend, dass es in Vorarlberg bessere Arbeitsbedingungen gibt", sagt Niehoff. Die Bezahlung war nicht bedeutsam, denn "im Grunde unterscheiden sich die Gehälter nicht wesentlich“. Die Österreicher seien insgesamt offener, was gute Architektur betreffe. "Zudem ist es dort einfacher, öffentliche Gelder für das Bauwesen zu bekommen", so die Architektin. Gemeinsam mit ihrem Mann, der ebenfalls als Architekt in Vorarlberg arbeitet, hat sie sich bewusst dagegen entschieden, auch in Vorarlberg zu wohnen. "Ich habe in Deutschland studiert und ich fühle mich tatsächlich auch verpflichtet, hier Steuern zu zahlen", sagt die Mutter eines Sohnes. Zudem gebe es durchaus auch politische Gründe. "Die politische Haltung in Österreich ist mir insgesamt zu rechts, da möchte ich nicht teilnehmen", so Andrea Niehoff. Zudem würde ihr die Möglichkeit vorenthalten, bei Kommunal- oder Nationalratswahlen teilzunehmen, wenn sie in Österreich ansässig würde. "Auch das finde ich schwierig", so die Lindauerin. Zwanzig Minuten braucht sie täglich zur Arbeit ins Nachbarland, für sie kein Problem.

Rund 24 000 Menschen fahren täglich in die anderen drei Staaten der Vierländerregion zum Arbeiten. Im Vergleich von 2015 zu 2016 ist das ein Plus von fast fünf Prozent. Besonders beliebt ist die Schweiz: Nahezu 20 000 Deutsche zieht es zum Arbeiten in das Alpenland. Die restlichen Grenzgänger verteilen sich auf Vorarlberg und Liechtenstein. Die Daten hat die Statistikplattform Bodensee erhoben. Demnach pendeln allein aus dem Landkreis Konstanz fast 10 000 Menschen in die Schweiz, aus dem Bodenseekreis sind es rund 500 Arbeitskräfte.

 

Pendlerströme

Die Statistikplattform Bodensee befasst sich mit Fragen der öffentlichen Statistik in der Grenzregion Bodensee. Sie hat für das Jahr 2016 rund 53 900 Personen gezählt, die über die Staatsgrenzen hinweg zu einem Arbeitsort im Gebiet der internationalen Bodenseeregion pendelten. Mit fast 24 000 sind Deutsche darunter die größte Gruppe. Sie stieg im vergangenen Jahr um weitere 4,3 Prozent. Rund 20 000 Deutsche gehen in die Schweizer Kantone Zürich, St. Gallen, Schaffhausen und Thurgau zur Arbeit, umgekehrt kamen knapp 600 Personen aus der Schweiz in die deutsche Bodensee-Teilregion. Die Zahl der Grenzgänger in die Schweiz stieg im Vergleich zum Vorjahr um vier Prozent auf insgesamt 37 300. Rund 3300 Deutsche pendeln nach Österreich. Attraktiv ist auch das Fürstentum Liechtenstein. Hier kommen täglich etwa 20 000 Personen über die Grenze, sie machen 53,5 Prozent aller Erwerbstätigen aus. Die meisten von ihnen reisen aus der Schweiz an.

Die Pendlerströme im Internet: www.statistik-bodensee.org

 

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