Bermatingen Ira Hauptmann beschäftigt sich mit dem Thema "verlorener Zwilling"

Welche Auswirkungen kann es auf einen Menschen haben, wenn er im Mutterleib einen Zwilling hatte, der im Mutterleib abging? Mit diesem Thema beschäftigt sich Ira Hauptmann aus Bermatingen. Im Kaffee-Gespräch mit SÜDKURIER-Mitarbeiterin Christiane Keutner sprach sie über das Thema.

Sie beschäftigen sich intensiv mit dem Thema „verlorener Zwilling“, hatten dazu jüngst einen Internet-Kongress organisiert. Warum?

Ich möchte in erster Linie aufklären, das Thema bekanntmachen, einen produktiven Austausch. Dass das Wissen nicht nur kurz gelüftet wird, sondern die Menschen abgeholt werden und sich die Psychotherapie der Problematik annimmt. Das Thema betrifft mich selbst und ich empfinde mich als Moderatorin. Es geht sehr viele an: Zehn bis 30 Prozent aller Menschen haben oder hatten in der Gebärmutter ein Zwillingsgeschwister, was (Ultraschall-)Untersuchungen belegen. Die Zahlen steigen durch Umwelteinflüsse und das Alter: Ganz junge und Frauen ab 30 Jahren neigen zur Mehrfachbefruchtung und beim künstlichen Eingriff werden mehrere Eizellen befruchtet.

Wie muss man sich den Internet-Kongress vorstellen?

Auf einem Monitor sieht man mich als Interviewerin, auf dem anderen die Experten im freien, einstündigen Gespräch, in dessen Verlauf drei Schritte beleuchtet werden: Erkennen, Anerkennen und Integrieren.

Wie war die Resonanz?

Sehr bestärkend. Knapp 4000 Menschen haben sich eingeklinkt, die Resonanzen waren extrem berührend und bewegend. Das war und ist mein Anliegen: unentdecktes ins Bewusstsein zu holen und damit zu helfen. Denn wenn ein Zwilling im Mutterleib abgeht, entsteht ein Trennungsschocktrauma, das ein Leben lang Auswirkungen haben kann.

Wie machen sich diese bemerkbar?

Überlebende Zwillinge fühlen sich einsam. Sie suchen, wissen aber nicht nach was, spüren, dass ihnen etwas fehlt, wissen aber nicht was. Viele empfinden unbewusste Schuld und eine gewisse Angst vor dem Leben. Das macht sich gern auch in einer Überverantwortung bemerkbar. Viele bleiben bis zum letzten Minütchen in der Gebärmutter und fühlen nicht den Impuls, sich dem Leben zuzuwenden. Auffallend ist die Mutterbeziehung: entweder ist sie ausgesprochen eng oder Mutter und Kind kommen nicht zusammen. Bei der Mutter kann sich der Abgang als Wochenbettdepression auswirken, denn sie spürt, dass ein Abschied stattgefunden hat.

Woran erkennt man, ob es sich um einen „Einzel-Zwilling“ handelt?

Es ist eigentlich ja ein Paradox. Bleibt es unbewusst, gibt es Auffälligkeiten wie ADHS, Depression, Burnout, aber auch Züge des Borderline-Syndroms. In der Regel sind es Menschen mit einer erhöhten Empfindungsfähigkeit oder Hochsensibilität. Gern arbeiten sie für zwei oder mehrere und versuchen, etwas auszugleichen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Vielleicht ein Extremes, doch sehr Deutliches: Ich habe einen jungen, manisch depressiven Mann begleitet. Er hatte große Angst vor dem Tod, konnte aber auch nicht leben. Die Mutter teilte ihm nach 26 Jahren endlich mit, dass sein Zwilling im vierten Monat abgegangen war. Als er das erfahren hatte, konnte er seine Ängste, sein Verhalten und sein Gefühl von Unvollständigkeit begreifen.

Das hört sich nach einer einfachen Lösung an.

Es ist eine Grundlegende. Mütter, die „Schwierigkeiten“ mit ihren Kindern haben, sehen auf den Ultraschallbildern später oft eine zweite Fruchthöhle. Meist weisen Frauenärzte nicht darauf hin, weil sie die Mütter nicht beunruhigen wollen. Das bezeichne ich als fahrlässig. Wenn eine Mutter weiß, da war ein weiteres Kind, kann sie das Überlebende und die Situation ganz anders verstehen.

Ein Thema für Psychotherapeuten?

Unbedingt! Die übliche Therapie ist auf das sichtbare Kind ausgerichtet, die vorgeburtliche Phase haben sie überhaupt nicht im Blick. Nachgewiesen ist jedoch, dass Föten hochempfindsam sind und eine Anwesenheit sehr wohl tief registriert wird.

Treten Schwierigkeiten bei jedem auf, der ein Geschwister vorgeburtlich verloren hat?

Nein. Das ist abhängig von der Empfindsamkeit. Alleingeborene Zwillinge sind jedoch immer auf der Suche nach Ergänzung, die Ich-Identität ist nicht geschlossen. Sie fragen: Wer bin ich, wozu bin ich da, wo will ich hin. Und sie haben oft starke Bindungsthemen. Im Partner wird die Ergänzung gesucht. Eifersucht ist oft ein großes Thema oder man meidet Nähe gleich ganz. Hormonelle Disbalancen und Geschlechtsunklarheit haben ganz oft Wurzeln im verlorenen Zwilling.

Sie sagten, auch bei lebenden Zwillingen kommt es manchmal zu Diskrepanzen.

Entweder sind Zwillinge sehr harmonisch oder sie haben große Schwierigkeiten miteinander. Bei Letzterem lohnt sich eine Rückschau, ob ein Drilling abgegangen ist.

Wie merkt man, ob man ein nicht geborenes Geschwister hatte, wenn kein Ultraschall-Bild vorhanden ist?

Die Kinesiologie eignet sich sehr gut, auch systemische Aufstellungsarbeit, hypnotherapeutische Methoden, und dann eine körpertherapeutische Integration. Ich stelle ein kostenloses Interview auf der Newsletter-Seite zur Verfügung mit der Vorarlberger Psycho- und Lehrtherapeutin Yvonne Rauch. Beim Zuhören spürt man sehr schnell, ob sich Resonanz einstellt.

Sie sind selbst betroffen. Wie haben Sie das entdeckt?

Vor 20 Jahren im Rahmen einer kinesiologischen Ausbildung. Doch in meinem Umfeld konnte ich dazu damals keine Hilfe finden, schon gleich keine Akzeptanz. Ich bin selbst System-Aufstellerin und habe sehr viel geforscht und kenne diesen Vervollständigungsweg in- und auswendig. Mein Weg in die Klarheit führte über die Aufstellungsmethode, eine Visionssuche in der Wildnis und den kreativen Ausdruck. Sehr geholfen hat mir auch eine therapeutisch begleitete imaginäre Reise mit einer Hebamme zurück in die Zeit der Gebärmutter. So konnte ich nicht nur meine ungeborene Zwillingsschwester wahrnehmen, erkennen und anerkennen, sondern auch begreifen, dass wir ursprünglich sogar zu dritt angelegt waren. Das war dann wahrlich der Schlüssel zu mir selbst.

Denn wenn das Unbewusste mal gelüftet ist, können sich die Gaben entfalten. Alles hat ja auch einen tieferen Sinn. So zeige ich in der Internet-Konferenz viele verschiedene Wege der Annäherung auf, sodass man es ganzheitlich erfassen kann. 30 Experten verschiedener Fachrichtungen sprechen und zeigen das ganze Bild.

Wie und wie schnell kann eine Heilung der Seele erfolgen?

Das ist natürlich abhängig vom Betroffenen und seiner weiteren Lebenserfahrung. Doch sie beginnt bereits damit, dass man weiß, wer man ist (Fundament). Unser Leben steht und fällt mit dem Thema Selbstwert. Jemand, der einen solchen Verlust erlitten hat, hat eine sogenannte Zwillingswunde, ohne deren Begreifen es schwer ist, (natürlich) selbstbewusst zu sein. Im Wissen um das Warum – warum ich zum Beispiel beruflich immer etwas Neues beginne und/oder nicht zu Potte komme, oder Beziehungen ständig scheitern -, liegt schon der Anfang zur Problemlösung.

Fragen: Christiane Keutner

Zur Person

Ira Hauptmann, 48 Jahre, ist in Lichtenfels in Oberfranken aufgewachsen. Nach ihrem Innenarchitektur-Studium arbeitete sie in ihrem Beruf und begann im Alter von 30 Jahren zudem eine Ausbildung zur Gestalttherapeutin, begründet nach Fritz Perls in den 1960er Jahren. Seit zehn Jahren lebt und arbeitet sie in Bermatingen und betreibt dort eine Praxis für Beratung und Potenzial-Entfaltung. Ihr Hobby sind Tiere. Sie bringt sich gern in entsprechende Projekte ein, hat eine Riesenschnauzer-Mischlingshündin und Hühner.

Informationen unter: www.kongress-verlorenerzwilling.com

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