Bodenseekreis Bodensee: 20 Berufsfischern wird Lizenz entzogen

Die Zahl der Bodenseefischer soll reduziert werden. Bis 2020 bekommen Berufsfischer auf Deutschlands größtem See nur noch 80 Patente, die für den kommerziellen Fischfang notwendig sind. Seit Jahren leiden die Fischer unter schlechten Fangquoten. Je weniger Fischer ihre Netze auswerfen, desto mehr bleibt für den einzelnen übrig – so die Überlegung. Nun ist ein Streit darüber entbrannt, wer sein Patent abgeben soll.

Die Berufsfischer am deutschen Ufer des Bodensees sind sauer. Nicht nur, dass ihnen und ihren Kollegen rund um den See seit Jahren schlechte Fangerträge das Leben und Wirtschaften schwer machen. Ende dieses Jahres laufen bei den Fischern in Baden-Württemberg die Patentverträge aus. Die galten in der Vergangenheit immer zwölf Jahre und wurden quasi automatisch verlängert. Diesmal nicht: Bereits 2015 hat die Internationale Bevollmächtigtenkonferenz für die Bodenseefischerei (IBKF) beschlossen, bis 2020 die Zahl der Hochsee-Patente von 101 auf 80 zu reduzieren. Erstmals seit 1934 wird damit die Zahl der Fischereilizenzen neu festgesetzt. Einige Fischer müssen in den nächsten zwei Jahren also ihren Beruf aufgeben.

Zu wenig Fisch für 100 Fischer

"Die Entscheidung fiel den Bevollmächtigten nicht leicht, galt es, die Interessen jedes einzelnen Betriebes am Erhalt seines Patents gegen die Zukunft und das Überleben der gesamten Berufsfischerei am Bodensee abzuwägen", heißt es in einer Pressemitteilung der IBKF. Hintergrund des Beschlusses sind die seit Jahren schrumpfenden Fangerträge. Holten die Fischer 2012 noch 604 Tonnen Fisch aus ihren Netzen, darunter gut die Hälfte Felchen, waren es im Jahr des Minus-Rekords 2015 nur noch 307 Tonnen (siehe Grafik). Laut einem Gutachten braucht ein Fischereibetrieb mindestens einen Fangertrag von sieben Tonnen im Jahr, um wirtschaftlich bestehen zu können. Mit anderen Worten: Der See gibt für 100 Berufsfischer nicht mehr genügend Fisch her.

Deshalb einigten sich die Anrainer-Länder darauf, dass Baden-Württemberg künftig 36 Fischereilizenzen ausgeben darf, die Schweizer 24, die Österreicher zwölf und die Bayern vier. Während die Nachbarstaaten ihr Soll bereits erfüllt haben, gibt es unter den deutschen Berufsfischern 20, die spätestens in zwei Jahren kein Patent mehr bekommen werden – vier in Bayern und 16 in Baden-Württemberg. Nach Einschätzung von Anita Koops, Sprecherin der württembergischen Berufsfischer und Mitglied im IBKF-Vorstand, wird es für Fischer im Nebenerwerb oder jene, die ihr Patent derzeit ruhen lassen, am ehesten kritisch. Die Folge: "Wer sein Patent abgeben muss, hat wohl nie wieder die Möglichkeit, eins zu kriegen." Allerdings sei noch nicht klar, wie die Fischereilizenzen im nächsten Jahr neu vergeben werden. Nach Angaben des baden-württembergischen Landwirtschaftsministeriums soll 2018 ein Verfahren entwickelt und mit den Fischer auch abgestimmt werden. Die Marschrichtung ist klar: "Ziel war und ist es, leistungsfähige Betriebe mit jüngeren Betriebsinhabern zu erhalten und ihnen eine gewisse Zukunftsperspektive zu eröffnen", schrieb Minister Peter Hauk (CDU) im Oktober auf eine Anfrage der Grünen im Landtag. An der Zielzahl – 36 Patente – halte das Land fest.

Für Anita Koops ist dieses Vorgehen kontraproduktiv. "Das ist nicht zielführend, wenn man den Fischern helfen will." Schon 2015 war klar, dass die deutschen Fischer aufgrund ihrer Altersstruktur die Zielzahl bis 2020 ohne Konflikte nicht erreichen. Nur ein Patentinhaber ist auf das Angebot des Landes eingegangen, für 15 000  Euro die Lizenz vorzeitig abzugeben. Für einen Vollerwerbs-Fischer sei dieser Betrag als Ausgleich für Einnahmeausfälle in zwei Betriebsjahren (2017 und 2018) zu wenig, so Koops. Mit nur einem Patent könne eine Fischerfamilie nicht mehr von diesem Beruf leben.

Kaum Nachwuchs für die Zunft

Warum die Landesregierung die Reduzierung der Patente "übers Knie brechen" will, versteht Anita Koops nicht. "Das regelt sich in den nächsten fünf, sechs Jahren doch von allein", sagt sie. Viele Berufsfischer sind alt, denken ans Aufhören. Mit ihren 50 Jahren gehöre sie noch zu den Jüngeren. Nachwuchs für die Zunft gebe es kaum. "Der Beruf hat keine Zukunft, er ist voller Entbehrungen." Die bayrischen Kollegen hätten inzwischen einen Rechtsanwalt eingeschaltet; dort müssen vier Berufsfischer bis 2020 ihr Patent abgeben.

Der IBKF-Beschluss von 2015 hat zudem ein zweites Problem geschaffen. Seit 1893 gilt das Bregenzer Abkommen, eines der ältesten Fischereiabkommen weltweit. Es regelt "die Anwendung gleichartiger Bestimmungen" für die Fischerei im Bodensee (siehe Kasten). Nun allerdings dürfen die Berufsfischer aus der Schweiz und Österreich fünf statt eigentlich nur vier erlaubter Netze im See auslegen, weil sie ihre Zielzahl bei den reduzierten Patenten bereits erreicht haben. Diese Regelung hatte die IBKF als Anreiz beschlossen. "Jetzt dürfen die anderen mehr fischen", sagt Anita Koops – eine Ungleichbehandlung, wie sie es in über 100 Jahren nicht gegeben hat.

Bregenzer Übereinkunft

Nach mehrjährigen Verhandlungen um die Fischerei im Bodensee-Obersee wurde am 5. Juli 1893 die "Bregenzer Übereinkunft" beschlossen. Die Präambel lautet: „Um die wertvollen Fischarten im Bodensee zu erhalten und zu vermehren, sind die Regierungen von Österreich, Baden, Bayern, Liechtenstein, der schweizerische Bundesrat und die Regierung von Württemberg übereingekommen, gleichartige Bestimmungen zu vereinbaren.“ Die gelten seither für den Bodensee-Obersee und den Überlinger See bis zur Konstanzer Rheinbrücke. Gemeinsame Vorschriften wurden für die Fanggeräte und -methoden, die Maschenweiten als auch Schonzeiten und Schonmaße vereinbart. Jede Regierung bestellt seither einen oder mehrere Bevollmächtigte.

Aus dieser Übereinkunft ging die Internationale Bevollmächtigtenkonferenz für die Bodenseefischerei (IBKF) hervor, das höchste Gremium für die Angelegenheiten der Bodenseefischerei. Deren Beschlüsse müssen einstimmig gefasst werden, damit die Interessen aller Vertragsstaaten bei jedem Beschluss gewahrt bleiben. Die Beschlüsse der IBKF müssen jeweils in nationales Recht umgesetzt werden. (kck)

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