Markus Müller weiß, wovon er spricht, wenn er von Doping erzählt. Seine Muskeln sind unter dem weißen Rollkragenpullover deutlich zu erkennen. Er hat sich sein massiges Aussehen erarbeitet – mit Training und Testosteron. Er hat Dopingpräparate zunächst genommen, dann verkauft. Und er nimmt sie bis heute, auch wenn er die Risiken genau kennt.

Er wartet an der Tür eines Cafés in der Bodenseeregion. Er ist groß, auch im Winter braungebrannt und trägt seine kurzen, dunklen Haare zurückgegelt – das wirkt ebenso jugendlich wie seine Tattoos und Piercings. Dabei ist Markus Müller kein übereifriger Fitnessjünger Anfang 20. Er ist über 30 und selbstständiger Geschäftsmann.

„Die wenigsten wissen, was sie da nehmen“, erzählt er. Er redet nichts schön, wirkt reflektiert. Markus Müller heißt nicht Markus Müller, die Anonymisierung soll ihn schützen. Denn Doping ist in jeder Form strafbar: Besitz, Handel und Gebrauch. Bei Handel drohen drei Jahre Gefängnis. Das weiß Markus Müller, deshalb fürchtet er nach einem ersten Gespräch die Berichterstattung und zieht sich zurück.

Zwei Millionen Freizeitsportler haben Erfahrung mit Doping


Antworten gibt er dennoch auf Fragen, die beim Thema Doping unter den Nägeln brennen. Denn dass Profisportler mit Medikamenten ihre körperliche Leistung verbessern, ist nicht erst seit Skandalen im Radsport und den Vorwürfen um systematisches Doping russischer Leichtathleten bekannt. Die Gesetze und Kontrollen werden schärfer, dennoch fliegen regelmäßig Doping-Skandale auf. Dass das Phänomen auch vor den örtlichen Fitnessstudios nicht Halt macht, ist eine Entwicklung der vergangenen Jahre. Gerade junge Kraftsportler gehörten zu seinen Kunden, berichtet Markus Müller. Laut der Zeitschrift für Sportmedizin gaben 2014 etwa zehn bis 20 Prozent der Mitglieder von deutschen Fitness-Studios an, bereits einmal Dopingsubstanzen eingenommen zu haben. 2014 waren laut Arbeitgeberverband für die Fitness-Wirtschaft rund neun Millionen Deutsche in einem Fitnessstudio angemeldet. Demnach haben knapp zwei Millionen der deutschen Freizeitsportler Dopingerfahrung, die Dunkelziffer ist unbekannt.

Für Eric Kempter, Endokrinologe aus Radolfzell, ist verblüffend, dass diejenigen nachhelfen, die es offenbar nicht nötig haben: „Diese jungen Kerls stehen vor dir und sehen aus wie das blühende Leben mit einer guten Muskulatur.“ Regelmäßig hat der Hormonarzt solche Patienten in seiner Praxis – nicht jeden Tag, aber jede Woche. Meist sind sie männlich und zwischen 16 und 30 Jahren alt. Die wenigsten wollen ein Rezept für Doping-Mittel, denn dafür haben sie ihre sicheren Quellen. Die meisten suchen Hilfe.

Die Nebenwirkungen von anabolen Steroiden, also synthetischen Versionen von Testosteron, sind immens: „Viele haben Brustspannen“, sagt Kempter. „Da haben sie einen großen Leidensdruck und kommen, weil sie das T-Shirt nicht mehr auf der Haut ertragen.“ Außerdem wäre bei vielen die Sexualität gestört: „Die Hoden werden kleiner, manchmal bekommen sie Potenzprobleme.“ Ein Teufelskreis: „Wenn Männer große Mengen Testosteron oder testosteronartige Substanzen nehmen, werden die teils zu Östrogen verstoffwechselt“, erklärt der Hormonarzt. Wer sich mit Testosteron männliche Muskeln verspricht, holt sich mit der gleichen Spritze also das weibliche Sexualhormon Östrogen in den Körper.

Das Problem ist die Dosis


Dabei ist Testosteron an sich nichts Schlechtes. „Das Problem ist nur, dass die Bodybuilder so hohe Dosierungen nehmen. Ein Mann, der ein hormonelles Problem hat, bekommt eine Dosis von 100 Milligramm alle drei oder vier Wochen. Bodybuilder spritzen sich diese Dosis mehrfach in der Woche.“ Dadurch arbeite das eigene Hormonsystem eingeschränkt, die Folgen können dauerhaft sein. Bodybuilder wissen das und haben Gegenmittel gefunden.

Denn wer seinen Körper mit Hilfe von Medikamenten gestaltet, hat rasch nicht nur ein Präparat im Schrank. Schon beim Testosteron gibt es Unterschiede. Seine anabole Wirkung sorgt für Muskelaufbau, seine hormonelle fördert Haarwuchs und verursacht Akne. Von ersterem möchte der Sportler möglichst viel, von letzterem möglichst wenig. „Man hat durch chemische Veränderungen am Testosteronmolekül Abkömmlinge, anabole Steroide, entworfen, bei denen die unerwünschten Wirkungen reduziert sind“, erklärt Kempter. Zusätzlich ist es besser aufnehmbar, denn bei natürlichem Testosteron in Tablettenform werden 90 Prozent sofort in der Leber verarbeitet.

Doch bei Testosteron bleibt es bei den Bodybuildern häufig nicht: Gegen Wirkungen des zusätzlichen Östrogens, etwa Brustspannen, wirkt Tamoxifen, ein Östrogenblocker. Frauen verwenden das zur Therapie von Brustkrebs. Männer, um Nebenwirkungen des Dopings zu mindern. „Das ist verschreibungspflichtig und bei Männern nicht verordnungsfähig“, sagt Kempter. Ähnlich ist es bei dem Schwangerschaftshormon humanes Choriongonadotropin, kurz hCG – was bei Frauen in der Schwangerschaft entsteht. "Dopende Männer nutzen das, um schrumpfende Hoden zu vermeiden beziehungsweise das Hodenwachstum wieder anzuregen", erklärt Kempter. Erst neulich habe er wieder einen solchen Fall gehabt: „30 Jahre alt, irrsinnig hohe Steroide, alles genommen, immer noch im Chatkontakt mit irgendeinem Dealer. Die Jungs, die das verkaufen, meistens geben die Tipps. Der sitzt hier, tippt in seinem Handy rum und fragt nach hCG.“

Spritzen setzen will gelernt sein


Markus Müller ist einer derjenigen, der Tipps gegeben hat. Dazu gehören Grundlagen wie das Spritzen – das fällt manchen nicht leicht, erinnert er sich. Anfangs habe er vielen seiner Kunden zeigen müssen, wie das geht: In einen Muskel, bloß nicht in eine Arterie oder Vene. Nicht nur wegen der Nadel kein gutes Gefühl, weiß der Endokrinologe Eric Kempter: „Wenn man dreimal in der Woche zwei Ampullen spritzt, empfindet man das ölige Hormondepot als unangenehm." Markus Müller sagt, man gewöhne sich daran. Besonders, weil man rasch eine Wirkung sehe: Nach wenigen Wochen werden die Muskeln größer. Aber: „Viele wissen nicht, dass sie dann noch viel härter trainieren müssen“, sagt Müller. Dazu gehöre auch die richtige Ernährung.

Denn ebenso schnell, wie die Muskeln kommen, gehen sie wieder. Während der Einnahme bewirkt Testosteron, dass sich die Schmerzgrenze verschiebt. „Die sind viel aggressiver, was den Umgang mit sich und ihrem Körper angeht“, hat Kempter beobachtet. Aber: „Wenn sie sich mit Doping 20 Kilo antrainiert haben, ist die Muskulatur ein paar Wochen nach dem Absetzen wieder weg.“ Deswegen nehmen viele dauerhaft Testosteron-Präparate, teilweise über Jahre - wie Markus Müller. Er hat schon in jungen Jahren mit Medikamenten nachgeholfen und nennt eine Operation als Ursache – danach sei sein Hormonhaushalt durcheinander geraten, er habe Testosteron gebraucht. Solche Fälle sind der Grund, weshalb es Testosteron auf Rezept gibt. Die Muskeln und das gute Körpergefühl, die damit einhergehen, sind der Grund, weshalb auch Menschen ohne Krankheit auf das Hormon setzen.

Dass er seine körperliche Fitness mit medizinischer Hilfe erreicht hat, bereitet Markus Müller kein Kopfzerbrechen. Er weiß, wie viel Arbeit trotz des Dopings hinter seinen Muskeln steckt. Und er weiß auch, welches Risiko er auf sich genommen hat, deshalb hat er seine Dosis gesenkt und rät auch anderen dazu, es nicht zu übertreiben. Für ihn ist das Nachhelfen aber nicht mehr aus den örtlichen Fitnessstudios wegzudenken: Obwohl viele nicht genug über Doping wissen, wissen sie, dass es diese Möglichkeit gibt.

Meist ist das Fitnessstudio auch der Ort, wo man sein Doping kauft, weil ein Freund jemanden wie Markus Müller kennt. Ein kostenintensiver Spaß: „Prinzipiell sind diese Substanzen nicht teuer“, erklärt Kempter, doch das würden sie durch die Verbote. Quelle der Informationen ist heute das Internet, wo Nutzer sich in Foren austauschen. „Dadurch, dass das Thema im Internet so selbstverständlich behandelt wird, ist sicherlich auch die Hemmschwelle für viele gefallen, das auszuprobieren“, bestätigt der Endokrinologe Eric Kempter. Als Arzt kann er aber nur einen Tipp geben: Aufhören. Weil der schöne Schein mit einem unkalkulierbaren Risiko und schweren Nebenwirkungen bezahlt wird.  Markus Müller weiß das, dennoch denkt er nicht an das Aufhören – schließlich habe er die richtige Dosis gefunden, um sich gut zu fühlen.  
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