Ein Piepsen kündigt es an: Daniel Rickenbacher möchte etwas sagen. Rasch wählen seine Finger die Worte auf der Tastatur seines Sprachcomputers aus. „Ich war noch nie in dich verliebt, sorry“, wirft eine Roboterstimme in den Raum. Daniel lacht bei diesen Worten hell auf, wirft den Kopf zurück – und streckt seine Arme in Richtung der blonden Frau, die neben ihm sitzt. Die Frau ist Isabelle Kölbl. Rein rechtlich ist sie eine Prostituierte. Isabelle Kölbl aber nennt sich selbst Sexualbegleiterin. Das heißt, sie bietet sexuelle Dienstleistungen speziell für Menschen mit Behinderung an. Und Daniel Rickenbacher ist ihr Kunde.

Daniel Rickenbacher ist 22, er kommt aus Illgau im Schweizer Kanton Schwyz und ist in seinem Alltag auf verschiedene Hilfen angewiesen: Er braucht einen Rollstuhl, um sich fortzubewegen. Er braucht den Sprachcomputer, um sprechen zu können. Und er braucht Frauen wie Isabelle, sagt er. Denn viel zu lange habe er, der wegen eines Sauerstoffmangels bei der Geburt spastisch behindert ist, seine Sexualität nicht ausleben können. Isabelle Kölbl ist für Rickenbacher deshalb viel mehr als eine Prostituierte: Das erste Date war für den jungen Mann wie ein Befreiungsschlag.

Lange habe er sich nicht getraut, seine Bedürfnisse nach Nähe, Zärtlichkeit und Sex zu äußern, erzählt Rickenbacher. Aus Angst, aus Scham. „Es war für mich sehr schwer, mit meiner Bezugsperson über mein Problem zu sprechen“, erinnert er sich. Die größte Hürde aber sei es gewesen, mit seinen Eltern zu reden. Die regelten damals noch seine Finanzen. „Ich wusste nicht, wie sie reagieren würden“, sagt Rickenbacher. Denn für jedes Treffen mit Isabelle muss der 22-Jährige bezahlen. 260 Franken waren es beim ersten Treffen, 200 bei jedem weiteren.

Wegen dieser Ängste bezeichnet er den Weg bis zum ersten Treffen als steinig. Was dann kam, sei wie ein Traum gewesen: „Ich durfte endlich Mann sein, gestreichelt werden, geküsst  werden. Ich war ein Mann. Und nicht ein Mann mit einer starken Behinderung.“ Nicht nur seelisch, sondern auch physisch gehe es ihm bei und nach den Treffen besser: „Durch die Dates lösen sich die Spastiken“, sagt Rickenbacher. Er könne entspannen, loslassen – das wirke sich positiv auf seinen Alltag aus. Und auch seine Eltern seien schließlich voller Verständnis gewesen, als er äußerte, was ihn bedrückte: „Als ich es gesagt habe, war nicht das Problem, dass ich das machen möchte, sondern dass ich über ein Jahr lang nicht gesagt habe, wie es mir geht“, erzählt er heute.

Ein langer Weg zum Recht auf Sex

Behinderung und Sexualität – das war lange nicht zusammen denkbar. Zwangssterilisationen, Mehrbettzimmer in Heimen oder Medikamente, die die Lust unterdrücken, verhinderten, dass diese Themen einander finden konnten. Partnerschaft unter Menschen mit Behinderung? Gar Eheschließungen oder Kinderwunsch? All das war lange ein Tabu. Fremdbestimmung statt Selbstbestimmung stand auf der Tagesordnung.

Aber die Zeiten, in denen satt und sauber als Maßstab in der Pflege galt, sind vorbei. Teilhabe lautet die neue Losung – auch in Sachen Sexualität, sagt Joachim Walter. Die sei nämlich ein Grundrecht. Walter ist Diplompsychologe, Pfarrer, war Professor für Sozialpsychologie an der Evangelischen Hochschule in Freiburg und Leiter der Diakonie Kork Epilepsiezentrum. Seit Jahrzehnten beschäftigt er sich mit dem Thema Sexualität und Behinderung. „In der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen ist das Recht auf Sexualität international verschriftlicht worden“, erklärt der Mann, der auch die anderen Zeiten noch erlebte. Zeiten, in denen er als junger Mann in einem Heim für Menschen mit Behinderung zu arbeiten begann und feststellte, dass Frauen und Männer streng voneinander getrennt wurden. „Das fand ich unmenschlich“, erinnert sich Walter, der es schließlich schaffte, diesen Zustand zu ändern. Mit viel Gegenwind.

Nun ist es Artikel 23 der Konvention der Vereinten Nationen, der Walter und seinen Bestrebungen Recht gibt. Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderung in Fragen der Ehe, Familie, Elternschaft und Partnerschaft – dazu verpflichten sich die Staaten in besagtem Artikel. Aber nicht nur auf dem Papier hat sich in den vergangenen Jahren viel bewegt. Joachim Walter spricht von einem Generationenwechsel: „Eltern konnten sich früher nicht vorstellen, zu akzeptieren, dass ihr Kind mit einer Behinderung sexuelle Wünsche hat. Heute haben viele eine Vorstellung vom Recht auf Sexualität.“ Das Angebot der Sexualbegleitung hält er für absolut relevant – sei sie doch für viele Menschen mit Behinderung oft die einzige Möglichkeit, sexuelle Nähe zu erfahren – und sich selbst, den eigenen Körper sowie den Umgang mit dem Körper des Gegenübers zu erlernen.

Isabelle Kölbl arbeitet als Sexualbegleiterin

Was Daniel Rickenbacher und Isabelle Kölbl verbindet, ist eine Surrogatpartnerschaft. So jedenfalls definiert Kölbl den Beziehungsstatus zwischen sich und ihren Kunden. Der Begriff stammt aus der Sexualtherapie und meint, dass sie als Sexualbegleiterin für eine gewisse Zeit den Partner, den ihre Kunden nicht haben, ersetzt.  „Weil in der Zeit dieser Partnerschaft alles passieren darf, was in einer richtigen Partnerschaft auch passieren kann, darf, soll.“ Kölb nennt es auch „das volle Programm“ – und meint damit, dass sie mit ihren Kunden schläft. Für sie ist Sex eine höhere Form von Kommunikation, sagt sie. „Für viele ist das eine wunderbare Art, sich körperlich auch untereinander zu unterhalten und sich auszudrücken.“ Das gelte insbesondere im Zusammenhang mit Behinderung oder auch Demenz.

Vor acht Jahren begann Kölbls Karriere als Sexualbegleiterin – mit einer speziellen Ausbildung. Die wurde schon damals in der Schweiz angeboten, von Pro Infirmis etwa, einer Fachorganisation für Menschen mit Behinderung in der Schweiz, oder von der Fachstelle für Behinderung und Sexualität, die die Aktivistin Ahia Zemp einst ins Leben rief – eine der Schweizer Vorkämpferinnen für sexuelle Gleichstellung und Selbstbestimmtheit.

Diese Ausbildung ist es, die Isabelle Kölbl von anderen Prostituierten unterscheidet. Sie hat gelernt, mit Menschen, die eine Behinderung haben, umzugehen. Sie weiß, wie sie einen Rollstuhlfahrer aus seinem Rollstuhl hebt – und sie hat keine Berührungsängste. „Für mich war von Anfang an klar, dass ich die Dienstleistung ohne Wenn und Aber, ohne Tabus anbiete“, sagt Kölbl, wenn sie an ihre Ausbildung zurückdenkt. Und das gilt auch für die Frauen, die Kölbl inzwischen selbst ausbildet und die sich auf der barrierefreien Internetplattform "sexcare" anbieten, die sie vor einiger Zeit ins Leben gerufen hat und die sie jetzt auch in einer deutschen Variante am Hochrhein platzieren will.

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Nicht alle bieten pauschal Sex gegen Geld 

Aber nicht bei allen Sexualbegleitern kann man pauschal die Dienstleistung Geschlechtsverkehr buchen. „Bei uns kann man keine speziellen sexuellen Akte kaufen“, sagt Erich Hassler. Er ist Leiter der Initiative Sexualbegleitung in Zürich, und auch er bildet Sexualbegleiter aus. Sein Ziel ist die Förderung sexueller Selbstbestimmtheit von Menschen mit Behinderung. Sein Angebot heißt Begegnung. Bei einem Treffen sei alles möglich. „Wir wollen Sexualität nicht auf den Geschlechtsverkehr reduzieren“, sagt er. Vor zwölf Jahren hat er sich zum Sexualbegleiter ausbilden lassen – von Nina de Vries, einer der bekanntesten Sexualbegleiterinnen in Europa.

„Die Ausbildung war genial gut“, sagt Hassler. „Meine Frau hat damals in der Zeitung gelesen, dass Berührer gesucht wurden und sagte: Das wäre doch was für dich.“ Damals schon engagierte sich Hassler im Behindertensport – Berührungsängste kannte er nicht, Tantra ist sein Rezept: Berühren und berühren lassen. Einmal habe er einen jungen Mann einfach eine Stunde lang im Arm gehalten – der zuvor im Schwimmbad immer wieder durch sexuelle Übergriffe aufgefallen sei. „Er hatte einfach ein Defizit an Nähe“, sagt Hassler, der sich auch Sexualtherapeut nennt.

Erich Hassler leitet die Initiative Sexualbegleitung für Menschen mit Behinderung in Zürich.

Auch Aufklärung ist Hassler ein wichtiges Anliegen – am lebenden Subjekt gewissermaßen. „Ich mache Aufklärung am Menschen. Wenn man Menschen mit Behinderung eine Banane und ein Kondom zeigt, versteht das nicht jeder.“ Und Hassler weiß: „Viele Menschen mit Behinderung schauen Pornos und denken, dass das, was sie dort sehen, auch das ist, was sich Frauen wünschen.“ Dass das nicht unbedingt so sein muss, darüber klärt Hassler auch auf.

Neben der Möglichkeit, sexuelle Selbstbestimmung zu schaffen, ist es sein großes Anliegen, die Sexualbegleiter in Europa zu vernetzen. Mit Anbietern in Tschechien arbeitet er zusammen, guten Kontakt hält er mit Österreich. Und er war auch einige Zeit in Deutschland unterwegs. Hier ist es das Institut für sexuelle Selbstbestimmung im niedersächsischen Trebel, das Sexualbegleiter ausbildet. Gegründet wurde es von Lothar Sandfort, der selbst im Rollstuhl sitzt. Seine Ausbildung ist Learning by Doing. Angehende Sexualbegleiter und Menschen mit Behinderung treffen dort bei Workshops aufeinander, lernen sich kennen, essen gemeinsam, verbringen einen tantrischen Nachmittag und verabreden die ersten Dates, erklärt Hassler. Ausgehend von den Erlebnissen in Trebel hat Hassler seine Initiative in der Schweiz gegründet.

Erich Hassler und Isabelle Kölbl gehen offen mit dem um, was sie tun. Beide erleben neugierige Rückfragen, wenn sie davon berichten – und viel Zuspruch. „Die meisten Leute sagen: Es ist gut, dass es das gibt“, sagt Hassler. Dennoch habe er das Gefühl, dass er sich nach wie vor mit einem Tabuthema auseinandersetze. „Oft kommt die Rückfrage: Ist das nicht Prostitution?“, sagt Hassler. Seine Antwort lautet: „Ja, aber! Wichtig ist die Reflexion: Nicht der Kunde, sondern der Mensch steht im Vordergrund. Wir wollen Menschen auf ihrem Weg einer selbstbestimmten, persönlichkeitsfördernden Sexualität begleiten und unterstützen.“ Dennoch sei es wichtig, das Geld zu nehmen. 150 Franken kostet ein Date mit Erich Hassler. „Wir haben Aufwand, wir investieren Zeit. Und es ist wichtig, dass die Person uns das Geld selbst gibt. Damit sie sieht: Diese Dienstleistung muss bezahlt werden.“

Unterschiedliche Meinungen zum Thema Finanzierung

Diesbezüglich aber gehen die Meinungen auseinander. „Das sollte nicht von einer sozialen Einrichtung bezahlt werden“, sagt Erich Hassler. Er wünsche sich, dass Menschen mit Behinderung in Werkstätten stattdessen endlich besser bezahlt würden. Und auch die Position des Verbands Pro Familia in Deutschland ist diesbezüglich deutlich. Mathias Graf, Psychologe bei Pro Familia in Singen, berichtet von einer langen Diskussion in Deutschland zu der Frage, ob Sexualbegleitung als Element der Teilhabe finanziert werden muss. „Das Ergebnis ist gewesen: Nein, das ist etwas, das man sich selbst leisten muss“, so Graf. Gleichzeitig weiß er: „Die Leute müssen darauf schon richtig sparen.“

Etwa 800 Franken sind es, die Daniel Rickenbacher im Jahr ausgibt, um Isabelle Kölbl zu treffen. Viermal jährlich trifft er die Frau, die ihm sein Leben so erleichtert. „Und die Vorfreude ist riesig“, ruft die blecherne Stimme seines Sprachcomputers in den Raum.

Fragen und Antworten zu Sexualbegleitung