Bodenseekreis Das Thema Aquakultur im Bodensee sorgt weiter für hohe Wellen im Kreistag

SPD und FDP bringen das umstrittene Thema wieder in den Kreistag ein. Doch die Freien Wähler sehen darin eine Aktion auf dem "Niveau von Protestlern", worüber sich wiederum die Linke empörte.

„Ich spreche hier sehr selten, aber jetzt muss ich reden!“, rief Maria Wirth (Freie Wähler): „Warum müssen wir etwas verhindern, was schon verhindert ist oder derzeit ohnehin geprüft wird? Können wir das Ergebnis nicht abwarten? Nein! Wir müssen vorpreschen. Ich verwehre mich gegen den Angriff und stehe voll hinter unserer Erklärung.“ Der „Angriff“ von dem Wirth sprach, kam von den Linken. Doch der Reihe nach: SPD und FDP hatten einen Antrag zur Aquakultur im Bodensee gestellt. Nach Willen der beiden Fraktionen sollte der Kreistag die Landesregierung auffordern, dafür einzutreten, dass Netzgehege-Anlagen (Aquakultur) im Bodensee nicht zugelassen werden und stattdessen Alternativen einer Aquakultur außerhalb des Bodensees geprüft werden.

Das Thema wieder auf den Tisch zu bringen, fanden die Freien Wähler nicht gut: „Wäre es nicht sinnvoll gewesen, den Pausenknopf zu drücken und nach Wert und Sinnhaftigkeit zu hinterfragen?“, fragte Frakionssprecher Frank Amann. Es gebe noch zu viele offene Fragen. „Mit dem Antrag begeben sich die Fraktionen auf das Niveau von Protestlern und Bürgerinitaitiven, die Hauptsache gegen etwas sind“, zeigte sich Amann verärgert. Das komme zwar bei den Gegnern der Aquakultur gut an, sei aber fatal, „weil Sie uns zwingen, sofort zu handeln. Zeit zum Nachdenken bleibt da nicht.

“ Das sei nicht der Weg, den die Freien Wähler gehen wollen, „deshalb stimmen wir dagegen, aber nicht, weil wir für Aquakultur sind.“ Amanns Aussage zu den „Protestlern“ erboste wiederum Roland Biniossek (Die Linke), der mit erhobenem Zeigefinger in Richtung Frank Amann durch den Sitzungssaal rief: „Ich muss Ihnen direkt und deutlich sagen, so geht das nicht! Wenn Sie Antragsteller bezichtigen, sich auf dem Niveau von Protestlern zu befinden, dann ist das ein Niveau, das wir hier in diesem Kreistag nicht brauchen. Herr Amann, nochmal so geht’s nicht“, schimpfte Biniossek und fragte: „Wie lang brauchen Sie noch? Wir können nicht weiter auf Sie warten!“ Das war der Angriff, den Maria Wirth meinte und den Amann, auf seinem Stuhl zurückgelehnt, mit verschränkten Armen, grinsend über sich ergehen ließ.

Christa Hecht-Fluhr (Grüne) äußerte ebenfalls leises Unverständnis dafür, dass das Thema nun auf den Tisch kam. „Der letzte Satz in der Sitzungsvorlage ist für mich der wichtigste“, sagte sie und zitierte: „Die aktuelle Rechtslage räumt dem Gewässerschutz somit eindeutig Vorrang vor Individualinteressen Dritter ein.“ Aber man nehme die Bedenken, die die Antragsteller äußerten, sehr ernst „und es war immer Grüne-Position, dass wir einen Eingriff ins Ökosystem mit ungeklärten Folgen grundsätzlich ablehnen. Wenn wir jetzt für Aquakultur wären, wäre das eine Schizophrenie. Gewässerschutz hat eindeutig Vorrang vor den durchaus nachvollziehbaren Interessen einiger Fischer. “ Dennoch müsse man das Möglichste tun, um den Fischern mit ihren Problemen angesichts der zurückgehenden Fangzahlen zu helfen. „Wenn wir dem Antrag heute zustimmen, tun wir das mit Bauchgrimmen, weil wir die ökologischen und sozialen Probleme auslagern. Auch wenn wir die Trinkwasserqualität des Bodensees sichern, übernehmen wir zu wenig Verantwortung für die Erzeugung der Lebensmittel.“

Manuel Plösser (CDU) erinnerte daran, wie die Geschichte mit der Aquakultur überhaupt entstanden ist: „Aufgrund der stark rückgängigen Fangerträge stand den Berufsfischern das Wasser buchstäblich bis zum Hals.“ Die CDU sehe es als Verpflichtung, den Berufsfischern zu helfen. Plösser schlug vor, über Aquakultur nicht im, sondern am See nachzudenken. Ein solches Vorzeigeprojekt werde derzeit in skandinavischen Ländern realisiert. Das meinte auch Boris Mattes (SPD) in seiner Fraktionserklärung: Aquakultur könne nur am See, zum Beispiel in Wassertanks oder Weihern in Seenähe erfolgen, aber keineswegs im See. „Unser Bodensee ist keine Spielwiese für Experimente aus rein wirtschaftlichem Interesse.“ Hans-Peter Wetzel (FDP) sagte: „Etwa vier Millionen Menschen bekommen täglich Trinkwasser aus dem Bodensee. Um sie geht es, es geht um Tourismus und um uns alle hier am See.“ Den Bodenseefischern werde mit Aquakultur nicht geholfen. „Wir würden den Grundstein legen für industrielle Fischzucht im Bodensee. Es gibt weltweit keinen See, in dem Trinkwasser und Fischzucht nebeneinander existieren.“

Aquakultur

Die Diskussion um die Aquakultur war aufgekommen, weil die Bodenseefischer über rückläufige Fangzahlen klagen. Im Sommer 2017 hatte sich eine Genossenschaft gegründet mit dem Ziel, 500 bis 600 Tonnen Felchen in zwölf Netzgehegen im Überlinger See zu erzeugen. Die Gehege würden eine Fläche von 3800 Quadartmetern umfassen. Die Internatioale Gewässerschutzkommisson hält momentan an dem in der Bodenseerichtlinie festgelegten Verbot der Netzgehege-Anlage im Bodensee fest. Eine abschließende fachliche Bewertung sei derzeit aufgrund einer Vielzahl offener Fragen nicht möglich. Mit ihrem Antrag wollten FDP und SPD die ablehnende Haltung des Kreises unterstreichen. Der Antrag wurde mit neun Gegenstimmen angenommen.

Ministerium für Pilotanlage im See

Wie steht die Landesregierung zu einem Testbetrieb von Netzgehegen im Bodensee? „Grundsätzlich ergebnisoffen“, sagt Pressesprecherin Isabel Kling auf Nachfrage. Die Landesregierung sehe in der Aquakultur eine große Chance, die heimische Fischzucht am Bodensee nachhaltig zu fördern. Sobald ein Antrag der Genossenschaft „RegioFischBodensee“ zum Betrieb einer Netzgehegeanlage vorliege, werde dieser fachrechtlich geprüft. Sollte eine Aquakulturanlage im See errichtet werden, müsste ein umfassendes Monitoring durch unabhängige Stellen durchgeführt werden. „Eine gesundheitsgefährdende Beeinträchtigung des Trinkwassers muss ausgeschlossen werden“, so die Sprecherin. Am ehesten könnten solche Erfahrungen wohl mit einer Pilotanlage gewonnen werden. Hier seien für das Ministerium Erkenntnisse aus Finnland eine wichtige Grundlage. Minister Peter Hauk (CDU) war dort erst kürzlich zu Besuch in der staatlichen Forschungsstation Tervo und bei einer kommerziellen Felchenzucht bei Kuopio. Die finnische Felchenzucht wurde im Wesentlichen in der Forschungsstation entwickelt. Die Netzgehege dort werden seit drei Jahrzehnten „ohne merkliche Umwelteinflüsse“, so das Ministerium, wirtschaftlich erfolgreich betrieben. Der Besitzer der Anlage habe berichtet, dass in 15 Meter Entfernung zu den Gehegen eine amtliche Wasserprobestelle bestehe, die Nährstoff- und Keimbelastung ermittle. Dabei würden keine Auswirkungen der Fischerzeugung gemessen. In 25 Jahren hätten noch nie Antibiotika eingesetzt werden müssen. (kck)

Ihre Meinung ist uns wichtig
Herbstliche Weine vom Bodensee
Neu aus diesem Ressort
Bodenseekreis
Friedrichshafen
Bodenseekreis
Bodenseekreis
Bodenseekreis
Bodenseekreis
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren