Ravensburg/Bodenseekreis Bei der Telefonseelsorge hört immer jemand zu

Seit 1984 gibt es die Telefonseelsorge in Ravensburg für die Region Bodensee, Oberschwaben und Allgäu. Hier finden Menschen mit Sorgen, Ängsten und Problemen 365 Tage im Jahr rund um die Uhr jemanden, der ihnen zuhört. Jetzt startet die Telefonseelsorge wieder mit einer neuen Ausbildung für Interessierte, die ehrenamtlich im Team mitarbeiten wollen.

Jeder Mensch hat in seinem Leben Momente und Phasen, in denen er scheinbar nicht mehr weiterkommt. Die Ursachen können vielfältig sein: Beziehungsprobleme, der Tod eines nahestehenden Menschen, Einsamkeit, Berufliches oder die Konfrontation mit einem medizinischen Befund. So vielschichtig die Gründe für das emotionale und seelische Tief sein können, so umfangreich sind die möglichen Auswege.

Ein erster Impuls kann sein, sich einer anderen Person gegenüber zu öffnen. Die Telefonseelsorge ist hier sicherlich eines der bekanntesten Angebote. In der Region Bodensee-Oberschwaben-Allgäu ist sie seit 1984 in Betrieb. Durchschnittlich sind hier zwischen 80 und 95 ehrenamtlich Mitarbeitende im Dienst, die an 365 Tagen im Jahr und rund um die Uhr ein offenes Ohr bieten. Weil es im Kreis der Telefonseelsorger auch eine Fluktuation gibt, bietet die ökumenische Ausbildungsstelle für beratende Seelsorge in Kürze wieder einen Ausbildungsgang an, der Interessierte auf diese Aufgabe vorbereitet.

Bevor die Interessierten in die zweijährige Ausbildung starten, müssen sie sich zunächst selbst öffnen und ihr eigenes Ich aufklappen. Das fängt bereits beim Informationsabend an. „Locken und Schocken“, nennt es Gabriela Piber, Leiterin der Ausbildungsstelle in Ravensburg. Vorrangig abschrecken soll dieses Motto natürlich nicht. Vielmehr will sie damit verdeutlichen, wie komplex die spätere Arbeit in der Telefonseelsorge sein wird. „Unsere Mitarbeiter werden später konfrontiert mit den Abstell- und Kellerräumen des täglichen Lebens“, umschreibt Gabriela Piber die Arbeit in der Telefonseelsorge.

Daher müssen die Interessierten vor Beginn der Ausbildung bereit sein, sich selbst vor einem Auswahlgremium zu öffnen. „Jemand, der selbst in einer schwierigen Phase steckt oder mit sich nicht im Reinen ist, wäre natürlich kaum geeignet“, betont Piber. Neben der Bereitschaft zur Leistung der Dienstschichten müssen die künftigen Telefonseelsorger auch offen für Weiterbildung sein. „Wir arbeiten in einer Gemeinschaft, die sich regelmäßig austauscht und Erfahrungen teilt“, ergänzt die Theologin und Psychotherapeutin.

Ein offenes Ohr bei Problemen: Die Telefonseelsorge Ravensburg bietet seit 1984 Hilfe für Menschen mit Sorgen und Ängsten an.
Ein offenes Ohr bei Problemen: Die Telefonseelsorge Ravensburg bietet seit 1984 Hilfe für Menschen mit Sorgen und Ängsten an. | Bild: Andreas Ambrosius

Auch wenn das Angebot der Telefonseelsorge allen Menschen unabhängig von Religion oder Glaubensbekenntnis offen steht, sollten die ehrenamtlichen Mitarbeiter in ihrer Tätigkeit christliche Werte vertreten und die Bereitschaft mitbringen, nach der Ausbildung mindestens drei Jahre mitzuarbeiten.

Die Ausbildung zum Telefonseelsorger erfolgt in zwei Stufen. Im ersten Jahr stehen rund 100 Stunden Theorie und Wege zur Selbsterfahrung auf dem Plan. In der zweiten Phase leisten die Ehrenamtlichen bereits Dienst am Telefon und werden in spezifischen Themen der Telefonseelsorgearbeit geschult. Auch erhalten sie bei externen sozialen Hilfs- und Betreuungseinrichtungen Einblicke in die Praxis. Letzteres ist von großer Bedeutung, denn in den späteren Gesprächen soll der Telefonseelsorger die Sorgen, Ängste und Probleme des Betroffenen in der Tiefe verstehen und bei Bedarf Hinweis auf professionelle Hilfe geben können.

Die Arbeit in der Telefonseelsorge setzt ein hohes Maß an Anonymität voraus. Weder weiß ein Anrufer, wer auf der anderen Seite der Telefonverbindung zuhört, noch wird die Rufnummer angezeigt. Beim Gespräch von Mensch zu Mensch kann es durchaus zu spannenden Konstellationen kommen. Da treffen junge Menschen auf einen Seelsorger im Seniorenalter, oder umgekehrt. Natürlich gibt es auch Situationen, in denen ein Gespräch in einer Sackgasse gerät. „Da empfehlen unsere Mitarbeiter dann auch mal, am nächsten Tag noch mal anzurufen“, berichtet Gabriela Piber. In den allermeisten Fällen wird dann jemand anderes Dienst haben, denn der Aufbau einer persönlichen Beziehung wäre sehr schwierig und ist nicht erwünscht. Manchmal muss ein Gespräch auch abgebrochen werden. „Da brauchen unsere Mitarbeiter auch gewissen Eigenschutz.“

Dass die Tätigkeit in der Telefonseelsorge trotz der umfangreichen Ausbildung und Belastung begeistern kann, zeigt ein Blick auf zwei Daten. Bei der für die Region Bodensee-Oberschwaben-Allgäu verantwortlichen Telefonseelsorge sind Ehrenamtliche im Alter von 35 bis 97 Jahren tätig und diese engagieren sich im Schnitt zwischen acht und zehn Jahre lang.

 

Informationen und Daten

  • Wer sich für eine Ausbildung zur ehrenamtlichen Tätigkeit in der Telefonseelsorge Ravensburg interessieren, kann sich an die ökumenische Ausbildungsstelle für beratende Seelsorge in Ravensburg wenden, Telefon 07 51/3 59 77 70. Der nächste Informationsabend ist am Dienstag, 23. Januar um 19 Uhr.
  • Die Ausbildung umfasst rund 200 Stunden und dauert mit Theorie- und Praxisphasen rund zwei Jahre. Die Bewerber für eine Ausbildung sollten bereit sein, sich im Anschluss mindestens drei Jahre für den Dienst ehrenamtlich zur Verfügung zu stellen. Dabei stehen pro Monat drei Dienste zu je vier Stunden an, eine Bereitschaft für Weiterbildungen und sechs Nachtdienste pro Jahr wird vorausgesetzt.
  • Bei der Telefonseelsorge Ravensburg werden über 11 000 Seelsorge- und Beratungsgespräche pro Jahr geführt, weitere 1400 Kontakte entstehen durch die Kommunikationswege E-Mail und Online-Chat.
  • Träger der Telefonseelsorge Ravensburg sind die katholischen Dekanate sowie die evangelischen Kirchenbezirke der Region. Zuschussgeber sind die Landkreise sowie Kommunen, es werden aber gern auch Einzelspenden angenommen.
  • Wer selbst Sorgen, Probleme oder Ängste hat, ein offenes Ohr oder Rat sucht, kann die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter den gebührenfreien Telefonnummern 08 00/1 11 01 11 oder 08 00/1 11 02 22 erreichen.

Informationen im Internet: www.telefonseelsorge-ravensburg.de

 

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