Bodenseekreis Afrikanische Schweinepest beschäftigt Landwirte und Jäger in der Region

Der Deutsche Bauernverband fordert entschlossene Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest. Doch wie bewerten Jäger, Landwirte und das Veterinäramt die Ausbreitung der Tierseuche in Europa und mögliche Folgen für die Region?

Ist der letzte Ausweg, um zu verhindern, dass die Afrikanische Schweinepest Deutschland erreicht, die Massentötung von Wildschweinen? Der Deutsche Bauernverband verlangt entschlossene Maßnahmen. Derzeit steht der Abschuss von 70 Prozent aller Tiere als Forderung im Raum. Ist das überhaupt machbar und wie bewerten Jäger und Landwirte die Ausbreitung der Tierseuche in Europa und die Folgen für die Region?

  1. Kreisjägermeister Hartmut Kohler von den Badischen Jägern Überlingen macht deutlich, dass es immer mehr Wildschweine gibt. Der starke Zuwachs sei auf klimatische Veränderungen zurückzuführen. In den kalten und schneereichen Wintern der Vergangenheit seien Jungtiere gestorben. Auch die schlechteren Futterverhältnisse in den Wintermonaten hätten früher zu einer Dezimierung der Wildschweinpopulation geführt. Heute finden die Tiere das ganze Jahr über ausreichend Nahrung, sagt der Jäger. Ein Versäumnis bei den Jägern sieht er nicht. "Wir Jäger sind immer bestrebt, die Bestände kurz zu halten." Die vom Deutschen Bauernverband geforderte Tötung von 70 Prozent der Wildschweine wäre eine klassische Abschöpfung. Bei der Jagd könne es allerdings durchaus sein, dass man rund 20 bis 30 Stunden benötige, bis man ein Tier geschossen habe. Abhängig sei dies auch von der Jagdmethode. Unterstützung wünsche man sich von der Politik, etwa was eine Aufhebung der Einschränkung bei der Jagd von Jährlingen im März und April oder den Einsatz von Nachtsichtgeräten und Wärmebildkameras betreffe. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Afrikanische Schweinepest auch Deutschland erreichen wird, hält er für groß. "Die Seuche ist schwer zu händeln." Weil das Virus über große Distanzen vor allem durch den Eingriff von Menschen transportiert werde, sei es nun wichtig an die Bevölkerung zu appellieren. Die Menschen müssten sich bewusst machen, dass sie keine Nahrungsmittel aus den bereits betroffenen Ländern einführen und keine Abfälle in der Landschaft entsorgen.
  2. AnnelieseSchmeh ist Seniorchefin auf dem Hagenweiler Hof in Überlingen und seit 42 Jahren zudem Jägerin. Die Reduzierung des Wildschweinbestands wäre aus ihrer Sicht eine Maßnahme, um die Ausbreitung der Tierseuche einzudämmen. Allerdings: "Ob das innerhalb der kurzen Zeit auch machbar ist, ist eine andere Frage." Die Tiere seien nur schwer zu finden. Bei 20 bis 30 Zentimetern Schnee wäre es möglich die Wildschweine durch ihre Spuren aufzuspüren und zu jagen. Insgesamt seien die immer milderen Winter ein Problem. "Durch das Klima und die reiche Mast überleben immer mehr Frischlinge auch im Winter und dies führt zu dieser starken Wildschweinpopulation", sagt Schmeh. Insgesamt sieht sie die Probleme aber vor allem vom Menschen gemacht. Tiere und Futter würden über immer weitere Strecken durch Europa transportiert. Jetzt komme es aus ihrer Sicht auch auf die Disziplin der Menschen an, sich an die Vorsichtsmaßnahmen des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft zu halten, um die weitere Ausbreitung der Tierseuche zu verhindern. Einer Lockerung der Jagdbestimmungen steht sie eher kritisch gegenüber. "Wenn man beispielsweise Nachtsichtgeräte erlaubt, ist das immer ein zweischneidiges Schwert. Aus meiner Sicht ist das nicht das Wahre. "Als ich das jagen gelernt habe, ging es darum, dass das Tier auch eine Chance hat."
  3. Für Landwirt Hubert Einholz aus Neufrach ist die Afrikanische Schweinepest ein großes Thema. In seinem Stall gibt es 1800 Mastplätze für Schweine. Dass das Virus Deutschland erreichen wird, ist für ihn nur eine Frage der Zeit. Sorgen für seinen eigenen Betrieb mache er sich momentan noch nicht. "Wir haben einen geschlossenen Stall. Dass Wild- und Hausschweine in Kontakt kommen, ist daher nicht möglich. Zugang zum Stall hat nur das eigene Personal." Breite sich der Erreger in Deutschland aus, würden Exportländer das Schweinefleisch allerdings nicht mehr abnehmen. "Damit würden die Preise in den Keller fallen", sagt Einholz. Eine Risikominimierung sieht er im Abschuss von Wildschweinen.
  4. Landratsamt Bodenseekreis: Eine derart starke Reduzierung des Wildschweinbestands durch den Abschuss von 70 Prozent aller Tiere kommt sicherlich nur in Betracht, wenn es in Deutschland tatsächlich zu einem Ausbruch der Schweinepest kommt, sagt Robert Schwarz, Sprecher des Landratsamts. "Momentan ist das keine Option." Sicherlich sei es sinnvoll den Bestand zu kontrollieren. Eine drastische Reduzierung des Bestands innerhalb kurzer Zeit sei mit legalen Jagdmethoden aber nicht leistbar. "Wildschweine sind sehr intelligente Tier, die lassen sich nicht einfach abschießen." Man lasse von den Jägern stichprobenartig Blutproben von geschossenen oder toten Wildschweinen nehmen, um die Entwicklung im Blick zu haben", so Robert Schwarz. Bei mehr als 80 Proben liege nach wie vor kein positiver Befund vor. Für den Ernstfall sind Kühlcontainer bestellt, um dort tote Wildschweine zu sammeln, sollte es zu einem Ausbruch und in größerer Zahl getötete oder verendete Tiere kommen. Im Bodenseekreis gibt es nach Angaben des Landkreises 25 Betriebe mit 3073 Schweinen und 129 Mastbetriebe mit 11 279 Schweinen. In den Betrieben, die Schweine halten, werden Routinekontrollen vorgenommen. Insbesondere bei der Freilandhaltung schaue man derzeit genau hin. Eine entsprechende Verordnung sehe hier beispielsweise vor, dass zwei Zäune eine Berührung von Wild- und Hausschweinen vermeiden müssen.
  5. Holger Stich, Bezirksgeschäftsführer der Landwirte-Vereinigung BLHV (Badischer Landwirtschaftlicher Hauptverband), hält es hingegen für notwendig, dass der Wildschweinbestand durch die Jagd deutlich reduziert wird. Ob es am Ende 60, 70 oder 80 Prozent sind, sei dabei dahingestellt. Das sei wohl nicht innerhalb von drei bis vier Monaten leistbar, wäre aber wünschenswert. Der Handlungsspielraum der Jäger müsste aus seiner Sicht erweitert werden, so müsste etwa die Schonzeit ausgesetzt werden oder es müsse Erleichterungen bei der Jagd mit Nachtsichtgeräten geben. Das sei dringend notwendig und zwar jetzt. Doch was passiert, wenn die Schweinepest tatsächlich die Region erreicht. Auch wenn nur ein Tier betroffen ist, muss in einem Schweinebetrieb der gesamte Bestand getötet werden. Zwar gibt es nach Angaben des BLHV für den Landwirt in diesem Fall einen Schadensersatz, allerdings darf der Betrieb dann eineinhalb bis zwei Jahre keine Schweine mehr halten. Das kann für den Landwirt das Aus bedeuten. Auch wenn ein Betrieb nicht betroffen ist, kann der Ausbruch der Tierseuche auf einem Hof in der Umgebung laut BLHV dazu führen, dass ein Landwirt aufgrund der eingerichteten Schutzzone seine Tiere nicht mehr vermarkten darf. Wie diese Zonen im Ernstfall aussehen, dafür hätten die Veterinärämter sicher die Notfallpläne in der Schubladen.

Die Seuche

  • Die Afrikanische Schweinepest (ASP) tritt nach Angaben des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft seit 2014 in den baltischen Staaten und in Polen auf. In der Ukraine, Weißrussland und Russland komme die Seuche seit Längerem gehäuft vor und verbreitet sich von dort. In der Tschechischen Republik wurde das Virus im 21. Juni 2017 bei Wildschweinen erstmals festgestellt. Am 31. Juli 2017 wurde ASP bei Hausschweinen erstmals auch in Rumänien entdeckt.
  • Eine Einschleppung nach Deutschland würde neben den Auswirkungen für die Tiere auch schwere wirtschaftliche Folgen mit sich bringen. Bei der Afrikanischen Schweinepest handelt es sich um eine schwere Virusinfektion, die ausschließlich Schweine (Haus- und Wildschweine) betrifft und für diese tödlich ist. Für den Menschen stellt sie keine Gefahr dar. In Deutschland ist ASP bisher noch nie aufgetreten.

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