Tengen Windkraftanlagen Verenafohren: 70-Meter-Rotorblatt fast auf Abwegen

Beim spektakulären grenzüberschreitenden Transport nach Wiechs am Randen gibt es einen kurzen Schockmoment

Die drei im Bau befindlichen Windkraftanlagen im Waldgebiet Verenafohren hinterlassen auch auf der Straße aufsehenerregende Spuren. Es ist der zweite von drei Schwertransporten an diesem Vormittag in Wiechs am Randen, als es plötzlich passiert: Ein Rucken, ein metallenes Geräusch und dann Stillstand. Auf der kurvenreichen Straße beim Weiler Schlauch hängt ein 15 Tonnen schweres und 65 Meter langes Windrad-Rotorblatt am seidenen Faden. Die Verbindung zwischen Fahrzeug und Auflieger ist rausgerutscht. Schockmoment bei allen rund 30 Beteiligten der Transportfirma, Begleitwagen und Polizei. „So etwas habe ich in meiner beruflichen Laufbahn noch nie miterlebt“, berichtet Michael Barkowski, der die Fahrer nah begleitet.

Mühsam rollt der Transporter mit dem Windrad die Schlauchstraße hinauf. Er wird von mehreren Sicherheitsfahrzeugen begleitet.
Mühsam rollt der Transporter mit dem Windrad die Schlauchstraße hinauf. Er wird von mehreren Sicherheitsfahrzeugen begleitet. | Bild: Sabine Tesche

Auch für Transportleiter Dieter Abt ist der Vorfall ein Novum: „So etwas darf einfach nicht passieren und ist es bisher auch nie – wenn das auf der Autobahn geschehen wäre, hätte es eine Katastrophe geben können.“ Die Mitarbeiter der Transportfirma schaffen es schließlich, dass sich das Gefährt wieder in Gang setzt. 15 Tonnen Rotorblatt, flankiert von Begleitwagen und Polizei aus Österreich, der Schweiz und Deutschland, schieben sich in Schrittgeschwindigkeit den Berg hinauf zum Ortsrand von Wiechs. Es gilt an diesem Morgen, drei gigantische Rotorblätter über den schweizerischen Zoll in Bargen ein paar Kilometer nach Wiechs am Randen zu transportierten. Die haben es aber in sich. Das Spektakel lässt auch einige Schweizer Zöllner kurzzeitig staunend aus dem Alltag entfliehen.

Michael Barkowski betont, wie anspruchsvoll die Strecke für einen Schwertransport sei. „Da ist höchste Konzentration nötig“, erklärt er. Im Normalfall werde ein Lastenzug von nur einem Sicherungsfahrzeug begleitet.In dem knapp 400 Einwohner zählenden Tengener Stadtteil Wiechs am Randen haben sich rund 50 Schaulustige eingefunden, um das Schauspiel mitzuerleben. Unter ihnen die Ortsvorsteherin Gabriele Leichenauer. „Wir sind stolz und glücklich, dass das Projekt so gut verläuft“, schildert sie strahlend. Auch der Tengener Bürgermeister Schreier gibt sich zufrieden: „Etwas Vergleichbares gibt es im gesamten Landkreis nicht.“ Die extralangen Rotorblätter seien in der Region einmalig.

Viele Sicherheitsleute und Zuschauer verfolgen das Spektakel bei der Anlieferung der Rotorblätter im Oberdorf von Wiechs.
Viele Sicherheitsleute und Zuschauer verfolgen das Spektakel bei der Anlieferung der Rotorblätter im Oberdorf von Wiechs. | Bild: Sabine Tesche

Am Ende des Morgens sind alle Einzelteile eines Windrades in Wiechs angekommen, an einem großen Lagerplatz im Oberdorf. „20 000 Euro hat der Transport der Rotorblätter gekostet. Kran und Straßensicherung schlugen mit jeweils rund 5000 Euro zu Buche, berichtet Transportleiter Abt. Ab dem 27. März soll mit der Montage aller drei Anlagen begonnen werden. Die Teile werden mit einem selbstfahrenden Spezialfahrzeug in den Wald gebracht, so Abt. Laut Projektleiter Christoph Tonder wird der Aufbau der Windräder etwa eine Woche dauern. Allein der Kran, der die Einzelteile zusammenfügt, müsse in 40 Laster-Ladungen angeliefert werden. Anfang April soll der Testbetrieb des Verenafohren-Windparks aufgenommen werden. „Das ist eine sinnvolle Investion für die Energiewende“, betont Bettina Böhler-Veit. „Die gesamten Arbeiten verfolgen wir mit großem Interesse. Wir haben die Windkraft zum großen Thema beim bunten Abend gemacht“, verraten Bruno Scheu und Sohn Tobias von der Grenzgeister-Zunft Wiechs.

Rund um die Windkraftanlagen Verenafohren in Wiechs am Randen

  1. Die Windkraftanlage, die eine Nabenhöhe von 135 Metern haben soll, wird nach der Fertigstellung fast 200 Meter in den Himmel ragen. Laut Angaben des Betreibers, der Hegauwind GmbH und Co. KG, sollen die Windräder etwa 20 Millionen Kilowatt Strom pro Jahr produzieren und für 20 000 Menschen reichen. Das entspreche dem Strombedarf der Gemeinden Tengen, Hilzingen und Engen. Es wurden 82 Hektar Land von 82 Eigentümern angepachtet. Das gesamte Projekt kostet rund 16,5 Millionen Euro.
  2. Wissenswert ist auch die Tatsache, dass der Windpark Verenafohren, der über insgesamt vier Jahre lang geplant wurde, über einen speziellen Sicherheitsmechanismus verfügt, der die Anlagen bei ungünstigen Wetterbedingungen, zum Beispiel großer Kälte, automatisch abschaltet. Verbessern sich die Umstände, nehmen die Windräder den Betrieb von selbst wieder auf. Dank eines Fernwartungssystems können die meisten technischen Probleme übrigens ohne Personaleinsatz vor Ort gelöst werden.
  3. Die extralangen Rotorblätter der Schwachwind-Anlage sind in der Region einmalig. Mit einer Länge von 65 Metern übertreffen sie die Dimensionen in Ulm. Dort sind die Rotorblätter knapp sieben Meter kürzer. Zudem laufen die Windräder mithilfe eines Getriebes – ein Vorteil gegenüber generatorgetriebenen Anlagen. Während diese ununterbrochen angetrieben werden müssen, und so bei Windstille selbst Strom fressen, statt zu produzieren, können getriebegesteuerte Windräder an lauen Tagen still stehen.
  4. In Deutschland sind Sondertransporte dieser Art nur in der Nacht möglich. Da die Route einige Kilometer über die Schweiz verlief, galt das Schweizer Recht. Danach dürfen solche Transporte nur bei Tage stattfinden. Auch die Schweizer Firma Sh-Power gehört neben den Stadtwerken Engen, Singen und Radolfzell sowie der Bürgerenergie Bodensee und Solarcomplex zur Betreibergesellschaft.
Informationen im Internet: www.verenafohren.de

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