Johann Kees ist Mannschaftsarzt der Volleyballer des VfB Friedrichshafen, seit er vor zwölf Jahren die kränkelnden Spieler nach einem Champions-League-Spiel in Russland fit gemacht hat. Damals kam der Co-Trainer des Teams in Kees' Praxis für Sportmedizin und zeigte sich begeistert von der raschen Wirkung der Hochleistungsmedizin mit Eigenblut, die in der Region nur er anbot. Solche Infusionen sind für Profisportler inzwischen verboten. Was sich noch verändert hat und warum Doping und der Graubereich im Profisport eine so große Rolle spielen, verrät Kees im Interview.

 

Herr Kees, Sie bieten Eigenbluttherapie an – ist das nicht verboten?

Das ist bei Profisportlern verboten und bei normalen Patienten erlaubt. Es ist im Profisport deshalb verboten, weil die Eigenbluttherapie im Extremfall so aussah, dass sie den Sportlern irgendwann mal während Trainingszeiten Blut abgenommen und in Wettkampfzeiten wieder zugeführt haben, um die Menge des Blutes zu erhöhen. Was Irrsinn ist, aber in bestimmten Sportarten das letzte Quäntchen bringt. Dass das natürlich auch Risiken und Gesundheitsgefahren hat, das war klar. Das hat dazu geführt, dass sogar die homöopathische Therapie des Eigenblutspritzens verboten ist. Dabei werden fünf Milliliter Blut mit Homöopathie vermischt und wieder in den Muskel gestochen – das wirkt zwar auch leistungssteigernd, aber nicht wie im Spitzensport bei einer Transfusion von einem halben Liter Blut.
 

Zeigt Doping, dass Sportler immer funktionieren müssen?

Die Sportler sind ständig unter Volllast und der Körper ist ständig an der Grenze. Sportler haben relativ häufig Gelenk- und Muskelprobleme. Und deshalb ist der Konsum von NSAR höher als in der normalen Bevölkerung. NSAR sind nicht steroidale Antirheumatika. Das sind zum Beispiel Voltaren und Ibuprofen.
 

Wie haben Sie in Ihrer Arbeit dann mit Doping zu tun?

Ich muss die NADA-Liste parat haben [Die Liste mit Doping-Medikamenten der Nationalen Anti Doping Agentur; Anm. d. Red.]. Man muss genau wissen, was fällt unter Doping und was ist noch erlaubt. Zum Beispiel Aspirin Complex ist verboten. Complex ist Ephedrinhydrochlorid und das ist leistungssteigernd. Ephedrin ist sogar teilweise in Nasensprays drin. Das kann sich jeder kaufen, aber im Leistungssport ist das verboten. Da muss man auch seine Sportler aus aller Herren Länder impfen, dass sie das nicht machen. Der Spieler hat die letztendliche Verantwortung für sich. Da gibt es ganz klare, harte Regeln. Hier finden ständig Dopingkontrollen statt.
 

Spielen Kontrollen eine große Rolle?

Erstmal sind sie sehr aufwendig. Wenn ein Sportler eine Dopingkontrolle hat, muss er jedes Mal erklären, bis ins Detail, was er genommen hat. Alle Nationalspieler werden relativ häufig besucht, bei denen klingelt es drei- oder viermal im Jahr morgens früh an der Haustür. Der Sportler muss auch ständig melden, wo er ist. Doch das macht Sinn: Wenn man nicht kontrollieren würde, würde sich niemand drum scheren.


Gab es dabei schon einmal Probleme?

Nein. Der Graubereich ist das Problem. Dass jemand bewusst dopt, ist im Volleyball eigentlich nicht üblich. Weil es eine Mannschaftssportart ist und weil im Volleyball der Kopf eine große Rolle spielt. Theoretisch würde Testosteron bei uns Sinn machen, aber das macht niemand, weil es zu leicht nachweisbar wäre.


Ab wann greifen denn Dopingregeln?

In dem Moment, in dem man anfängt, an Wettkämpfen teilzunehmen, egal in welcher Form. Auch in der Kreisklasse.


Wie steht es um die Versuchung, die Leistung mit Medikamenten zu steigern?

Die Sportler setzen sich selbst damit auseinander, aber sie brauchen immer einen Arzt. Was wir haben, sind Leistungssportler, die nach einem legalen Weg suchen, um optimaler zu sein. Und wir haben viele Nachfragen von Freizeitsportlern, gerade aus dem Muskelprogramm heraus, also Bodybuilding. Der Bedarf beim Freizeitsportler ist da.


Wie reagieren Sie dann?

Wenn man Hochleistungssportler ist, kann man sich das nicht erlauben. Ich bin kein Doping-Arzt. Natürlich habe ich auch normale Patienten mit einem Testosteronmangel. Ich habe auch Patienten, die Epo [Erythropoetin, ein Hormon, durch das die Blutzellen mehr Sauerstoff aufnehmen können und die Ausdauer erhöht, Anm. d. Red.]
brauchen. Das kann man verschreiben und das übernimmt die Krankenkasse, aber nur bei entsprechender Indikation. Die Kasse hat da ein Auge darauf, deshalb gibt es mit Testosteron auch immer Ärger.
 

Gibt es denn Spitzensportler, die absolut nichts nehmen? Keine Schmerztablette, kein Nahrungsergänzungsmittel?


Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die nicht wenigstens irgendwas probieren, was erlaubt ist. Und wenn sie bloß einen Kaffee trinken vor dem Spiel – Kaffee ist mittlerweile frei, wird aber beobachtet.
 

Was halten Sie davon, dass manche Experten fordern, Doping freizugeben, weil dann alle die gleichen Möglichkeiten haben?

Das ist ein schwieriges Thema. Wie weit geht jemand an Risiken ran? Man bewahrt einen Sportler mit der Dopingverordnung ja vor zu vielen Risiken. Da sind ja auch Sachen dabei, die wirklich brandgefährlich sind. Es gibt genug tote Radfahrer. Die Leute sind bereit, da über Leichen zu gehen.
 
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