Bermatingen, Markdorf Obstbauern beklagen über 60 Prozent weniger Äpfel durch Frost und Hagel

Das Strahlen überlassen die Obstbauern dieser Tage der Sonne. Die düsteren Prognosen haben sich bewahrheitet: Die Apfelernte fällt in diesem Jahr um mindestens 60 Prozent geringer aus als im Vorjahr. Hagel, eine etwa zwei Wochen anhaltende Kälteperiode und der Klimawandel sind die Ursachen. Gäbe es keine Beihilfen, wäre so manche Existenz bedroht.

Mit seinem Verhalten kann der Konsument auch etwas dazu beitragen, dass die Landwirte nicht ausschließlich in den sauren Apfel beißen müssen. Sie können Schönheitsfehler beim Apfelkauf in Kauf nehmen. Denn die Wetterwidrigkeiten hinterließen Frostnarben, Schorf. Und das ist das Aus für einen Apfel, der neben einem makellosen liegt. Dabei ist es wie bei den Menschen: Auf den Inhalt kommt es an. Die Qualität, den Geschmack betreffend, hat keineswegs gelitten, so die Befragten übereinstimmend.

Aber die Menge! Thomas Ainser aus Ittendorf musste seine Einschätzung der Einbußen von 80 Prozent vor fünf Wochen korrigieren: "Der Ertrag ist weit weniger als gedacht. Darunter sind viele kleine und Mostobstäpfel." Und einige sähen nicht mehr so toll aus. Seinen Betrieb hat es besonders schlimm erwischt.

Auch die Rettungseinsätze von Biolandwirt Erhard Karrer aus Bermatingen-Ahausen, wie die Frostschutzberegnung während der Blüte, bei der beim Gefrieren Kristallisationswärme freigesetzt wird, hatten nicht den erhofften Erfolg: "Die Frostwirkung wurde gemildert, aber nicht verhindert." 14 Tage waren die Bäume dem Wetterstress ausgesetzt. Die kalten Temperaturen und der kalte Ostwind seien zwar der unmittelbare Grund fürs Blütensterben, doch die Ursache führt Karrer auf den Klimawandel und die damit verbundene frühere Blüte zurück. Nur durch die Nachblüte am einjährigen Holz konnten noch stärkere Verluste verhindert werden. Wohl dem, der reich blühende Sorten wie Gala oder Evelina hat, wie unter anderem Tobias Marquart aus Ittendorf.

Apfelernte ist Handarbeit und sehr mühsam. Um an die oberen Äpfel zu gelangen, muss Erhard Karrer auf einen sogenannten Schlitten steigen.
Apfelernte ist Handarbeit und sehr mühsam. Um an die oberen Äpfel zu gelangen, muss Erhard Karrer auf einen sogenannten Schlitten steigen. | Bild: Christiane Keutner

Wie kann man den Schaden kompensieren? Gespart werden kann kaum einmal bei den Erntehelfern. Denn man laufe man genauso alle Wege, ob nun fünf oder 20 Äpfel an einem Baum hingen, so Karrer. Zudem müsse die gesamte Arbeit, die für das Heranwachsen eines Obstbaumes erforderlich ist, in jedem Fall getan werden.

Eine sanfte Behandlung ist wichtig. Ruth Karrer leert die Äpfel aus dem gefüllten Spezialkorb über eine sogenannte "Rutsche" in die Großkiste.
Eine sanfte Behandlung ist wichtig. Ruth Karrer leert die Äpfel aus dem gefüllten Spezialkorb über eine sogenannte "Rutsche" in die Großkiste. | Bild: Christiane Keutner

Mehr noch: Beeinträchtigt das Wetter die Entwicklung, muss man umso achtsamer sein. Denn Mäuse, Insekten und Vögel spechten auch auf die süßen Früchte. "Wenn der Apfelwickler ein Prozent der Bäume befällt, ist das nicht schlimm", sagt Tobias Marquart aus Ittendorf. Aber bei geringem Ertrag falle der prozentuale Anteil der Mitesser wesentlich höher aus.

Der Preisfestsetzung gemäß Angebot und Nachfrage sind jedoch Grenzen gesetzt. "Unsere Äpfel kosten dieses Jahr etwas mehr, aber mit Rücksicht auf unsere Stammkunden im Hofladen nicht soviel mehr, dass es den geringen Ertrag wettmacht", so Marquart. Die meisten Landwirte können zudem den Preis nicht selbst bestimmen. Er wird im Dialog mit Obsthändlern und Obstbauern festgesetzt, nach Austausch von Infos wie Nachfrage, Menge und Qualität kommt es zur sogenannten Preisnotierung, informiert Agrarwissenschaftler Michael Zoth, zuständig für den Bereich Ertragsphysiologie beim Kompetenzzentrum Obstbau-Bodensee in Bavendorf. Die Landwirte seien besorgt, das Stimmungsbild schlecht, resümiert er. "Über 60 Prozent Minderertrag ist natürlich ein Schlag ins Kontor. Wenn der Bauer nicht ein zweites oder drittes Standbein wie Ferienwohnungen oder Hofladen hat, sei die Situation sehr schwierig.

Um die Stimmung aufzubessern, hilft nur ein Antrag zur Beihilfe. Hier müssen die Landwirte den Durchschnittsertrag der vergangenen drei oder fünf Jahre errechnen. Dieser wird dem Ernteergebnis 2017 gegenübergestellt und daraus der Verlust errechnet. Welchen Betrag die Obstbauern Anfang 2018 erhalten, ist noch ungewiss. Einige haben ihren Antrag bereits eingereicht, weiß Hermann Gabele, Leiter des Landwirtschaftsamts Bodenseekreis. In den nächsten Wochen erwartet er weitere Antragsteller. "Die Ämter werden die Schäden berechnen und ans Ministerium für Ländlichen Raum leiten." Der Landtag entscheide dann über die Hilfen.

Nur noch für Kindertagesstätten und Grundschulen gibt es weiterhin frisches Obst und Gemüse. Bild: Christiane Keutner
Nur noch für Kindertagesstätten und Grundschulen gibt es weiterhin frisches Obst und Gemüse. Bild: Christiane Keutner | Bild: Christiane Keutner

Auch Hermann Gabele weiß natürlich um das Käuferverhalten, das sich nur die Rosinen, in diesem Fall die schönsten Äpfel herauspickt. Doch ein Apfel mit gewissen Flecken oder Verkorkungen sei genauso gesund wie einer, der optisch mehr hermache. "Es ist nichts Gefährliches und macht die Ware nicht minderwertig!"

 

Beihilfe bei Ernteverlust

Anträge für Beihilfe bei Ernteverlust sind an das Landratsamt Bodenseekreis zu richten. Wegen des bundesweiten einmaligen Feiertags (Reformationstag) am 31. Oktober, endet die Anmeldefrist bereits am 30. Oktober. Die Apfelernte am Bodensee fällt laut Kompetenzzentrum Obstbau-Bodenssee in Bavendorf im Schnitt um rund 63 Prozent geringer aus als im Vorjahr. Manche Betriebe haben höhere Verluste, manche hatten Glück mit ihren Lagen – je niedriger, desto stärker waren sie vom Frost betroffen -, oder reich blühenden Sorten und der Nachblüte. (keu)

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